Das ungenutzte Potenzial: Warum Unternehmen Mütter übersehen

Frau sitzt mit 2 Kindern auf einer Bank

Fachkräfte fehlen, doch viele qualifizierte Mütter stehen bereit. Eine Prognos-Auswertung belegt: Mit besserer Vereinbarkeit können Unternehmen bis zu 45 Prozent mehr Arbeitskräfte gewinnen.

Der deutsche Arbeitsmarkt hat keine Ideenkrise. Er hat eine Menschenkrise. Fachkräfte fehlen, Erfahrung schwindet, Wachstum stockt. Dabei wartet ein enormes Potenzial – sichtbar, qualifiziert, motiviert. Es liegt bei Müttern. Und bleibt viel zu oft ungenutzt.

Die Erwerbsquote von Müttern steigt seit Jahren. Doch der Fortschritt endet oft in Teilzeit. Nicht, weil es an Ambitionen mangelt, sondern weil ein starres System die Lebensrealität ignoriert. Die Prognos-Auswertung “Vom Kind zum Teenager: Wie Arbeitgeber von einer zielgenauen Unterstützung der Mütter profitieren können” zeigt, wo Unternehmen falsch abbiegen – und wie sie den Kurs korrigieren können.

Das Missverständnis Teilzeit

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtFür viele Betriebe ist Teilzeit ein Endpunkt: weniger Stunden, weniger Verantwortung, weniger Entwicklung. Doch die Daten erzählen eine andere Geschichte. Für Mütter ist Teilzeit kein Rückzug, sondern eine bewusste Entscheidung. In frühen Familienphasen steht ein Motiv im Vordergrund: Zeit für die Kinder. Fast vier von zehn Müttern mit jüngeren Kindern nennen diesen Grund als entscheidend. Später verschieben sich die Prioritäten. Gesundheit, persönliche Interessen und eigene Energie rücken in den Fokus.

Bemerkenswert ist, was kaum eine Rolle spielt: der Arbeitgeber. Fehlende Unterstützung im Betrieb wird selten als Hauptgrund für Teilzeit genannt. Das klingt entlastend, ist aber trügerisch. Denn genau hier liegt der blinde Fleck vieler Unternehmen.

45 Prozent sagen Ja

Die entscheidende Frage der Studie lautet nicht, warum Mütter Teilzeit arbeiten, sondern: Unter welchen Bedingungen würden sie mehr arbeiten? Die Antwort ist ein Weckruf. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen wollen nur 17 Prozent ihre Arbeitszeit erhöhen. Doch mit besseren betrieblichen Bedingungen steigt dieser Anteil auf 45 Prozent.

Besonders auffällig: Mütter mit jüngeren Kindern zeigen die größte Bereitschaft. Fast jede zweite Mutter mit einem Kind unter 12 Jahren würde mehr arbeiten, wenn Flexibilität, Unterstützung und Unternehmenskultur stimmen. Genau diese Gruppe, die heute im Schnitt die wenigsten Stunden arbeitet, bietet den größten Hebel. Es ist nicht die Teenagerphase, die Kapazitäten schafft, sondern die frühe Familienphase. Nicht Abwarten bringt Erfolg, sondern gezieltes Investieren.


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Was wirklich zählt

Die Studie zeigt klar, worauf es ankommt: keine Symbolpolitik, keine Standardlösungen, sondern passgenaue Angebote für jede Lebensphase. Für Mütter mit jüngeren Kindern sind drei Faktoren entscheidend: flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit, die Arbeit zu unterbrechen, und konkrete Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Fast die Hälfte dieser Mütter würde mehr arbeiten, wenn finanzielle Zuschüsse oder verlässliche Betreuungsangebote vorhanden wären. Ebenso wichtig ist eine Führungskultur, die familiäre Verpflichtungen nicht nur toleriert, sondern respektiert.

Bei Müttern älterer Kinder verschieben sich die Prioritäten. Hier zählen Entwicklung und Perspektiven: Weiterbildung, Aufstiegschancen, transparente Karrierewege – auch in Teilzeit. Ein oft unterschätzter Hebel ist die aktive Ansprache. Drei von zehn Müttern mit älteren Kindern sagen, dass ein gezielter Impuls des Arbeitgebers sie zur Aufstockung bewegen würde. Ein Gespräch, eine Einladung, ein Signal: Dein Potenzial wird gesehen.

Vereinbarkeit neu denken

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist unbequem und befreiend zugleich: Ein einheitliches Konzept für Vereinbarkeit reicht nicht. Lebensphasen erfordern Differenzierung. Wer Mütter als homogene Gruppe behandelt, verliert sie – zumindest einen Teil ihres Potenzials.

Eine familien- und lebensphasenorientierte Personalpolitik wirkt doppelt: Sie bindet qualifizierte Mitarbeiterinnen und aktiviert Arbeitskraft, die bereits im Unternehmen vorhanden ist. Ohne Recruitingkosten, ohne lange Einarbeitung, mit hoher Loyalität.

Der Wandel beginnt nicht mit großen Programmen, sondern mit einer Haltung. Unternehmen, die Flexibilität als Investition begreifen, sichern sich morgen einen entscheidenden Vorteil. Der Arbeitsmarkt wird sich nicht entspannen. Aber er wird sich entscheiden – für jene, die zuhören und handeln.

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Tina Groll

Tina Groll, SPIEGEL-Bestsellerautorin und Redakteurin bei der ZEIT im Ressort Wirtschaft, konzentriert sich als Autorin von WIR SIND DER WANDEL auf Arbeitsmarkt-, Sozial- und Gesundheitspolitik. 2008 zeichnete sie das Medium Magazin als eine der “Top 30 Journalisten unter 30 Jahren” aus, 2009 erhielt sie den Otto-Brenner-Preis für kritschen Wirtschaftsjournalismus. Ferner ist sie Mitglied im Deutschen Presserat.