Glücksfaktor Tiny Start-up

Schriftzug Live, Work, Create.

Weniger ist oft mehr – diese Einsicht setzt sich auch bei Gründern immer häufiger durch. Wie solche Tiny Start-ups funktionieren und was sich dazu eignet, wissen Veronika Bellone und Thomas Matla.

„Ich kündige zum nächstmöglichen Termin!“, ruft Veronika hochemotional, springt auf und verlässt die Werbeagentur in Zürich, für die sie bis zu diesem Tag angestellt tätig ist. Sie hat zwar noch keinen Plan für etwas Neues, hält es dort aber einfach nicht mehr länger aus, da sie sich zunehmend unfrei fühlt und in ihrer Weiterentwicklung gebremst sieht. Thomas, in einer Werbeagentur in Frankfurt am Main tätig, löst seine Frustrationen erst einmal anders: Er wechselt mehrmals zwischen verschiedenen Agenturen und erhält dafür auch ein immer höheres „Schmerzensgeld“, wie er es nennt. Unvermeidlich ist für beide schlussendlich die eigene Selbstständigkeit. Denn nur sie bietet ihnen den gewünschten Entfaltungsspielraum, das konsequente Ausgestalten der eigenen Möglichkeiten sowie die persönliche Weiterentwicklung. Außerdem erfordern Beratungs-Start-ups nur Wissen und wenig Eigenkapital. Dass beide heute, nach jahrelanger Selbstständigkeit, gemeinsam in ihrem Schweizer Kleinstunternehmen tätig sind sowie gemeinsam Bücher schreiben, empfinden sie als großes Glück.

So, wie Veronika und Thomas, geht es vielen Menschen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz – wenn auch die Gründungsmotive und Veränderungsimpulse unterschiedlich sein mögen. Dabei beträgt der Anteil der Mikrounternehmen (mit bis zu drei Mitarbeitern), Kleinstunternehmen (mit bis zu neun Mitarbeitern und einem Jahresumsatzerlös von bis zu zwei Millionen Euro) sowie Kleinunternehmen (mit bis zu 49 Arbeitnehmern und einem Jahresumsatzerlös von bis zu zehn Millionen Euro) zusammengenommen an allen Unternehmen in Deutschland 96,3 Prozent, in Österreich gar 98 Prozent und in der Schweiz 98,2 Prozent. Mikro-, Kleinst- und Kleinunternehmen dominieren also die Wirtschaft – auch wenn in den Medien nur wenig über sie berichtet wird.

Glück ist kein Gründungsmotiv, aber die wichtigste Folge

Kleinste und kleine Unternehmen, sogenannte Tiny Start-ups, werden aus unterschiedlichsten Motiven gegründet: zum Beispiel um eine Vision zu verwirklichen oder eine Idee umzusetzen. Neben der wirtschaftlichen Tragfähigkeit, stehen dabei zunehmend das eigene ökologische, soziale oder kulturelle Verantwortungsgefühl im Fokus sowie der Wunsch, die Gesellschaft zu verbessern – wofür sie in festen Angestelltenstrukturen meist keine Umsetzungsmöglichkeiten sehen. Ihr Glücksgefühl, etwas Sinnvolles und Wirkungsvolles zu tun, bestärkt sie, neue und ungewohnte Wege einzuschlagen sowie sie mutig und konsequent zu gehen.

Im Zeitalter der Digitalisierung und immer neuer Technologien, nimmt jedoch auch das Segment der „Freigesetzten“ beständig zu. Meist sind es Menschen, die nie über eine Selbstständigkeit nachgedacht und die alles für das Unternehmen gegeben haben. Plötzlich müssen sie sich komplett neu erfinden. Oft, unter finanziellem und zeitlichem Druck – mit einer nicht sichtbaren Wunde der emotionalen Zurückweisung aufgrund ihrer Entlassung. Ob jetzt die Anstellung in einer neuen Firma, der Umzug in eine andere Stadt oder eine Selbstständigkeit sinnvoll ist, gilt es herauszufinden. Denn der richtige, glücksbringende Weg ist individuell, und nicht jeder Mensch zur Selbstständigkeit geboren oder erzogen. Persönliche Gene sowie soziale und kulturelle Imprägnierungen können, als individuell programmierte Lebensmuster, berufliche wie private Erfolge bremsen oder befeuern. Daher sollte man das innere Wertesystem vor relevanten Lebensentscheidungen im Rahmen eines Glücks-Checks reflektieren.

Viele Menschen wissen, wie es sich anfühlt, angestellt zu sein

Das verinnerlichte Wertesystem freizulegen, kann dazu führen, sich persönlich weiterzuentwickeln, Fähigkeiten zur Selbstliebe und Selbstwertschätzung zu erlernen und damit bessere Entscheidungen für bessere Lebensumstände zu ermöglichen. Folgende Fragen unterstützen dabei:

  • Passt eine eigene Selbstständigkeit oder eine Anstellung besser zu meiner Partnerschaft, meiner Familie, meiner Lebenssituation und meinen Sozialkontakten?
  • Was fördert und was belastet meine Gesundheit mehr?
  • Was erzeugt bei mir Blockaden, was Aggressionen?
  • Wo fühle ich mich besser und wo werden bei mir mehr Energien freigesetzt?
  • Unter welchen Bedingungen kann ich mich besser entwickeln und selbstbestimmter agieren?
  • Womit kann ich finanziell besser leben?
  • Wie will ich überhaupt leben?
  • Was beeinflusst mein Lebensglück?

Viele Menschen wissen, wie es sich anfühlt, angestellt zu sein. Sie können sich unterordnen und Übergeordneten zuarbeiten. Sie wissen, was im Unternehmen gesagt und getan werden darf – auch wenn sie damit nicht immer einverstanden sind. Ihre volle Persönlichkeit erleben sie meist nur privat, in Vereinen, beim Sport, in ihrem sozialen Umfeld. Für diese Menschen kann es befeuernd sein, Unternehmer zu erleben, die voller Energie und Schaffenswillen tätig sind. Die viel leisten, aber auch viel zurückbekommen. Nämlich intensive und tief fundierte Glücksgefühle, wenn sie ihre Ziele erreichen, wenn sie Mitarbeiter beschäftigen können, wenn sie gesellschaftliche Anerkennung bekommen und dabei auch das Einkommen stimmt. Damit steigen auch das Selbst-Bewusstsein und das Selbst-Wert-Gefühl. Wie in einem »Perpetuum Mobile« nimmt die Resilienz, die Widerstandsfähigkeit gegen Schwankungen und Herausforderungen des Lebens, und somit das Glücksgefühl zu.

Über das eigene Bedürfnis zum Tiny Start-up

Caroline Taskin aus Basel, die bis zur Geburt ihrer Tochter als Produkt- und Key Account Managerin tätig ist, ist so eine glückliche Kleinstunternehmerin: Sie nutzt ihre Baby-Pause für Weiterbildungen, die den Gedanken zur Selbstständigkeit in ihr wachsen lassen. Als sie auf YellowKorner trifft, nutzt sie die Gelegenheit und wird Franchisenehmerin mit ihrer eigenen Fotogalerie. An ihrer Kleinstselbstständigkeit begeistert sie die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Wünsche ihrer Kunden. Besondere Glücksmomente erlebt sie, wenn sie im Rahmen von Events und Vernissagen Künstler und Kunstbegeisterte zusammenbringen kann.

Ganz anders der Weg von Brendan und Sina aus Stuttgart. Sie kommen zu ihrem Tiny Start-up über das eigene Bedürfnis: Aus den USA bringen beide die Idee für ein Tiny House, ein kleines Haus auf Rädern, mit – was sie zunächst nur für sich selbst bauen wollen. Denn beide lieben die Unabhängigkeit sowie die finanzielle und materielle Ungebundenheit, die Tiny Houses bieten. Im Laufe ihrer Recherchen und der Realisierung ihres eigenen Projektes werden sie zu Spezialisten – und gründen mit diesem Wissen ihr eigenes Tiny Start-up „Tiny Tech-House“.

 

 

Veronika Bellone und Thomas Matla sind Franchise-Berater, Marketing-Spezialisten und Autoren. Sie leben und arbeiten in der Schweiz, wo sie regelmäßig Bücher publizieren. Aktuell ist ihr gemeinsames Buch Glücklich mit Tiny Start-ups: Warum kleine Unternehmen das nächste große Ding sind im Redline Verlag erschienen.

Die Ratgeber

Das Team um Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin Sabine Hockling verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen in renommierten deutschen Verlagshäusern und Fachbuchverlagen. Ihr journalistisches Können bringen "Die Ratgeber" in Print-, Online- und Fernseh-Redaktionen ein.

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