161.000 Gründungen im Jahr 2024 – zu wenig für ein Land, das auf Innovation setzt. Vor allem forschungsintensive Branchen verlieren an Schwung. Bürokratie, fehlendes Kapital und der Mangel an Fachkräften ersticken den Gründergeist.
Deutschland hat ein Gründungsproblem. 2024 entstanden laut Mannheimer Unternehmenspanel rund 161.000 neue Firmen – weniger als der Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2021, als jährlich etwa 168.000 Gründungen gezählt wurden. Die Zahlen verharren auf einem historisch niedrigen Niveau. Besonders alarmierend: Der Rückgang trifft vor allem forschungsintensive Branchen – jene, die einst als Innovationsmotoren galten.
Die Gründe sind vielfältig: steigende Energiekosten durch geopolitische Krisen, eine schwache Konjunktur, Fachkräftemangel und Inflation, die Konsum und Investitionen hemmt. Doch vor allem hausgemachte Probleme ersticken den Gründergeist: marode Infrastruktur, eine analoge Verwaltung, überbordende Bürokratie und fehlendes Wagniskapital. Seit Jahren warnen Sachverständigenrat und ZEW vor Investitionsstau und schwindender Innovationskraft. Die Folgen: weniger Neugründungen, weniger Marktneuheiten, ein langsamerer Strukturwandel.
Die stille Verschiebung
Trotz der Flaute gibt es Bewegung – nur nicht dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Beratungs- und Unternehmensdienstleistungen legten 2024 um 5,2 Prozent zu, das Gastgewerbe um 4,4 Prozent. Auch technologieorientierte Dienstleistungen wuchsen bis 2021 stark, vor allem in Software, IT und KI-Anwendungen. Mehr als 6.000 KI-Start-ups wurden bis 2022 gezählt – ein starkes Signal für die Innovationskraft junger Gründer:innen.
Gleichzeitig schrumpft der industrielle Kern. Im verarbeitenden Gewerbe sanken die Gründungen seit 2016 um fast 40 Prozent. Besonders drastisch ist der Einbruch in forschungsintensiven Industrien wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Automobilbau. 2024 erreichte die Gründungstätigkeit dort nur noch die Hälfte des Niveaus von 2016. Branchen, die traditionell hohe Anteile ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung stecken, verlieren an Dynamik. Die Folgen: weniger technologische Innovationen, weniger Exportchancen, weniger Wettbewerbsfähigkeit.
Die Verschiebung hin zu Dienstleistungen hat auch positive Seiten: Die deutsche Wirtschaft passt sich an, der Anteil dienstleistungsnaher Unternehmen stieg von 45 Prozent im Jahr 2002 auf 53 Prozent im Jahr 2023. Doch ohne einen starken industriellen Kern gerät die Balance ins Wanken. Die Gefahr: Deutschland verharrt in einer „Dienstleistungskomfortzone“, während andere Länder industrielle Innovationen vorantreiben.
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- Mütter prägen das Unternehmertum neu
Transformation mit Fokus
Deutschland steht am Scheideweg. Um Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, braucht es eine klare Gründungsstrategie. Die Studie zeigt, welche Hebel entscheidend sind:
- Gezielte Förderung statt Gießkanne: Förderprogramme müssen sich auf forschungsintensive und wachstumsstarke Branchen konzentrieren: Künstliche Intelligenz, GreenTech, DeepTech, nachhaltige Produktion. Statt Mittel breit zu streuen, gilt es, sie gezielt einzusetzen.
- Bürokratie abbauen, Verwaltung digitalisieren: Eine Unternehmensgründung dauert in Deutschland länger als in den meisten OECD-Ländern. Digitale Anmeldungen, zentrale One-Stop-Shops und standardisierte Verfahren könnten Zeit und Kosten drastisch senken – und den Gründergeist aus dem Papierkrieg befreien.
- Kapitalmärkte stärken: Deutschland braucht mehr Wagniskapital. Steuerliche Anreize für private Investoren, die Öffnung staatlicher Fonds für Co-Investments und ein gestärktes Venture-Capital-Ökosystem sind unverzichtbar. Sonst wandern junge Hightech-Unternehmen ins Ausland ab, wo die Finanzierung leichter fällt.
- Regionale Ökosysteme fördern: Ein Blick in die Regionen zeigt: München, Leverkusen oder Düsseldorf weisen hohe Gründungsraten auf, während Thüringen, Sachsen-Anhalt oder der Kyffhäuserkreis weit zurückliegen. Erfolgreiche Cluster wie in Berlin oder München müssen als Vorbild dienen. Regionale Inkubatoren, Hochschulkooperationen und Kompetenzzentren können ländliche Räume ins Innovationsgeschehen einbinden.
- Fachkräfte sichern: Gründungen brauchen Talente. Neben Bildung und Weiterbildung muss qualifizierte Zuwanderung erleichtert werden. Junge Menschen sollten stärker für Selbstständigkeit begeistert werden. Hochschulen spielen dabei eine Schlüsselrolle, indem sie Unternehmertum als Karriereweg etablieren.
Zukunft beginnt mit Mut
Gründungen sind ein Gradmesser für Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit. Die aktuelle Stagnation ist ein Warnsignal. Ohne Gegenmaßnahmen droht ein dauerhafter Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Doch es gibt Hoffnung: Gründer:innen in IT, Software und KI zeigen, dass Ideen und Mut vorhanden sind. Politik und Wirtschaft müssen die Bremsen lösen und den Boden bereiten, damit aus Mut Wachstum entsteht.
Deutschland braucht mehr Gründergeist – nicht irgendwann, sondern jetzt.

