Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall: Ein Kostenfaktor außer Kontrolle

Frau liegt schlafend im Bett

Es ist eine unsichtbare Last, die jedes Unternehmen spürt: die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. 2024 mussten Arbeitgeber in Deutschland dafür 82 Milliarden Euro aufbringen – viermal mehr als die Kosten für das Krankengeld der gesetzlichen Kassen.

Der IW-Kurzbericht 75/2025 zeigt: Inzwischen fließt ein Viertel aller Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung in diesen Posten. Der Krankheitsstand ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Die Wirtschaft ächzt unter dieser Bürde.

Krankheitstage bedeuten nicht nur leere Schreibtische und stillstehende Maschinen. Sie reißen auch tiefe Löcher in die Unternehmenskassen. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz zahlen Arbeitgeber ihren Beschäftigten bis zu sechs Wochen den vollen Lohn – und das auch mehrfach, wenn verschiedene Diagnosen vorliegen. Zusätzlich kommen 13 Milliarden Euro an Sozialabgaben hinzu. Innerhalb von drei Jahren stiegen die Kosten um 10 Milliarden Euro, seit 2010 haben sie sich mehr als verdoppelt.

Hoher Krankenstand – und kein Ende in Sicht

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDer Trend ist klar: Mit jeder Lohnerhöhung steigen auch die Krankheitskosten. Die demografische Entwicklung verschärft das Problem. Ältere Beschäftigte leiden häufiger an Muskel- und Skeletterkrankungen, die lange Ausfallzeiten nach sich ziehen. Gleichzeitig nehmen psychische Erkrankungen zu. Sie machen zwar weniger als fünf Prozent der Krankheitsfälle aus, verursachen aber überproportional viele Fehltage. Während Herz-Kreislauf-Erkrankungen an Bedeutung verlieren, sorgen Atemwegserkrankungen – vor allem bei jüngeren Mitarbeitenden – Jahr für Jahr für eine Flut von Krankmeldungen.

Seit der Einführung der elektronischen Krankschreibung 2022 ist der dokumentierte Krankenstand noch höher. Was früher auf dem Weg vom Arzt zur Krankenkasse verloren ging, wird nun vollständig erfasst. Das Bild ist schärfer – und ernüchternder. Der Krankenstand bleibt auf hohem Niveau.

Krankheiten entstehen oft außerhalb des Arbeitsplatzes

Die Betriebe stoßen an ihre Grenzen. Betriebliches Gesundheitsmanagement kann helfen, kostet aber Geld und überfordert kleinere Unternehmen. Zwar investieren Firmen über die gesetzliche Unfallversicherung in bessere Arbeitsbedingungen, doch das reicht nicht aus. Denn viele Krankheiten entstehen außerhalb des Arbeitsplatzes – durch Lebensstil, Freizeit und gesellschaftliche Einflüsse. Die Verantwortung allein den Arbeitgebern zuzuschieben, greift zu kurz.

Die Zahlen des IW-Kurzbericht sind eindeutig: Steigende Lohnnebenkosten gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Wenn ein Kostenblock wie die Entgeltfortzahlung fast so viel verschlingt wie ein Konjunkturpaket, braucht es eine politische und gesellschaftliche Kurskorrektur.


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Ohne Reformen droht der wirtschaftliche Stillstand

Wie lässt sich die Kostenlawine stoppen? Ökonomen und Verbände diskutieren verschiedene Modelle. Eine Möglichkeit: Karenztage, wie sie in vielen europäischen Ländern üblich sind. Mitarbeitende würden in den ersten Krankheitstagen keinen oder nur reduzierten Lohn erhalten. Alternativ könnten Karenzzeiten eingeführt werden, in denen das Gehalt auf Krankengeldniveau sinkt. Eine weitere Option: Die Zahlungen des Arbeitgebers auf maximal sechs Wochen pro Jahr zu begrenzen – auch bei wechselnden Diagnosen.

Jede dieser Lösungen ist umstritten. Gewerkschaften warnen vor sozialen Härten, Arbeitgeberverbände fordern Entlastung. Doch eines ist klar: Ohne Reformen droht ein schleichender Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Schon heute übersteigen die Kosten der Entgeltfortzahlung die Investitionen mancher Branchen in Forschung und Entwicklung. Will Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen, braucht es ein Gleichgewicht zwischen sozialer Sicherheit und wirtschaftlicher Stärke.

Die Zeit drängt

Die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist ein Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft – doch sie gerät unter Druck. 82 Milliarden Euro im Jahr sind mehr als eine Zahl. Es ist ein Kapital, das in Maschinen, Innovationen oder Fachkräfte fließen könnte. Die Herausforderung liegt darin, das System neu auszubalancieren: fair für Mitarbeitende, tragbar für Arbeitgeber, nachhaltig für die Gesellschaft.

Die Debatte hat begonnen. Doch eines ist sicher: Ohne Kurswechsel droht ein Kostensturm, der den Standort Deutschland schwächt. Die Frage ist nicht mehr, ob gehandelt werden muss. Sondern nur noch: wie schnell.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.