Deutschland braucht Zuwanderung – und schöpft ihr Potenzial kaum aus

Menschen auf dem Weg zur Arbeit

Ausländische Arbeitskräfte stützen den Arbeitsmarkt. Doch viele arbeiten unter Wert. Eine aktuelle Studie zeigt, warum Integration zur zentralen wirtschaftlichen Aufgabe wird.

Deutschland spricht über Migration oft als Last. Doch das Focus Paper „Arbeitsmarktintegration: Bedeutung, Hürden und Potenziale ausländischer Beschäftigung“ der Bertelsmann Stiftung zeigt ein klareres Bild: Ohne ausländische Arbeitskräfte wäre der deutsche Arbeitsmarkt deutlich schwächer. Gleichzeitig gelingt es Deutschland zu selten, vorhandene Kompetenzen schnell, fair und qualifikationsgerecht einzusetzen.

Dabei lässt die demografische Entwicklung wenig Spielraum. Von 34,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind 8,6 Millionen über 55 Jahre alt. Innerhalb von zehn Jahren wird jede vierte dieser Person den Arbeitsmarkt verlassen. Gleichzeitig gibt es nur 3,6 Millionen Beschäftigte unter 25 Jahren. Im ersten Quartal 2026 blieben dennoch 1,15 Millionen Stellen unbesetzt. Ohne Zuwanderung würde das Arbeitskräfteangebot bis 2040 um zehn Prozent und bis 2060 sogar um ein Viertel schrumpfen.

Zuwanderung allein reicht nicht

17 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – 5,9 Millionen Menschen – haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Während die Zahl deutscher Beschäftigter im Vorjahresvergleich um 0,9 Prozent sank, stieg die Zahl ausländischer Beschäftigter um 3,4 Prozent. Bei Menschen aus Drittstaaten lag er Zuwachs sogar bei 7,3 Prozent. Deutschland benötigt jährlich zwischen 288.000 und 368.000 Menschen, die mehr zuwandern als abwandern. 2025 lag die Nettozuwanderung jedoch nur bei 220.000.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDoch Zuwanderung allein löst die Probleme des Arbeitsmarkts nicht. Entscheidend ist, wie schnell Zugewanderte Arbeit finden und ob sie ihrer Qualifikation entsprechend beschäftigt werden. Deutsche erreichen eine Beschäftigungsquote von 65,8 Prozent, Ausländer:innen nur 52,4 Prozent. Bei Drittstaatangehörigen liegt sie bei 48,6 Prozent, bei Menschen aus Asylherkunftsländern bei 44 Prozent und bei Ukrainer:innen bei 32,2 Prozent.

Besonders groß ist die Lücke bei Frauen. Während 63,9 Prozent der deutschen Frauen sozialversicherungspflichtig arbeiten, sind es bei ausländischen Frauen nur 44,5 Prozent. Frauen aus Asylherkunftsländern erreichen lediglich 23,8 Prozent. Jobcenter nennen Betreuungspflichten als größte Hürde bei der Vermittlung geflüchteter Frauen – noch vor fehlenden Deutschkenntnissen oder Berufsqualifikationen.

Integration braucht Zeit

Die Studie warnt vor vorschnellen Urteilen: Integration erfordert Geduld. Bei den 2015 zugezogenen Schutzsuchenden lag die Beschäftigungsquote im ersten Jahr bei sechs Prozent. Nach sechs Jahren stieg sie auf 48 Prozent, nach neun Jahren auf 64 Prozent. Geflüchtete Männer erreichten sogar 76 Prozent. Bei Frauen blieb der Abstand groß: Nach neun Jahren arbeiteten nur 35 Prozent in abhängiger Beschäftigung, zwei Drittel davon in Teilzeit.

Anzeige GehaltstrainingDie Qualität der Beschäftigung bleibt ein Problem. Ausländische Arbeitskräfte arbeiten deutlich häufiger auf Helfer:innen-Niveau: 35,8 Prozent im Vergleich zu 12,2 Prozent bei Deutschen. Bei Menschen aus Asylherkunftsländern sind es sogar 44,9 Prozent. Selbst anerkannte Qualifikationen schützen nicht zuverlässig vor unterwertiger Beschäftigung. Von den deutschen Beschäftigten mit anerkanntem Berufsabschluss arbeiten 11,8 Prozent als Helfer:innen, bei ausländischen Beschäftigten sind es 29,1 Prozent. Bei Akademiker:innen liegt der Anteil bei 2,7 Prozent der Deutschen und 12,5 Prozent der Ausländer:innen.

Deutschland klagt über Fachkräftemangel, nutzt aber vorhandene Qualifikationen zu selten. Das mindert die Produktivität. Einkommensdaten verschärfen das Bild: Ausländer:innen verdienen im Schnitt 19,6 Prozent weniger als Deutsche. Drei Viertel dieser Differenz erklärt die Studie mit der geringeren Präsenz Zugewanderter in hochbezahlten Branchen und Positionen. 30,5 Prozent der ausländischen Vollzeitbeschäftigten verdienen weniger als zwei Drittel des Medianentgelts, bei Deutschen sind es 12,5 Prozent.


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Hohe Zuwanderung ersetzt keine Reformen

Trotzdem tragen ausländische Arbeitskräfte zentrale Wirtschaftsbereiche. In Reinigungsberufen liegt ihr Anteil bei 47,5 Prozent, in der Lebensmittelherstellung bei 43,7 Prozent, in Tourismus und Gastronomie bei 36,3 Prozent und im Baugewerbe bei 33,6 Prozent. In der Systemgastronomie stellen sie sogar 61,2 Prozent der Fachkräfte. Migration sichert also die Funktionsfähigkeit vieler Branchen.

Chefsache – Entscheider im GesprächGleichzeitig beziehen Ausländer:innen häufiger Bürgergeld und sind öfter arbeitslos. 19,1 Prozent der Ausländer:innen erhalten Leistung nach SGB II, bei Deutschen sind des 5,2 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt bei Ausländer:innen bei 15,2 Prozent, bei Deutschen bei 6,1 Prozent. Bürgergeldbezug bedeutet jedoch nicht immer Arbeitslosigkeit; er kann auch Aufstockung oder Teilnahme an Maßnahmen umfassen. Zudem sinken die Quoten mit der Aufenthaltsdauer. Bei Menschen aus Asylherkunftsländern fiel die SGB-II-Quote seit Januar 2020 von 58,2 Prozent auf 39,6 Prozent, bei Syrer:innen von 74,1 Prozent auf 47,5 Prozent.

Auch fiskalisch ist die Bilanz komplexer, als oft behauptet. Ein Studie bescheinigt Zugewanderten eine negative fiskalische Bilanz. Das Focus Paper betont jedoch, dass auch viele nicht zugewanderte Personen negativ abschneiden. Das eigentliche Problem liegt in der mangelnden Tragfähigkeit des Systems. Hohe Zuwanderung kann diese Lücke verringern, ersetzt aber keine Reformen. Entscheidend bleibt, ob Menschen qualifikationsgerecht arbeiten und Einkommen, Steuern sowie Beiträge leisten.

Sprache als Schlüssel

Die Studie nennt die Hürden klar. Sprache bleibt der Schlüssel. Wer bei der Ankunft gut Deutsch spricht, findet im ersten Jahr mit zehn Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Arbeit. Doch für 44 Prozent der Migrationsinteressierten im Ausland und 51 Prozent der bereits in Deutschland lebenden Menschen ist Deutsch eine große Hürde. Dementsprechend kritisierst die Studie Kürzungen bei Integrations- und Berufssprachkursen. Zwar verzögern Vollzeitkurse kurzfristig die Arbeitsaufnahme, langfristig zahlen sie sich aus – besonders für Frauen.

Gruppe von Personen steht vor Wand mit NotizenEbenso wichtig ist die Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit um ein Viertel. Doch Zuständigkeiten, fehlende Unterlagen, Übersetzungen und Nachqualifizierungen bremsen den Prozess. 2024 wurden 79.100 Anerkennungsanträge positiv beschieden, 21 Prozent mehr als 2023. Qualifikationsanalysen, die bei fehlenden Dokumenten helfen könnten, kamen 2023 jedoch nur in 120 von 10.650 Verfahren zum Einsatz.

Institutionelle Hürden wie Arbeitsverbote, lange Asylverfahren, Wohnsitzauflagen und komplexe Verwaltungsprozesse verzögern die Integration zusätzlich. 2024 dauerte ein Asylverfahren im Schnitt 8,7 Monate. Wohnsitzauflagen senken die Erwerbswahrscheinlichkeit geflüchteter Männer um acht Prozentpunkte. Fehlender Wohnraum, Kinderbetreuung und psychosoziale Versorgung verschärfen die Lage.

Integration als Infrastruktur

Netzwerke und Diskriminierung spielen ebenfalls eine Rolle. 51 Prozent der erwerbstätigen ukrainischen Schutzsuchenden fanden ihre Arbeit über private Kontakte, nur sieben Prozent über Vermittlungsstellen. Regelmäßiger Kontakt zur deutschen Bevölkerung erhöht die Beschäftigungswahrscheinlichkeit geflüchteter Frauen um 16,4 Prozentpunkte. Gleichzeitig berichten 56 Prozent der Erwerbsmigrant:innen von Diskriminierung.

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDie Studie zieht ein ambivalentes Fazit: Viel gelingt, doch viel bleibt ungenutzt. Ausländische Arbeitskräfte stabilisieren den Arbeitsmarkt, sind jünger als deutsche Beschäftigte und sichern zentrale Branchen. Gleichzeitig arbeiten viele unter Wert, verdienen weniger, stoßen auf Hürden und erleben Diskriminierung.

Für Politik und Unternehmen ergibt sich eine unbequeme Wahrheit: Wer Arbeitskräfte braucht, muss Integration als wirtschaftliche Infrastruktur begreifen – mit verlässlicher Sprachförderung, schneller Anerkennung, digitalen Verfahren, flexibler Kinderbetreuung, guten Netzwerken, Schutz vor Diskriminierung und einer verlässlichen Bleibeperspektive.

Deutschland braucht Zuwanderung. Noch dringender braucht es ein System, das Zuwanderung in Teilhabe, qualifikationsgerechte Beschäftigung und wirtschaftliche Stärke verwandelt.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.