Fehlzeiten in der Pandemie

Frau schaut in den Sonnenuntergang

Nach einem stetigen Anstieg der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren ist 2020 erstmals wieder ein Rückgang der psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfälle zu verzeichnen.

Das zeigt eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für die Monate Januar bis August 2020. In den vergangenen Jahren waren die Fehltage wegen pschischer Erkrankungen stetig angestiegen. 2020 ist nun erstmals ein Rückgang zu erkennen. Zumindest bei den AOK-Versicherten, denn nur ihre Daten wurden für die Untersuchung ausgewertet.

Insgesamt haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Monaten Mai bis August 2020 deutlich seltener wegen Krankheit gefehlt als im Vorjahr. Ein Grund könnte sein, dass sich weniger Menschen mit Erkältungskrankheiten angesteckt haben, weil im Corona-Jahr stärkere Hygieneregeln gelten und Millionen Menschen statt im Betrieb überwiegend zuhause gearbeitet haben. Die AOK-Expertinnen und -Experten vermuten aber auch, dass Beschäftigte aus Angst vor einer Corona-Infektion weniger zum Arzt gingen, sich gar keine Krankschreibung geholt haben.

Die aktuellen Analysen des WIdO verzeichnen vom 1. Januar bis zum 31. August 2020 im Durchschnitt 11,1 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 AOK-Mitglieder wegen psychischer Erkrankungen. Das waren deutlich weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres: 2019 waren von Januar bis August 12,0 AU-Fälle je 100 AOK-Mitglieder gemeldet worden.

Corona-Pandemie könnte psychisch Erkrankte noch stärker belastet haben

Bemerkenswerterweise zeigt sich allerdings parallel zur Abnahme der Fallzahlen von psychisch bedingten Krankschreibungen eine sprunghafte Zunahme der Länge dieser Krankschreibungen: So stieg die Dauer eines durchschnittlichen psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfalls der Versicherten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als drei Tage, von 25,9 Tagen auf 29,3 Tage. Auch hier wird eine Auswirkung der Pandemie vermutet. Möglicherweise haben sich die Einschränkungen durch das Coronavirus nachteilig auf Menschen ausgewirkt, die bereits psychisch belastet waren. Damit bekam der Trend der letzten Jahre zu immer längeren Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen im Pandemie-Jahr 2020 einen weiteren Schub.

Die Covid-19-Pandemie hat die bisherige AU-Statistik des Jahres 2020 stark beeinflusst, das lässt zumindest der Vergleich mit dem Vorjahr vermuten: Zunächst gab es zu Beginn der Pandemie im März und April 2020 einen deutlichen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Der höchste Krankenstand wurde im März mit einem Krankenstand von 7,8 Prozent erreicht. Das waren knapp zwei Prozentpunkte mehr als im März 2019 (6,1 Prozent).

Von Mai bis August lagen die Krankenstände hingegen unter denen der entsprechenden Vorjahresmonate. So meldeten sich Beschäftige im Mai 2020 nur an 4,4 Prozent der Tage krank, im Vorjahresmonat waren es 5,2 Prozent. Auch in den Sommermonaten setzte sich dieser Trend fort.

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.

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