Birgit Amelung zeigt in ihrem Buch „Der Multifokus-Effekt“, warum unser modernes Leben keinen starren Monofokus verlangt, sondern bewusste Selbstführung. Multifokus bedeutet: nicht alles zugleich erledigen, sondern gezielt die richtigen Hebel bewegen.
Birgit Amelungs Buch „Der Multifokus-Effekt“ beginnt mit einer scheinbar harmlosen Frage, die direkt ins Heute führt: „Wie schaffst du das bloß alles?“ Amelung leitet zwei Unternehmen, berät mit ihrer Agentur Konzerne und Start-ups, gründete mit „The HER KLUB“ ein großes Frauennetzwerk, ist Mutter zweier Kinder, Podcast-Host, Speakerin, Netzwerkerin, Reisende, Lernende. Nach außen wirkt das wie souveräne Dauerleistung. Doch Amelung entzaubert dieses Bild früh: Sie vergisst Geburtstage, arbeitet bis Mitternacht am Laptop, fühlt sich überfordert, fährt ihre Familie an. Genau darin liegt die Stärke des Buches. Es verkauft kein Hochglanzmodell der Selbstoptimierung, sondern zeigt ein volles Leben mit Brüchen, Privilegien, Energie – und der Frage, wie man darin nicht untergeht.
Multifokus ist nicht Multitasking
Amelung greift das klassische Verständnis von Fokus an. Fokus galt lange als Verengung: ein Ziel, eine Richtung, ein Schwerpunkt. Wer Erfolg will, soll Nebenschauplätze ausblenden. Dieses Denken passt zu Produktivitätsratgebern, Deep-Work-Routinen und Kalenderdisziplin, aber schlecht zu einem Leben, in dem Menschen gleichzeitig arbeiten, führen, pflegen, lieben, lernen, sich entwickeln, gesund bleiben und gesellschaftliche Veränderungen bewältigen. Amelung erinnert: „Fokus“ stammt vom lateinischen „focus“ – Herd, Feuerstelle, Mittelpunkt des Hauses. Nicht Leistung, sondern Sammlung. Nicht Tunnel, sondern Wärme. Nicht Ausschluss, sondern Lebendigkeit.
Aus dieser Umdeutung formt sie ihren Begriff: Multifokus. Er meint ausdrücklich nicht Multitasking. Multitasking heißt, hektisch zwischen Nachrichten, Aufgaben und Rollen zu springen. Das erzeugt Reizüberflutung, Fehler, Stress. Multifokus dagegen steuert bewusst mehrere Lebensbereiche. Der Unterschied ist entscheidend: Nicht alles gleichzeitig zu tun, sondern alles Wichtige im Blick behalten – und jeweils entscheiden, was jetzt Vorrang hat. Amelung nennt das später den Multifokus-Shift: einen Bereich lauter drehen, andere leiser stellen. Ihr Bild dafür stammt aus einem Lego-Serious-Play-Workshop. Sie baute ihre Lebensvision nicht als Businessfrau oder Mutter, sondern als DJ: mit Reglern für Business, Familie, Gesundheit, Kreativität und Freundschaften. Dieses Bild trägt das Buch. Das Leben wird nicht abgearbeitet. Es wird gemischt.
Wechselwirkungen erkennen
Der stärkste Gedanke: Fülle ist nicht der Feind. Der Feind ist der Widerstand gegen die Fülle. Amelung schreibt gegen die Illusion des „bald wird es ruhiger“ an. Nach der Präsentation, nach dem Launch, nach den Ferien, nach der Kleinkindphase – irgendwann soll Ruhe einkehren. Doch dieses Bald kommt selten. Oder nur kurz. Dann füllt sich das Leben neu. Der Multifokus-Effekt beginnt nicht mit Reduktion, sondern mit Akzeptanz: Das Leben ist voll, dynamisch, widersprüchlich. Wer darauf wartet, dass es endlich linear wird, verliert Energie. Wer es führt, gewinnt Handlungsspielraum.
Das Buch überzeugt besonders, wenn Amelung persönliche Erfahrung mit konkreten Modellen verbindet. Sie beschreibt vier Lebensbereiche: Arbeit und Wirkung, Beziehungen und Verantwortung, Gesundhit und Energie, Klarheit und Entwicklung. Diese Bereiche stehen nicht isoliert, sondern greifen ineinander. Wer keine Energie hat, bleibt weder kreativ noch präsent. Wer beruflich keine Klarheit findet, trägt Unruhe in Beziehungen. Wer allen gerecht werden will, verliert das eigene Wirken. Multifokus liegt also nicht in einem Bereich, sondern zwischen den Bereichen. Das ist klug, weil es die klassische Balance-Rhetorik überwindet. Es geht nicht darum, überall gleich viel Zeit zu investieren, sondern Wechselwirkungen zu erkennen.
Nicht jeder fokussiert gleich
Dazu passt der Fokus-Kompass des Buches. Werte dienen nicht als hübsche Begriffe, sondern als operative Steuerungsgröße. Amelung zeigt, wie Werte sich verschieben: Freiheit stand für sie lange im Zentrum, später gewann Gesundheit an Bedeutung. Als ihre Tochter in die Schule kam, empfand sie die Bindung an Schulferien zunächst als Einschränkung. Später wurde Struktur entlastend. Werte sind also nicht einmal festgelegt und dann erledigt. Sie verändern sich mit Lebensphasen, Verantwortung und Energie. Das macht den Ansatz glaubwürdig.
Nützlich ist auch die Typologie der fünf Fokus-Typen:
– Scanner sprudeln vor Ideen und brauchen Themenparks statt endloser To-do-Listen.
– Neo-Generalisten verbinden Kontexte, denken interdisziplinär und benötigen Themen-Cluster sowie Fokus-Filter.
– Taucher gehen tief, arbeiten präzise und müssen aufpassen, dass Tiefe nicht in Perfektionismus kippt.
– Navigatoren balancieren Rollen und profitieren von Fokusfenstern.
– Sprinter leisten in intensiven Phasen enorm viel, brauchen aber Regeneration, sonst wird aus Fokus ein Crash.
Diese Typologie ist kein diagnostisches Instrument, aber ein guter Spiegel. Sie entpathologisiert Unterschiedlichkeit. Nicht jeder Mensch fokussiert gleich. Genau darin liegt moderne Selbstführung.
- Aufmerksamkeit führen: So schaffen Führungskräfte echten Fokus
- Warum Beschäftigte den Fokus verlieren
- Fokus ist kein Zufall: Wie Organisationen Konzentration ermöglichen
- Konzentration – Ihre größte Stärke
- Die moderne Arbeitswelt als Belastung
Multifokus darf kein neues Ideal werden, an dem Menschen scheitern
Kritisch wird es, wenn das Buch stark aus Amelungs eigener Lebensrealität argumentiert. Sie benennt das selbst: 50/50-Modell mit ihrem Mann, Unterstützung durch Au-pairs, Hilfe im Haushalt, finanzielle Spielräume. Das ist wichtig und ehrlich. Trotzdem bleibt die Spannung. Wer in starren Schichten arbeitet, allein erzieht, pflegt oder kaum Ressourcen hat, kann nicht einfach per Mindset mehr Räume schaffen. Amelungs Satz „Du kannst alles haben“ ist stark, aber riskant. Er funktioniert nur, wenn „alles“ nicht als Maximierung gelesen wird, sondern – wie sie selbst einschränkt – als „das Richtige für dich“. Hier braucht das Buch seine eigene Präzisierung: Multifokus darf kein neues Ideal werden, an dem Menschen scheitern. Seine Stärke liegt nicht im Mehr, sondern im bewussteren Weniger an der richtigen Stelle.
Besonders zeitgemäß ist das Kapitel über KI und digitale Selbstführung. Amelung beschreibt ihre „phone-free week“, fünf Tage ohne Handy, E-Mail, Social Media, Apps und WhatsApp. Sie zeigt, wie schwer schon der Moment des Ausschaltens fällt. Digitale Tools und KI erscheinen bei ihr als Risko und Chance zugleich. Notifications, Doomscrolling und Overload zerstören Fokus. Gleichzeitig kann KI helfen, Gedanken zu ordnen, Essenspläne zu erstellen, Reisen mit Kindern zu planen oder Eventtexte vorzubereiten. Entscheidend ist Führung: KI ersetzt kein Denken, sondern verstärkt es. Wer unklar fragt, bekommt unklare Antworten. Wer Kontext gibt, prüft und schärft, gewinnt Zeit und Klarheit.
Präsenz ist Beziehungsarbeit
Stark ist Amelungs Warnung vor blindem Vertrauen. In einem Beispiel erhält sie ein KI-gestütztes Porträts über „The HER KLUB“ mit falschen Zahlen und Angaben. Ihre Reaktion: „Never trust AI“. Daraus leitet sie „Deep Literacy“ ab: die Fähigkeit, Inhalte einzuordnen, zu analysieren, zu hinterfragen und verantwortlich weiterzuverwenden. Das ist eine der wichtigsten Passagen des Buches. Denn sie verschiebt die Debatte: Fokus im KI-Zeitalter bedeutet nicht nur weniger Ablenkung. Es bedeutet bessere Urteilsfähigkeit.
Auch Beziehungen sind eine Fokusfrage. Amelung beschreibt Phubbing – das Wegtauchen ins Smartphone während echter Beziehungen – und erzählt von einer New-York-Erfahrung aus ihrer Studienzeit: ein Mann, den sie besuchte, hing ständig am Blackberry; sie fühlte sich überflüssig und zog schließlich mit anderen Menschen weiter, mit denen echte Gespräche möglich waren. Daraus entsteht ein einfacher, harter Satz: Präsenz ist Beziehungsarbeit. Fokus ist nicht nur Effizienz. Fokus sagt: Du bist mir wichtig.
Fokus ist eine bewegliche Praxis
Am Ende wird das Buch praktisch. Jahresplanung als Big Picture, Monats-Setup, Thementage, Wochenplanung am Sonntag, Energie- statt Zeitmanagement, Morgenroutine, „Rocks first“. Amelung plant Fixpunkte, Crunch-Zeiten, Erholung, Beziehungen und Weiterentwicklung bewusst ein. Ihr Vorweihnachtsdinner mit Freundinnen funktioniert, weil es jedes Jahr am ersten Freitag im Dezember gesetzt ist. Ihr nicht geplantes Mama-Kind-Wochenende scheitert fast, weil es im Kalender keinen Raum bekam. Die Botschaft ist klar: Was nicht sichtbar wird, verschwindet im Alltag.
„Der Multifokus-Effekt“ ist weniger ein Fokusbuch als ein Buch über Selbstführung unter modernen Bedingungen. Es stellt eine einfache, unbequeme Frage: Führst du dein Leben – oder reagierst du nur noch? Seine beste Antwort: Fokus ist kein starrer Zustand. Fokus ist eine bewegliche Praxis. Wer sie beherrscht, muss sein Leben nicht auf eine Rolle reduzieren. Er oder sie lernt, die eigenen Regler zu bedienen. Genau darin liegt die wirtschaftliche, persönliche und gesellschaftliche Relevanz dieses Buches: In einer Welt, die immer mehr Reize produziert, entsteht Klarheit nicht durch Verengung, sondern durch bewusste Choreografie.


