Gigantischer Fachkräftemangel in der Behindertenhilfe

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Nicht nur die Klinik- und Altenpflege hat ein Problem mit dem Fachkräftemangel – auch in der Behindertenhilfe gibt es einen Notstand. Der Grund dafür sind auch hier die sehr schlechten Arbeitsbedingungen.

Forschende der TU Darmstadt befragten zwischen Juni und August 2021 gut 8.000 Beschäftigte in der Behindertenhilfe zu ihren Arbeitsbedingungen: Weniger als ein Viertel der Befragten hielten die bestehende Personalausstattung bei ihren Arbeitgebern für angemessen. Viele, nämlich 75 Prozent berichteten aufgrund des Personalmangels von regelmäßigen Überstunden. Ebenso viele gaben an, ihre Pause nicht oder nicht ungestört nehmen zu können. 80 Prozent der Befragten sagten, dass sie sich bei der Arbeit gehetzt fühlten. Zwei Drittel der Beschäftigten wird auch in ihrer Freizeit von Klientinnen und Klienten sowie Vorgesetzten kontaktiert. Jeder zweite Befragte gab an, regelmäßig auch außerhalb des Dienstplans einspringen zu müssen. Und mehr als 60 Prozent berichteten, dass sie seit Beginn der Corona-Krise auch krank zur Arbeit gegangen seien. Ein Grund ist dafür die Sorge, dass die ihnen anvertrauten Menschen ansonsten schlecht versorgt sein könnten; oder die Arbeit an den restlichen Kolleginnen und Kollegen hängen bleibe.

Ferner gaben gut 60 Prozent der Befragten an, dass ihre Einrichtung zunehmend Personal “ohne einschlägige Ausbildung” einsetze, um den Betrieb am Laufen zu halten. Und zwei Drittel der Beschäftigten sagte, sie arbeiteten häufig allein oder nur mit einer Rumpfbesetzung – was viele Fachkräfte als kritisch ansehen, denn das könne zu Überforderung und Gefährdungen der Erwachsenen und Kinder mit Behinderung führen, für die sie sorgten.

Personalprobleme durch Arbeitszeiterhöhung lösen

Die Studie zeigt ebenfalls auf, dass ähnlich wie in der Altenpflege auch in der Behindertenhilfe ein Teil des Personalproblems durch eine Erhöhung der Arbeitszeiten gelöst werden kann: Denn fast jeder und jede Zweite arbeitet hier Teilzeit, 20 Prozent der Beschäftigten tut dies aber unfreiwillig und würde die Arbeitszeit gerne aufstocken – aber das entsprechende Angebot fehlt. Der Grund ist simpel: Teilzeit bedingt Teilzeit. Und auch wegen der knappen Finanzierung von stationären Pflegeeinrichtungen sind Arbeitgeber nur schwer in der Lage, Vollzeitwünschen flexibel entsprechen zu können.

Viele Beschäftigte in der Behindertenhilfe aber wollen auch nicht Vollzeit arbeiten – was oft an den fordernden Arbeitsbedingungen liegt: So entsteht eine zusätzliche Belastung durch Schichtarbeit, die für 77 Prozent der Befragten Alltag ist, 85 Prozent arbeiten regelmäßig am Wochenende, mehr als jeder Dritte auch nachts. Mehr als ein Drittel der Befragten gaben in der Studie an, häufig geteilte Dienste zu haben. Das bedeutet, dass man einen Teil der Arbeit am Morgen und den Rest am Abend arbeitet oder mehrfach am Tag zur Verfügung stehen muss, wenn viel zu tun ist.

Vor allem Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger haben es schwer: Hier erfolgt die Ausbildung in der Regel schulisch und ist kostenpflichtig. Das führt dazu, dass immer mehr Nachwuchskräfte fehlen. Wer will schon in die wegen der miesen Arbeitsbedingungen verschrieenen Pflegebranche – und dann dafür auch noch Schulgeld bezahlen? Dabei sind die Anforderungen in der Behindertenhilfe auch in der Corona-Pandemie gestiegen. Menschen mit Behinderungen, die auf Pflege und Assistenzen angewiesen sind, brauchen gut ausgebildetes Personal, um überhaupt gesellschaftliche Teilhabe genießen zu können. Viele Menschen mit Behinderung wünschen sich eine Eins-zu-Eins-Betreuung, aber laut der Studie der TU-Darmstadt hat dafür nur ein Viertel der befragten Beschäftigten überhaupt Zeit.

Bis 2023 führt Deutschland das Bundesteilhabegesetz ein

Die Behindertenhilfe befindet sich jedoch generell in einem Reformprozess. Denn Deutschland muss die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen, wonach Menschen mit Behinderungen das gleiche Recht auf Inklusion haben wie alle anderen auch. In vier zeitversetzten Reformstufen wird bis 2023 in Deutschland das sogenannte Bundesteilhabegesetz eingeführt, mit dem die UN-Konvention in nationales Recht überführt werden, und die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die durch eine drohende Behinderung gefährdet sind, verbessert werden soll. Die Reformen sehen vor, dass viele Maßnahmen verstärkt ambulant erfolgen sollen. Die Gewerkschaft ver.di kritisiert jedoch, dass das in vielen Bereichen der Behindertenhilfe zu einer Kostenbegrenzung und somit zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten führe. Die Gewerkschaft fordert zudem generell eine bessere Bezahlung in der Behindertenhilfe. Laut der Untersuchung sind gut die Hälfte der Befragten unzufrieden mit ihren Löhnen – teilweise ist diese Unzufriedenheit aber auch durch die unfreiwillige Teilzeitarbeit bedingt.

Für die Untersuchung hatten Forschende der TU Darmstadt 8.114 Beschäftigte in der Behindertenhilfe zwischen Juni und August 2021 zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Neben Pflegefachkräften war ein knappes Viertel der Befragten Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger, gut 15 Prozent Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, 13 Prozent Erzieherinnen und Erzieher sowie elf Prozent Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderung. Fast die Hälfte (42 Prozent) arbeiteten in Wohnbereichen, ein Viertel in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Andere waren in Tagesförderstätten, Kitas oder der Schulförderung tätig.

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.