Das Gesetz für faire Löhne muss jetzt kommen

Ein Schwarz-Weiß-Foto eines Toilettenschilds

Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Warum ein starkes Gesetz für Lohngleichheit überfällig ist – und wie es die Wirtschaft beleben kann.

Es bleibt ein Skandal: Frauen in Deutschland erhalten für gleiche oder gleichwertige Arbeit deutlich weniger Lohn als Männer. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen seit Jahren eine klare Sprache, der Gender Pay Gap bleibt hartnäckig. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die bis zum 7. Juni 2026 in deutsches Recht einfließen muss, ist mehr als ein bürokratisches Vorhaben – sie markiert einen feministischen Meilenstein. Der kürzlich veröffentlichte Abschlussbericht der Expert:innenkommission zeigt: Der gesetzliche Rahmen für Lohngleichheit ist längst überfällig. Die bisherigen Transparenzregeln greifen zu kurz. Es braucht endlich ein wirksames Gesetz, das Frauen echte ökonomische Gleichstellung ermöglicht.

Lohngleichheit ist keine statistische Spielerei, sondern eine Frage der Gerechtigkeit und der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Wer glaubt, Frauen würden „irgendwann schon aufholen“, verkennt die strukturelle Diskriminierung und übersieht, wie sich Ungleichheit über Generationen hinweg verfestigt. Ein modernes Land kann und darf sich das nicht leisten. Die EU-Richtlinie bietet die Chance, ein System zu reformieren, das sich zu lange mit Ausreden und halbherzigen Maßnahmen zufriedengab.

Transparenz allein genügt nicht – es braucht Konsequenzen

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDer Bericht der Kommission macht deutlich: Transparenz ist wichtig, aber nicht ausreichend. Unternehmen müssen verpflichtet werden, den Gender Pay Gap regelmäßig offenzulegen und aktiv gegen Ungleichheiten vorzugehen. Es reicht nicht, Beschäftigten ein Auskunftsrecht einzuräumen, wenn daraus keine Konsequenzen folgen. Die Kommission fordert klare, rechtsverbindliche Vorgaben für die Bildung von Vergleichsgruppen, die Bewertung von Entgelten und Sanktionen bei Verstößen. Das ist feministische Wirtschaftspolitik: nicht bitten, sondern fordern und durchsetzen.

Auch die Tarifbindung spielt eine zentrale Rolle. Tarifverträge gelten als diskriminierungsfrei, doch viele Frauen arbeiten in Branchen ohne Tarifverträge oder in Unternehmen, die diese unterlaufen. Die Kommission schlägt eine unionsrechtskonforme Bevorzugung tarifgebundener Arbeitgeber vor und fordert klare Regeln für alle anderen. Lohngleichheit darf kein Privileg der Großindustrie bleiben. Sie muss auch für Pflegekräfte, Verkäufer:innen und Angestellte in Start-ups gelten.

Digitale Tools und eine schlanke Bürokratie sind keine Selbstzwecke, sondern entscheidend, damit auch kleine und mittlere Unternehmen die Vorgaben umsetzen können. Die Wirtschaft muss sich bewegen, und der Staat muss sie dabei unterstützen – ohne die Rechte der Beschäftigten zu opfern. Es geht um nichts weniger als die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. Wer hier bremst, bremst auch die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit des Landes.


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Lohngleichheit ist Wirtschaftspolitik – und Krisenpolitik

Kritiker:innen warnen, neue Regeln könnten in der aktuellen Wirtschaftskrise ein „Kostenrisiko“ darstellen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Lohngleichheit wirkt wie ein Konjunkturprogramm. Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt 18 Prozent weniger als Männer – Milliarden, die in privaten Haushalten fehlen, im Konsum, in Investitionen, in der Altersvorsorge. Lohngleichheit stärkt die Kaufkraft, senkt das Armutsrisiko und stabilisiert die Wirtschaft. Gerade jetzt, wo jede Idee für Wachstum und soziale Stabilität zählt, ist Lohngleichheit ein Schlüssel zur Lösung.

Die Expert:innenkommission hat einen klaren Plan vorgelegt, wie die EU-Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt werden kann – ohne überbordende Bürokratie, aber mit spürbarer Wirkung. Was fehlt, ist politischer Mut. Es reicht nicht, den Abschlussbericht zur Kenntnis zu nehmen und ein paar Online-Tools zu entwickeln. Die Bundesregierung muss handeln: mit einem Gesetz, das klar, verbindlich und wirksam ist. Ein Gesetz, das Frauen endlich ökonomische Gleichstellung verschafft und Deutschland aus der Wirtschaftskrise führt. Wer jetzt zögert, verspielt nicht nur die Glaubwürdigkeit, sondern auch die Zukunft des Landes.

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Tina Groll

Tina Groll, SPIEGEL-Bestsellerautorin und Redakteurin bei der ZEIT im Ressort Wirtschaft, konzentriert sich als Autorin von WIR SIND DER WANDEL auf Arbeitsmarkt-, Sozial- und Gesundheitspolitik. 2008 zeichnete sie das Medium Magazin als eine der “Top 30 Journalisten unter 30 Jahren” aus, 2009 erhielt sie den Otto-Brenner-Preis für kritschen Wirtschaftsjournalismus. Ferner ist sie Mitglied im Deutschen Presserat.