Stress gehört für viele zum Joballtag. Doch Psychologin Dominique de Marné warnt vor den Risiken – und erklärt, wie kleine Entscheidungen im Arbeitsalltag die mentale Gesundheit schützen und die Leistungsfähigkeit erhalten.
Ein Arbeitstag beginnt oft harmlos – und endet in Erschöpfung. Noch vor dem Frühstück vibriert das Smartphone. E-Mails drängen, Termine warten, Erwartungen steigen. Viele funktionieren nur noch. Doch der Preis ist hoch: Stress, mentale Erschöpfung und schleichende Überlastung prägen längst den Alltag moderner Arbeitswelten.
Die Psychologin Dominique de Marné zeigt in ihrem Buch „Work Healthy, Stay Happy“, wie man gegensteuern kann – nicht mit vagen Wohlfühlversprechen, sondern mit präzisen Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag. Ihr Ansatz: Mentale Gesundheit entsteht nicht durch große Programme, sondern durch viele kleine Entscheidungen im Laufe eines typischen Arbeitstags. Der erste Schritt: eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Stress als Normalzustand
„Ist halt normal, alle sind gestresst.“ Dieser Satz steht für ein weit verbreitetes Muster, das de Marné beschreibt. Stress wird hingenommen, ignoriert oder gar glorifiziert. Warnsignale wie Müdigkeit, Gereiztheit oder Konzentrationsprobleme gelten als unvermeidlich. Doch genau hier setzt die Autorin an: Sie unterscheidet zwischen Energieräubern und Energiequellen.
Typische Energieräuber:
– Weiterarbeiten, obwohl Stresssignale auftreten
– Ursachen von Überlastung ignorieren
– Keine Grenzen setzen
– Aufgaben nicht priorisieren
Dem stellt sie einfache Gegenmaßnahmen gegenüber:
– Kurz innehalten und Abstand gewinnen
– Auf Warnsignale reagieren
– Aufgaben sortieren
– Hilfe suchen oder bewusst Grenzen ziehen
Diese kleinen Entscheidungen steuern den gesamten Arbeitstag. Denn Stress entsteht nicht nur durch Arbeitsmenge, sondern vor allem durch fehlende Selbststeuerung.
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Das Gehirn unter Druck
Ein zentrales Modell des Buches ist das „dreiteilige Gehirn“. De Marné erklärt damit, warum Menschen unter Druck oft irrational handeln. Die drei Ebenen stehen für:
– Instinkt und Überleben
– Emotionen
– Rationales Denken
Unter starkem Stress übernimmt der instinktive Teil des Gehirns die Kontrolle. Entscheidungen werden impulsiv, Reaktionen defensiv. Rationales Denken tritt in den Hintergrund. Viele versuchen, Stress rein rational zu lösen – während ihr Gehirn längst im Alarmmodus arbeitet. Die Folgen: sinkende Produktivität, mehr Konflikte, häufigere Fehler. Um dem entgegenzuwirken, führt de Marné die Metapher des „inneren Akkus“ ein.
Energie statt Zeit: Der Akku als Modell
Die meisten Menschen organisieren ihren Tag nach Zeit. De Marné schlägt vor, stattdessen die eigene Energie zu managen. Der innere Akku muss regelmäßig aufgeladen werden. Das bedeutet:
– Pausen bewusst einlegen
– Warnsignale ernst nehmen
– Arbeitsphasen strukturieren
– Belastungen im Team offen ansprechen
Der Akku ist nicht nur ein individuelles Werkzeug. De Marné überträgt das Modell auf Teams: Wenn Kolleg:innen offen über ihre Energie sprechen, lassen sich Aufgaben neu verteilen und Prioritäten anpassen. Mentale Gesundheit wird so zur gemeinsamen Aufgabe – nicht zum privaten Problem Einzelner.
Der innere Antreiber: Wir stehen uns selbst im Weg
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf inneren Antreibern. Viele Belastungen entstehen nicht durch äußere Anforderungen, sondern durch eigene Glaubenssätze. Typische Beispiele:
– „Ich muss alles perfekt machen.“
– „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
– „Ich muss immer erreichbar sein.“
Diese Überzeugungen führen zu dauerhafter Selbstüberforderung – oft unbemerkt. De Marné betont, wie wichtig es ist, diese inneren Antreiber zu erkennen. Nur so lassen sich realistische Arbeitsweisen entwickeln.
Wege aus der Burnout-Spirale
Das Buch zeigt auch, was passiert, wenn Stress ignoriert wird. De Marné unterscheidet zwischen Soforthilfen und langfristigen Strategien. Zu den akuten Maßnahmen gehören:
– Aufgaben klar priorisieren
– Entlastung durch Delegation schaffen
– Erholungsphasen einplanen
Langfristig geht es um strukturelle Veränderungen: realistische Ziele, transparente Kommunikation und klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.
Mentale Gesundheit braucht Struktur
De Marné analysiert den Arbeitstag Schritt für Schritt – vom Morgen bis zum Feierabend. Sie zeigt, wie stark frühe Routinen den gesamten Tag prägen. Wer etwa morgens sofort auf Nachrichten reagiert, startet im Reaktionsmodus. Auch der Vergleich mit anderen – ob in sozialen Medien oder im Kollegenkreis – verstärkt den Stress.
Das Buch überzeugt durch seine Alltagsnähe. De Marné vermeidet theoretische Überfrachtung und bietet konkrete Handlungsoptionen. Doch sie zeigt auch die Grenzen individueller Verantwortung: Mentale Gesundheit hängt stark von der Arbeitskultur ab, Führung, Arbeitslast und organisatorische Rahmenbedingungen entscheiden, ob individuelle Strategien greifen. Besonders das Akku-Modell als Teaminstrument verdeutlicht, wie wichtig strukturelle Veränderungen sind.
Mentale Gesundheit als tägliche Praxis
Die Botschaft des Buches ist klar: Gesunde Arbeit entsteht nicht durch Workshops oder Programme, sondern durch kontinuierliche Aufmerksamkeit im Alltag. De Marné schlägt einen 28-Tage-Plan vor, um neue Gewohnheiten schrittweise zu etablieren. Ihr Ansatz ist pragmatisch: Kleine, regelmäßig umgesetzte Veränderungen wirken nachhaltiger als kurzfristige Motivationsschübe.
Am Ende steht eine einfache Erkenntnis: Mentale Gesundheit ist keine Zugabe erfolgreicher Arbeit – sie ist ihre Grundlage. Unternehmen, die das verstehen, schaffen nicht nur gesündere Mitarbeitende, sondern auch die Basis für langfristige Leistungsfähigkeit.

