„Den perfekten Moment gibt es nicht“

Schriftzug believe in yourself

Was ist eine gute Business-Idee? Und wie finde ich heraus, ob sie Potenzial hat? Katharina Katz, Impulsgeberin für Gründerinnen und Gründer, verrät es.

Wir sind der Wandel: Aus der Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen, ist eine große Herausforderung. Wie finde ich heraus, ob meine Idee Potenzial hat?

Katharina Katz: Zunächst kommt es darauf an, ob es sich dabei um eine haptische Idee handelt, bei der etwas produziert und dementsprechend finanziell in Vorleistung gegangen werden muss. Oder ob es sich um eine Serviceleistung handelt, die ohne Produktionskosten starten kann.

Egal aber, mit welchem Produkt man starten möchte, die wichtigste Basis einer Gründung ist immer das Konzept. Deshalb sollte man sich am Anfang ausreichend Zeit für die Idee nehmen, ein gutes Konzept schreiben und viel über die Idee sprechen. Die Sorge, dass die Idee geklaut wird, wenn man zu früh darüber spricht, ist meiner Meinung nach unbegründet. Einerseits sind die meisten Ideen nicht wirklich neu, sondern existieren bereits. Andererseits ist man in seinen Überlegungen und Planungen meist so weit, dass die Idee eh nicht schnell nachgemacht werden kann.

Deshalb rate ich generell dazu, frühzeitig darüber sprechen. Denn je mehr man darüber spricht, desto häufiger fallen einem die Punkte auf, wo man immer wieder etwas erklären muss. Und ist eine Idee (noch) nicht selbsterklärend, sollte man sein Konzept weiter ausarbeiten. Das heißt, man muss in der Lage sein, seine Idee in drei, vier Sätzen erklären zu können: Was ist die Idee? Was mache ich? Was ist mein Service?

Eine Business-Idee umzusetzen bedeutet, sich wirklich intensiv damit zu beschäftigen

Je mehr man in seinem Konzept vorangeschritten ist, desto eher weiß man, was man braucht, um es umzusetzen – beispielsweise, ob ich Muster vorproduzieren muss und wer die Produktion übernehmen kann. Geht es um eine Serviceleistung, muss ich wissen: Wo ist meine Zielgruppe? Benötige ich eine Webseite, einen Workshop-Space? Gibt es diese Leistung bereits in meiner Nachbarschaft? Kann ich mit Unternehmen oder Dienstleistern kooperieren? Wie machen es andere? Eine Business-Idee umzusetzen bedeutet, sich wirklich intensiv damit zu beschäftigen.

Wir sind der Wandel: Ist es sinnvoll, parallel zum Job zu starten? Oder ist es besser, sich auf seine Gründung zu fokussieren?

Katz: Es kommt darauf an. Wer herausfinden will, ob es einen Markt für seine Geschäftsidee gibt, und vielleicht auch erste Aufträge generieren möchte, kann parallel zu seiner Festanstellung gründen und dafür seine Arbeitsstunden reduzieren. Und um nicht komplett bei null zu starten, kann in dieser Zeit auch die Webseite aufgebaut und die Social Media-Kanäle bespielt werden.

Es gibt dann aber einen Punkt, an dem man ins kalte Wasser springen muss. Und hier zögern viele. Ich habe parallel zu meiner Festanstellung gegründet. Und obwohl ich meine Arbeitsstunden reduziert hatte, habe ich sehr viel am Wochenende und immer abends gearbeitet. Beide Welten zu kombinieren, kann für eine Umbruchphase funktionieren. Auf Dauer aber wird das nichts.

Plant man, sich mit einem Café oder ähnlichem selbstständig zu machen, wird die Gründungsvorbereitungen und das Konzept parallel zur Festanstellung machen können. Die Umsetzung aber wird nicht gelingen. Hier ist der Punkt wesentlich früher erreicht, wo man springen muss.


Katharina Marisa Katz unterstützt Gründerinnen und Gründer auf dem Weg in deren Selbstständigkeit und zu mehr digitaler Sichtbarkeit. In ihrem Buch Einfach machen – einfach gründen! zeigt Katz Gründerinnen, die ihre Idee bereits erfolgreich in die Tat umgesetzt haben. In ihrem neuen Buch Einfach machen – einfach gründen. Der Praxiscoach fokussiert sie sich zwar auf das Onlinegeschäft, der Ratgeber bietet allerdings auch wertvolle Tipps für die, die ihr Unternehmen weiterentwickeln wollen.


Wir sind der Wandel: Sollte ich dabei gleich groß denken und Investoren ins Boot holen?

Katz: Ein Investor sorgt für eine Fremdsteuerung im eigenen Unternehmen. Das heißt, er darf und wird mitsprechen. Nun gibt es Gründungen wie Tech-Start-ups, die gleich zum Start enorme finanzielle Mittel benötigen. Die kommen im Zweifel ohne Investor(en) nicht aus. Bis zu einer gewissen Investitionshöhe kann ein Business Angel eine Alternative sein. Dem nämlich muss man in der Regel nicht gleich große Unternehmensanteile abgeben.

Mit der Herausforderung der Finanzierung kann man aber auch kreativ umgehen. In meinem Buch „Einfach machen“ beschreibe ich den Gründungsweg von Dorina Hartmann, die das Bekleidungslabel mara mea erfolgreich ohne Investoren gegründet hat. Die Kosten für ihren Lebensunterhalt deckte sie mit dem Gründungszuschuss ab. Die Produktmusterherstellung finanzierte sie über einen Kredit der KfW-Bank. Ferner vereinbarte sie mit vielen Händlern, nach Auftragslage zu produzieren. Dafür startete sie den Verkauf ihrer Produkte zunächst auch nur online und in kleineren Geschäften. So konnte sie sehen, wie die Ware von der Kundschaft angenommen wurde, ohne finanziell groß in Vorleistung gehen zu müssen.

Auch kann man recherchieren, ob es für die Branche und das Produkt Förderungen und Wettbewerbe gibt. Oder man startet eine Crowdfunding-Kampagne, die zwar arbeitsintensiv, gleichzeitig aber auch Marketing ist.

Sind Kunden unzufrieden, wenden sie sich schnell ab

Wir sind der Wandel: Soll ich zum Start auf die „Besten“ setzen, um bei Logo, Webseite und Technik gleich Champions League zu sein?

Katz: Ich plädiere dafür, mit seinem Unternehmen zu wachsen. Statt ein halbes Jahr die Webseite en détail zu entwickeln, ist es innvoller, sich zwar den Domainname zu sichern und dort Kontaktdaten zu hinterlegen, aber zuerst Vollgas beim Konzept zu geben. Niemand erwartet bei einer Gründung ein vom Profi entwickeltes Logo und eine fertige Webseite. Und keiner wird irritiert sein, wenn man zunächst den eigenen Schriftzug oder den des Firmennamens verwendet. Sobald das Business läuft sowie Zeit und finanzielle Mitteln vorhanden sind, kann man nacharbeiten.

Ähnlich verhält es sich mit Online-Shops. Auch hier muss man nicht mit dem perfekt ausgestatteten Online-Shop starten, wie das Beispiel Holy Goldy zeigt: Nachdem Franziska von Hardenberg mit ihrem Blumenversand Bloomy Days insolvent ging, hat sie bei ihrem Schmucklabel Holy Goldy alles anders gemacht. Statt sofort in eine Ladenfläche zu investieren, baute sie das Label zunächst über Instagram auf – und verkaufte ihren Schmuck auch nur über diesen Kanal. Und sie machte Logo und Webseite selbst. Als die Nachfrage und der Umsatz stiegen, hat sie alles von Profis neu aufsetzen lassen. Später kamen Beschäftigte und Laden dazu – der Weg eines klassischen Start-ups. Franziska ist mit ihren Kunden gemeinsam gewachsen.

Ich rate dazu, lieber loszulegen, als auf den Moment zu warten, wo alles perfekt ist. Denn den perfekten Moment gibt es nicht. Was hingegen von Anfang an stimmen muss, ist eine gewisse Zuverlässigkeit bezüglich der Abwicklung. Das heißt, der Kundenkreislauf, bestehend aus Bestell-, Zahlungs- und Lieferprozess muss sofort professionell aufgestellt sein. Sind Kunden nämlich unzufrieden, weil der Versand zu lange dauert, die Ware schlampig verpackt ist oder sie der Rechnung hinterherlaufen müssen, wenden sie sich in der Regel schnell ab.

Wir sind der Wandel: Wie komme ich als Newcomer an wichtige Informationen wie Konditionen und Kontakte?

Katz: Netzwerken! Online kann man bei Xing oder LinkedIn schauen, ob Gruppen existieren, die zu Produkt oder Branche passen. Offline sollte man recherchieren, ob es in der Stadt oder Region Netzwerk-Gruppen gibt, denen man sich anschließen kann. Und auch Familie und Freunde können eine gute Quelle für Kontakte sein. Viele unterschätzen immer wieder, wie groß ihr eigenes Netzwerk eigentlich ist. Hervorragende Kontaktbörsen sind auch Veranstaltungen, wo Start-ups ihre Ideen pitchen. Oder man schaut bei Instagram, wer erfolgreich seine Produkte oder Dienstleistung verkauft. Wer fühlt sich nicht geschmeichelt, wenn er um Rat gefragt wird, weil er erfolgreich ist. Klar sein muss aber: Das ist keine Einbahnstraße! Man selbst muss anderen gegenüber ebenso offen und kommunikativ begegnen.

Gründer haben aufgrund ihrer Erfahrungen eine enorme Lernkurve

Wir sind der Wandel: Gründen Frauen anders als Männer?

Katz: Ich glaube, es ist eher eine Typ-Frage als eine Frage des Geschlechts. Allerdings müssen Frauen Herausforderungen meistern, die Männer meist nicht haben. So fallen Frauen im sogenannten geburtsfähigen Alter bei Investoren und Banken aufgrund einer möglichen Schwangerschaft eher durchs Raster. Wer bereits eine Familie gegründet hat, steht vor der Frage, wie die Gründung und Selbstständigkeit mit der Familie zu vereinbaren ist. Eine Frage, die bei Männern nicht so präsent ist wie bei Frauen.

Wir sind der Wandel: Ab wann soll ich aufgeben? Und wie schaffe ich es vor allem, von meiner Idee zu lassen?

Katz: Wenn eine Idee sich nicht finanziell trägt, sollte man sich einen Zeitpunkt setzen, wo man den Stecker zieht. Es kann aber auch sein, dass eine Idee funktioniert, sie mich aber im wahrsten Sinne des Wortes ausbrennt. Dann sollte man sich ehrlich fragen, ob die Selbstständigkeit der richtige Weg für einen persönlich ist. Die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist für einige Menschen einfach zu groß. Wenn dem so ist, geht man halt ins Angestelltenverhältnis zurück. Die Entscheidung für die Selbstständigkeit ist ja keine Entscheidung fürs Leben. Ferner sollte man es nicht als scheitern verstehen. Gründer haben aufgrund ihrer Erfahrungen eine enorme Lernkurve – von denen können Arbeitgebende enorm profitieren.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren ist die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin mit ihrem Redaktionsbüro Die Ratgeber u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE tätig. Ihre Themen reichen dabei von Arbeitsrecht, Digitalisierung bis zu Management und Transformation. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.