Das hält keiner bis zur Rente durch?

Mann sitzt auf Bank

Mit dem Lebensalter steigt auch die Rate derer, die eine psychische Krankheit entwickeln. Aber muss das so sein? Nein, sagt die Bestseller-Autorin Carola Kleinschmidt.

In Seminaren kommt oft die Frage auf, ob es vielleicht auch am Alter liegt, wenn man das Gefühl hat, dass der Stress im Job zunimmt. Dass man mit 45/50 Jahren ja vielleicht wirklich langsamer wird, einem die Konzentration schwer fällt und Neues zu lernen sowieso. Die Antwort darauf: ja und nein. Manche Fähigkeiten im Umgang mit den Anforderungen im Job lassen tatsächlich nach, wenn man älter wird. Aber andere Fähigkeiten nehmen zu. Die Kunst ist, diese Veränderung für sich zu nutzen.

Augen auf: Mit dem Alter wird manches wirklich schwieriger …

Tatsächlich ist es ja so, dass wir mit den Jahren eher schlechter hören, sehen und auch weniger Muskelmasse aufbauen. Die Reaktionsgeschwindigkeit nimmt tendenziell ab. Und Neues lernt man auch nicht mehr so schnell.

Das ist es aber dann auch schon mit den Negativnachrichten. Auch lassen sich heutzutage die meisten Defizite im Bereich Augen und Ohren gut ausgleichen. Und für die allermeisten Jobs muss man kein Muskelprotz mehr sein. Ein wenig moderates Rückentraining reicht, um den Körper fit für den Schreibtisch zu halten. (Für die Berufe in der Produktion gilt natürlich eine andere Anforderung an Körperkraft. Aber dort gibt es inzwischen auch viele technische Erleichterungen, die auch einem 60jährigen Schlosser noch das Arbeiten ermöglichen.)

Was allerdings wirklich wichtig ist, wenn man sein Gehirn und seine Seele gesund erhalten möchte: Hören Sie auf mit Multitasking (bringt sowieso nichts, außer dem Gefühl unheimlich agil zu sein) und achten Sie auf Pausen sowie Phasen für Ihre persönliche Regeneration.

… andere Fähigkeiten bleiben aber auch mit 50+ stabil …

Was die Konzentrationsfähigkeit angeht, zeigen Studien, dass man auch mit 50 und älter gut mithalten kann. Man braucht allerdings zwischen den Konzentrationsphasen etwas mehr Pausen als die jüngeren Kollegen. Und was das Neue anbetrifft: Ältere sind durchaus sehr lernfähig, zeigen Studien. Allerdings interessieren sie sich vor allem für Wissen, das ihr bisheriges Know-how ergänzt. Weniger spannend finden sie völlig neues Wissen, schlicht weil der Bezug und damit der Sinn für sie fehlen.

… und manche können sogar zunehmen.

Spannend und interessant für die persönliche Stressprävention ist jedoch, dass es eine ganze Reihe von Fähigkeiten gibt, die mit den Lebensjahren tendenziell zunehmen. Wer es schafft, diese Kompetenz in seinen Tätigkeiten einzubringen, gewinnt oftmals Souveränität im Umgang mit seinen Aufgaben, erlebt sich als wirksam, flott und effizient.

Die Sozialkompetenz, der ungetrübte Blick für die eigenen Fähigkeiten sowie eine gewisse Gelassenheit und die Fähigkeit Zusammenhänge realistisch zu beurteilen, findet man eher bei älteren als bei jüngeren Beschäftigten. Ebenso kann die Lebens- und Berufserfahrung, das betriebsspezifische Wissen und die Geübtheit in einer Tätigkeit dem Tun ziemlich Tempo verleihen. Ältere übernehmen außerdem tendenziell eher und effektiver Verantwortung für Aufgaben, weil ihr Pflichtgefühl und ihre Loyalität gegenüber Chef und Firma höher sind. Und auch Zuverlässigkeit und Qualitätsbewusstsein sind Eigenschaften, die gerade ältere Beschäftigte zeigen.

Was heißt das für die Stressprävention?

Schauen Sie sich Ihren täglichen Job an und fokussieren Sie sich stärker auf Dinge, die Sie sowieso besser können als die meisten jüngeren Kollegen. Nutzen Sie zudem die Vorteile, die sich daraus ergeben, um sich die Arbeit leichter zu machen. Das ist zum Beispiel:

  • Das Tempo, das Sie vermutlich in allen Routinetätigkeiten haben sowie Ihre über die Jahre gereifte Selbstorganisation – beides gibt Ihnen im Vergleich zu jüngeren Kollegen Freiräume, die Sie nutzen könnten, um sich anspruchsvollen Aufgaben zu widmen.
  • Auch der Fakt, dass Sie vermutlich weniger Fehler in Ihren Abläufen produzieren als der junge Kollege und weniger Irrwege aus Unwissenheit gehen, wenn Sie eine Aufgabe lösen, gibt Ihnen Freiräume.
  • Ebenso das Vertrauen, das Ihre Vorgesetzten in Sie haben, weil sie wissen, dass Aufgaben bei Ihnen in guten Händen sind. Das haben sie schließlich schon seit Jahren beobachten können.
  • Vermutlich sehen Sie vielen Aufgaben auch sofort an, ob sie wirklich wichtig sind oder eher nicht. Und Sie wissen auch, in welcher Reihenfolge man sie am besten abarbeitet, welche Abteilungen und Kollegen man auf keinen Fall übergehen darf.
  • Dazu kommt Ihr Netzwerk, das Sie sich im Laufe der Zeit aufgebaut haben und dass Ihnen als Pool an Wissen und Unterstützung große Dienste leisten kann.

Vielleicht denken Sie jetzt: Das klingt ja alles toll! Aber in der Realität? Da habe ich gar keine Zeit, um mich irgendwie neu aufzustellen. Sonst würde ich das ja sofort machen.

In meinen Seminaren kommt diese Frage zumindest häufiger. Und wenn wir dann etwas tiefer einsteigen und weiter zu dem Thema arbeiten, dann kommt ans Licht, wo die Bremse ist:

Häufig sind das hohe Verantwortungsgefühl und die große Loyalität zur Firma mit der Zeit zum Klotz am Bein geworden. Über die Jahre hat man sich so vieler Verantwortlichkeiten angenommen, dass man vor lauter Pflichten kaum noch aus seinem Arbeitsberg rausgucken kann. Da heißt es: Beherzt Prioritäten setzen. Aufgaben abgeben, sich fokussieren auf die Tätigkeiten, bei denen man seine Erfahrung einbringen kann (und damit auch der Firma am meisten nutz) – und sich auf dieser Basis auch das Neue erschließt. Das senkt den Stresspegel und steigert die Zufriedenheit mit dem Beruf.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund!

 

Burnout - und dann von Carola Kleinschmidt

 

Burnout – und dann?
Wie das Leben nach der Krise weitergeht
von Carola Kleinschmidt
Kösel Verlag (1. Auflage, Juni 2016)
ca. 17,99 Euro
ISBN 978-3-466-34636-3

Carola Kleinschmidt

Carola Kleinschmidt ist Diplombiologin, Autorin und zertifizierte Trainerin für Stressprävention. Zehn Sachbücher schrieb sie in den letzten 15 Jahren. „Bevor der Job krank macht“ wurde zum Bestseller der Burnout-Prävention. Ihre Leidenschaft sind innovative und interaktive Formate für Workshops und Selbstlernkurse rund um die Themen Stresskompetenz, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung für Firmen und individuelle Kund:innen. Als Autorin von WIR SIND DER WANDEL beschäftigt sie sich damit, wie jedem und jeder der Umgang mit den Belastungen und dem allgegenwärtigen Stress in der agilen Arbeitswelt gelingt.