Berufsbildung am Wendepunkt

4 Jugendlliche schauen auf eine Stadt

Der „Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026“ zeigt: Deutschland fehlen Fachkräfte, weil Ausbildung, Betriebe und Jugendliche zu selten zueinanderfinden. KI erhöht den Druck, Reformen voranzutreiben.

Der Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026 ist mehr als eine weitere Bildungsstatistik. Er ist eine wirtschaftspolitische Warnung. Deutschland verliert Substanz an einer Stelle, an der Wachstum, Produktivität und Innovationskraft entstehen: bei der beruflichen Qualifizierung.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDie duale Ausbildung bleibt ein tragender Pfeiler des Standorts. Doch sie trägt weniger als früher. 2024 machten 1,22 Millionen Menschen eine Ausbildung in einem der 324 anerkannten Ausbildungsberufe nach BBiG/HwO. 2010 waren es noch 1,51 Millionen. Laut Report liegt das an sinkenden Schulabgängerzahlen, höheren Schulabschlüssen und einer gestiegenen Studierneigung. Das ist kein Randthema. Hier entsteht eine Lücke, die Unternehmen später als Fachkräftemangel, Produktivitätsverlust und steigende Rekrutierungskosten bezahlen.

Die Lage am Ausbildungsmarkt hat sich 2025 weiter verschärft. Bundesweit wurden 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das waren 10.300 weniger als im Vorjahr. Gegenüber 2019 fehlen 49.100 Verträge. Noch deutlicher fiel der Rückgang beim Angebot aus. 530.300 Ausbildungsstellen standen zur Verfügung, 25.300 weniger als 2024. Das betriebliche Angebot sank um 27.000 Plätze. Die Wirtschaft reagiert also nicht mit einer Ausbildungsoffensive, sondern mit Rückzug. Genau das ist brisant. Denn die Nachfrage stieg im selben Jahr leicht auf 560.300 Personen. Der Markt ist also nicht einfach leergefegt. Er ist schlecht sortiert. Angebot und Nachfrage finden nicht zueinander.


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Wer ausbildet, übernimmt eine Vorleistung ohne Erfolgsgarantie

Diese Passungsprobleme sind der harte Kern der Studie. Zum Stichtag 30. September 2025 waren 39.900 Bewerber:innen unversorgt. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Zeitreihe 2007. Weitere 44.500 hatten eine Alternative, suchten aber weiter eine Ausbildungsstelle. Insgesamt waren 84.400 junge Menschen weiter auf der Suche. Gleichzeitig blieben 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Zahl der unbesetzten Stellen sank zwar gegenüber 2024. Doch der Anteil der weiter suchenden Bewerber:innen an der Gesamtnachfrage stieg auf 15,1 Prozent. Die Einmündungsquote ausbildungsinteressierter Jugendlicher fiel auf 65,3. Ein Ausbildungssystem, das jungen Menschen keinen Einstieg bietet und Betrieben keine Besetzung sichert, erzeugt doppelte Ineffizienz.

Anzeige GehaltstrainingFür Unternehmen liegt die Gegenposition nahe. Nicht jeder Rückgang des Angebots zeugt von mangelnder Verantwortung. Betriebe kalkulieren. Ausbildung bindet Personal, kostet Geld, verlangt Betreuung und birgt das Risiko vorzeitiger Vertragslösungen. Auch dazu liefert der Report Material. 2024 wurden 159.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Die Vertragslösungsquote lag wie im Vorjahr bei 29,7 Prozent. Die Studie betont zwar, dass das keine Abbruchquote ist, weil viele Auszubildende danach erneut einen Vertrag schließen. Für den einzelnen Betrieb bleibt die frühe Lösung dennoch ein Kosten- und Planungsrisiko. Wer in wirtschaftlich schwieriger Lage ausbildet, geht in Vorleistung ohne Erfolgsgarantie.

Externer Arbeitsmarkt liefert keine Fachkräfte zum Nulltarif

Genau hier wird die ökonomische Debatte interessant. Der Report zeigt auch, warum Nichtausbilden teuer werden kann. In der Kosten-Nutzen-Erhebung 2022/23 befragte das BIBB 3.207 ausbildende und 1.026 nicht ausbildende Betriebe. Die Logik ist klar. Auszubildende verursachen Bruttokosten, erwirtschaften aber schon während der Ausbildung Erträge. Bei Übernahme sparen Betriebe Kosten, die sonst bei externer Rekrutierung anfallen würden. Vor allem in Regionen oder Branchen mit Fachkräftemangel verringert eigene Ausbildung die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt.

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDie Zahlen stützen diese Logik. Im Durchschnitt entstanden Betrieben 13.689 Euro Personalgewinnungskosten für eine neue Fachkraft. Das entsprach knapp 59 Prozent der durchschnittlichen Gesamtnettokosten einer dreijährigen Ausbildung. Mehr als die Hälfte dieser Rekrutierungskosten entfiel auf Weiterbildung während der Einarbeitung. Informelles Training verursachte rund 6.500 Euro. Hinzu kamen Leistungs- und Lohnunterschiede während der Einarbeitungszeit von 4.468 Euro. Wer Ausbildung nur als Kostenstelle sieht, übersieht also die Gegenrechnung. Der externe Arbeitsmarkt liefert keine fertigen Fachkräfte zum Nulltarif.

Kostenfaktor mangelnde Passung

Noch gravierender ist die stille Reserve, die längst keine Reserve mehr ist. 2024 hatten 18,8 Prozent der 20- bis 34-Jährigen keinen formalen beruflichen Abschluss. Hochgerechnet sind das 2,76 Millionen junge Erwachsene. Personen ohne Schulabschluss sind besonders gefährdet, ohne Berufsabschluss zu bleiben. Mit steigendem Schulabschluss sinkt die Ungelerntenquote. Überdurchschnittlich häufig betrifft das Personal mit Einwanderungsgeschichte. Diese Zahl ist mehr als ein sozialpolitischer Befund. Sie beschreibt ungenutztes Arbeitskräftepotenzial in einem System, das zugleich über Fachkräftemangel spricht.

Die Zukunft des WissensDer Übergangsbereich zeigt, wie teuer mangelnde Passung werden kann. 2025 stieg die Zahl der Anfänger:innen dort im vierten Jahr in Folge auf 262.000. Anders als in den Vorjahren ging der Anstieg diesmal auf junge Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit zurück. Der Übergangsbereich kann stabilisieren, orientieren und vorbereiten. Er kann aber auch zur Warteschleife werden. Für die Wirtschaft zählt am Ende nicht, wie viele Jugendliche in Maßnahmen auftauchen. Entscheidend ist, wie viele mit verwertbaren Qualifikationen in Betriebe kommen.

KI erweitert das Anforderungsspektrum der Berufsbildung

Den zweiten Schwerpunkt setzt der Report dort, wo die nächste Umwälzung längst begonnen hat: bei Künstlicher Intelligenz in der Berufsbildung. Seine Botschaft ist nicht euphorisch, sondern nüchtern. KI verändert Lehr-, Lern- und Arbeitsprozesse. Sie erweitert das Anforderungsspektrum der Berufsbildung. Das Schwerpunktkapitel untersucht Anwendungen in Berufsorientierung, Ausbildungspraxis, Förderprogrammen, Erwerbstätigkeit und Weiterbildung. Damit verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr darum, ob KI in die Berufsbildung gehört. Es geht darum, wer sie beherrscht, wer sie didaktisch sinnvoll nutzt und wer ausgeschlossen bleibt.

Werbeflaeche ChangemakersEin Beispiel ist Aidy, der KI-Chatbot des Portals Anerkennung in Deutschland. Er bietet Fachkräften eine erste Orientierung zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen. Das Angebot ist kostenfrei, rund um die Uhr verfügbar und mehrsprachig. 2025 wurden mehr als 33.000 Chats geführt. Im zweiten Halbjahr kamen 51 Prozent der Zugriffe aus Deutschland. Weitere wichtige Herkunftsländer waren die Türkei, Indien, Marokko und Pakistan. Das Beispiel zeigt, was KI in der Berufsbildung leisten kann: Zugang erleichtern, Informationen skalieren und individuelle Fragen schneller beantworten. Es zeigt aber auch die Bedingung des Erfolgs. Qualitätssicherung durch Expert:innen bleibt notwendig.

KI-Kompetenz ist Teil beruflicher Handlungsfähigkeit

In der Ausbildungspraxis verweist der Report auf Leando, ein Portal für Ausbildungs- und Prüfungspersonal. Es soll qualitätsgesicherte Inhalte, Lernpfade und praxisnahe Beispiele bereitstellen. Die Zielgruppe ist strategisch gewählt. Ausbilder:innen und Prüfungspersonal bilden die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Sie müssen mit heterogeneren Ausbildenden, demografischem Druck und neuen Anforderungen der wirtschaftlichen Transformation umgehen. Leando reagiert darauf mit niedrigschwelligen Angeboten, die sich zeitlich flexibel nutzen lassen. Das ist kein technisches Detail, sondern ein Hebel für Ausbildungsqualität.

Chefsache – Entscheider im GesprächBesonders konkret wird der Report bei den Fachinformatikerberufen. Ein BIBB-Experiment untersucht mit der Universität Stuttgart, wie ChatGPT auf Auszubildende wirkt. Grundlage waren unter anderem mehr als 2.000 Programmieraufgaben von LeetCode. Bewertet wurden Verständlichkeit, Qualität und Effizienz des Codes. Zugleich verweist der Report auf Analysen von mehr als 3,5 Millionen Stellenanzeigen. Sie zeigen zwischen 2015 und 2022 eine deutlich steigende Nachfrage nach KI-bezogenen Kompetenzen in IT-Berufen. Die Pointe ist klar: In einigen Berufen ist KI-Kompetenz kein Zusatz mehr, sondern Teil beruflicher Handlungsfähigkeit.

Doch auch hier braucht es Gegenrede. KI darf nicht zur Ausrede werden, Bildung zu automatisieren. Die Studie selbst nennt offene Fragen. Es braucht Längsschnittanalysen zum Reifegrad des KI-Einsatzes, differenzierte Untersuchungen verschiedener Nutzungstypen und Forschung zu den Folgen für Lernprozesse, kritisches Denken, Problemlösefähigkeit und Prüfungsformate. Wer KI in Ausbildung und Prüfung einführt, ohne diese Fragen zu klären, riskiert Scheinkompetenz: gute Prompts, schwache Grundlage.

Berufsbildung ist Standortpolitik

Der Report spricht damit eine unbequeme Wahrheit aus. Deutschlands Berufsbildung braucht Reformen, aber keine Flucht in modische Lösungen. Seit 2016 wurden 105 Ausbildungsberufe neu geordnet, darunter 100 modernisierte und fünf neue Berufe. Das zeigt Beweglichkeit. Zugleich prognostiziert PROSIMA für 2026 einen weiteren Rückgang von Ausbildungsangebot und -nachfrage. Auch die Zahl der neuen Ausbildungsverträge könnte erneut sinken. Modernisierung allein reicht also nicht, wenn Betriebe aussteigen, Jugendliche nicht einmünden und Millionen junge Erwachsene ohne Abschluss bleiben.

Die wirtschaftliche Schlussfolgerung ist eindeutig. Berufsbildung ist Standortpolitik. Wer sie vernachlässigt, verschiebt Kosten in die Zukunft: in Rekrutierung, Einarbeitung, Produktivitätsverluste und soziale Folgekosten. Wer sie stärkt, investiert in eine Fachkräftebasis, die nicht erst gesucht, sondern aufgebaut wird. Das verlangt präzise Arbeit: bessere Übergänge, passgenaue Berufsorientierung, stärkere Unterstützung kleiner Betriebe, moderne Ausbildungsordnungen, qualifiziertes Ausbildungspersonal und einen KI-Einsatz, der Menschen befähigt statt ersetzt.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.