Der D-A-CH-Vergleich zeigt: Die duale Ausbildung bleibt stabil, büßt jedoch Schwung ein. Weniger Lehrlinge, fehlende Anreize und begrenzte Berufsbilder bedrohen das Fachkräftepotenzial.
Deutschland, Österreich und die Schweiz gelten als Vorbilder der dualen Berufsbildung. Betriebe bilden aus, Berufsschulen ergänzen, in der Schweiz kommen überbetriebliche Kurse hinzu. Dieses Modell steht international für Praxisnähe, Arbeitsmarktorientierung und die enge Verzahnung von Lernen und Arbeiten. Doch der Bericht „D-A-CH-Indikatoren zur dualen Berufsbildung 2025“ zeigt: Die gemeinsame Stärke entwickelt sich unterschiedlich. Besonders Deutschland sollte genauer hinsehen.
Die Studie, ein Pilotprojekt, soll die duale Berufsbildung in den drei Ländern regelmäßig überwachen. Das klingt technisch, ist aber politisch und wirtschaftlich bedeutsam. Wer Fachkräfte sichern will, muss wissen, wie viele junge Menschen eine Lehre beginnen, welche Berufe sie wählen, welche Gruppen erreicht werden und wo das System an Wirkung verliert. Der Vergleich ist schwierig, da die Länder unterschiedlich zählen, verschiedene Berufe ins duale System einbinden und ihre Bildungssysteme anders strukturieren. Gerade deshalb ist die Studie wertvoll: Sie zwingt dazu, über nationale Gewohnheiten hinauszublicken.
Demografie erklärt nicht alles
In Deutschland sinkt die Zahl der Lehrlinge seit Jahren. 2004 gab es 1.564.064 Lehrlinge, 2024 nur noch 1.217.949 – ein Rückgang auf 77,9 Prozent. Auch Österreich verzeichnet ein Minus: von 119.077 Lehrlingen 2004 auf 106.452 im Jahr 2024. Die Schweiz hingegen legte zu: von 186.294 auf 195.548, ein Anstieg auf 105 Prozent.
Die demografische Entwicklung erklärt diesen Trend nur teilweise. In Deutschland sank die Zahl der 15-Jährigen von 955.150 im Jahr 2004 auf 769.457 im Jahr 2024. In Österreich fiel sie von 96.982 auf 87.455 im Jahr 2023. Entscheidend ist jedoch die Stellung der dualen Ausbildung im Bildungssystem. Die Lehranfänger:innenquote zeigt dies deutlich: In Österreich beginnen etwa 34 Prozent eines fiktiven Geburtsjahrgangs eine Lehre, in Deutschland 53 Prozent, in der Schweiz über 75 Prozent – mehr als doppelt so viel wie in Österreich.
Ein einfaches Ranking lässt sich daraus nicht ableiten. Österreich hat starke berufsbildende Vollzeitschulen. Deutschland organisiert Gesundheits- und Sozialberufe überwiegend vollzeitschulisch. Die Schweiz integrierte diese Berufe 2004 ins duale System. Wer nur Lehrlingszahlen vergleicht, übersieht die Unterschiede in der Systemgestaltung.
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Anreize verändern Verhalten
Hier beginnt die wirtschaftliche Debatte. Mehr duale Ausbildung ist nicht automatisch besser, wenn sie nur statistisch anders erfasst wird. Doch eine sinkende Beteiligung am betrieblichen Ausbildungssystem ist ein Warnsignal. Betriebe, die weniger ausbilden, verlieren nicht nur Nachwuchs, sondern auch den direkten Transfer von Praxiswissen, Berufserfahrung und Standards.
Die Ausbildungsquote bestätigt dies. Gemessen am Anteil der betrieblich Auszubildenden an allen Erwerbstätigen liegt Deutschland 2024 bei 2,9 Prozent, Österreich bei 2,4 Prozent, die Schweiz 2023 bei 4 Prozent. Auch hier zeigt sich ein Rückgang. Frankreich hingegen verzeichnet seit 2019 einen starken Anstieg, ausgelöst durch eine Gesetzesreform von 2018, die Unternehmen gezielt zur Ausbildung motivierte.
Das zeigt: Betriebe bilden nicht im luftleeren Raum aus. Ausbildung kostet Zeit, Personal und Organisation. Wenn die Politik mehr Ausbildung will, muss sie die Rahmenbedingungen verbessern. Der Vergleich macht deutlich: Wo Anreize sich ändern, ändert sich auch das Verhalten.
Mehr ausländische Lehrlinge, aber Lücken bleiben
Ein weiterer Befund betrifft die Geschlechterverteilung. Der Frauenanteil unter den Lehrlingen liegt 2024 in Deutschland bei 34,8 Prozent, in Österreich bei 32,5 Prozent, in der Schweiz bei 41,3 Prozent. Bei den Lehranfänger:innen ist der Frauenanteil zwar höher, doch auch hier führt die Schweiz.
Die Studie erklärt dies mit der Berufsstruktur. In der Schweiz sind Gesundheits- und Sozialberufe stark ins duale System integriert. Berufe wie Fachfrau Gesundheit EFZ oder Medizinische Praxisassistentin EFZ gehören zu den wichtigsten für Frauen. In Deutschland dominieren Büro-, Verwaltungs- und kaufmännische Berufe, in Österreich der Einzelhandel. Technische und Produktionsberufe bleiben in allen drei Ländern männlich geprägt. Frauen konzentrieren sich stärker auf Büro-, Gesundheits- und Dienstleistungsberufe. Das ist kein Randthema, sondern entscheidend für die Nutzung von Fachkräftepotenzialen.
Auch die Nationalität der Lehrlinge zeigt Bewegung. Der Anteil ausländischer Lehrlinge stieg zwischen 2010 und 2024 in allen drei Ländern. Die Schweiz liegt mit 24,8 Prozent vorn, gefolgt von Österreich mit 16,2 Prozent und Deutschland mit 12,4 Prozent. In Österreich zeigt sich eine Lücke: Während 22,6 Prozent der Grundschüler:innen ausländischer Herkunft sind, liegt ihr Anteil bei den Lehrlingen nur bei 16,2 Prozent. Die Studie analysiert die Ursachen nicht, benennt aber das ungenutzte Potenzial.
Für Unternehmen ist das relevant. Wenn junge Menschen mit ausländischer Nationalität im Bildungssystem stärker vertreten sind als in der Lehre, bleibt Potenzial ungenutzt. Politische, juristische und soziale Ursachen müssen jedoch genauer untersucht werden.
Prüfung als Gradmesser
Die Lehrlingszahlen zeigen, wie sich Märkte verändern. In allen drei Ländern sinken die Zahlen im Handel, bei Friseur:innen und Köch:innen. Technische Berufe halten sich stabil oder wachsen. In Deutschland stiegen die Zahlen bei Elektroniker:innen und Kraftfahrzeugmechatroniker:innen, während Einzelhandel, Köch:innen und Friseur:innen stark zurückgingen. Ähnlich sieht es in Österreich und der Schweiz aus. Das zeigt: Ausbildung folgt nicht nur der Demografie, sondern auch der Attraktivität von Branchen, Marktveränderungen und Berufsbildern. Wenn Berufe wie Friseurhandwerk oder Gastronomie verlieren, reicht ein Appell an die Jugend nicht aus. Unternehmen müssen Arbeitsbedingungen, Perspektiven und Ausbildungsqualität überdenken.
Ein kritischer Punkt sind die Lehrabschlussprüfungen. Die Erfolgsquote liegt 2024 in Österreich bei 77 Prozent, in Deutschland bei 88,4 Prozent, in der Schweiz 2023 bei 91,7 Prozent. Die Prüfungen sind jedoch unterschiedlich organisiert. In Österreich finden sie außerhalb des Ausbildungsbetriebs statt, oft ohne reguläre Lehrausbildung. Diese Prüfungen haben eine niedrigere Erfolgsquote.
Das relativiert die Zahlen, macht sie aber nicht unwichtig. Scheitern kostet: Betriebe, Lernende und das System. Prüfungen zeigen, wie gut Ausbildung, Unterstützung und Zugangsvoraussetzungen zusammenpassen.
Die duale Ausbildung trägt nicht von selbst
Ein Blick auf die höhere Berufsbildung zeigt Unterschiede. Die Schweiz verfügt über ein institutionalisiertes System mit rund 450 anerkannten Abschlüssen. Deutschland hat die „Aufstiegsfortbildung“ zur höherqualifizierten Berufsbildung weiterentwickelt und mit Titel wie „Bachelor Professional“ sichtbarer gemacht. Österreich schuf mit dem HBB-Gesetz 2024 einen neuen Zugang für Fachkräfte mit Lehre und Berufserfahrung. Doch Titel allein verändern keine Bildungsrealität. Sichtbarkeit und Anerkennung sind wichtig, aber Inhalte und Strukturen müssen folgen.
Die zentrale Erkenntnis des D-A-CH-Vergleichs: Die duale Ausbildung bleibt stark, doch sie trägt nicht mehr von selbst. Sie braucht Daten, die über nationale Erfolgserzählungen hinausgehen. Sie braucht Berufe, die zu realen Märkten passen. Sie muss Gruppen erreichen, die bisher außen vor blieben, und Anschluss nach oben bieten, um keine Sackgasse zu sein.
Für Deutschland ist der Befund klar: Der Rückgang der Lehrlingszahlen, der sinkende Frauenanteil und die rückläufige Ausbildungsquote zeigen, dass das System an Attraktivität verliert. Die Schweiz zeigt, wie stark ein duales System sein kann, wenn es breit aufgestellt ist. Österreich verdeutlicht, wie wichtig die Konkurrenz zwischen Lehre und Vollzeitschulen ist. Deutschland riskiert, ein bewährtes System für selbstverständlich zu halten.
Die duale Ausbildung ist kein Traditionsbestand, sondern ein wirtschaftliches Steuerungsinstrument. Wer sie schwächt, merkt es nicht sofort. Doch irgendwann fehlen nicht nur Auszubildende, sondern auch Menschen, die Berufe praktisch gelernt, Verantwortung übernommen und von innen verstanden haben.

