Hitze stellt Unternehmen auf die Probe

Thermometer mit über 40 Grad Celsius

Viele Firmen reagieren auf steigende Temperaturen, doch meist nur im Einzelfall. Eine Studie zeigt, warum Hitzeschutz heute zum Risikomanagement gehört – und wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdriften.

Hitze ist längst kein Randthema des Arbeitsschutzes mehr. Sie gefährdet Gesundheit, Produktivität, Infrastruktur – und damit die Wertschöpfung. Die Studie „Hitzeschutz in Unternehmen“ von GLS Investment Management, KLUG und Shareholders for Change zeigt: Viele Unternehmen reagieren bereits. Doch oft bleibt es bei punktuellen, technischen und selbstzufriedenen Maßnahmen. Genau hier liegt das Risiko.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDie Fakten sind eindeutig: Zwischen 2012 und 2021 stieg die weltweite hitzebedingte Sterblichkeit um 63,2 Prozent im Vergleich zu den 1990er-Jahren. Jährlich sind mehr als 70 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung – rund 2,41 Milliarden Menschen – übermäßiger Hitze ausgesetzt. 2024 gingen weltweit 639 Milliarden Arbeitsstunden verloren, was Einkommensverluste von 1,09 Billionen US-Dollar bedeutete – etwa ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Auch Europa spürt die Folgen: Zwischen 2000 und 2023 sanken die Arbeitsstunden pro Beschäftigten im Schnitt um 24 Stunden jährlich. In Deutschland kostet ein Hitzetag ab 30 Grad laut Studie 431 Millionen Euro durch sinkende oder ausfallende Arbeitsleistung.

Hitzeschutz ist damit kein Randthema der Fürsorge mehr, sondern ein zentraler Baustein unternehmerischer Resilienz. Wer Produktionsausfälle vermeiden, Beschäftigte schützen und langfristig Wertschöpfung sichern will, muss Hitze als operatives Risiko begreifen: messen, steuern, verantworten.

Selbstbild und Realität klaffen auseinander

Die Studie basiert auf einer Befragung von 22 börsennotierten europäischen Unternehmen aus dem GLS-Anlageuniversum. Befragt wurden 35 Unternehmen aus den Bereichen erneuerbare Energien, Mobilität, Logistik, Maschinen- und Elektrotechnik sowie nachhaltiges Bauen. Der Fragebogen umfasste Risikoanalysen, Governance, technische und bauliche Maßnahmen, organisatorische und individuelle Schutzmaßnahmen sowie Information und Schulung. GLS Investments und KLUG bewerteten die Antworten zusätzlich qualitativ.

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDie Ergebnisse wirken auf den ersten Blick solide: 95 Prozent der Unternehmen berücksichtigen Hitze in Gefährdungsbeurteilungen. 76 Prozent haben klare Zuständigkeiten, meist im HSE-Bereich oder Management. Ebenso viele überprüfen und verbessern ihre Maßnahmen regelmäßig. 71 Prozent verfügen über systematische Hitzeschutzkonzepte oder -pläne. Technische Schutzmaßnahmen sind bei allen Unternehmen vorhanden, 95 Prozent passen Arbeits- und Pausenzeiten an, 86 Prozent setzen spezielle Schutzausrüstung ein. Frühwarnsysteme nutzen 90 Prozent, Schulungen und Informationsmaterial 85 Prozent.

Doch die Studie deckt eine Schwäche auf: Die Selbsteinschätzung der Unternehmen übertrifft die tatsächliche Reife. Im Schnitt bewerten sie ihren Fortschritt mit 4,3 von 5 Punkten. GLS Investments und KLUG kommen nur auf 3,3. Zwar geben die Unternehmen an, 80 Prozent der Maßnahmen umzusetzen, doch nur 43 Prozent erfassen systematisch die Gesundheitsauswirkungen von Hitze, etwa durch anonyme Krankmeldungen oder Beschwerden.

Ohne Daten bleibt Hitzeschutz Stückwerk

Hier zeigt sich die zentrale Managementfrage: Was nicht erfasst wird, bleibt unsichtbar. Ohne die Verknüpfung von Hitzebelastung mit Gesundheitsdaten, Beschwerden oder Ausfallmustern lassen sich Maßnahmen kaum priorisieren. Datenschutz setzt dabei Grenzen, doch das entbindet Unternehmen nicht von der Pflicht, datenschutzkonforme Verfahren zu entwickeln. Ohne belastbare Daten bleibt Hitzeschutz eine Sammlung guter Absichten.

Anzeige GehaltstrainingAuch bei den Maßnahmen zeigt sich ein Dilemma. Gebäudekühlung ist verbreitet, doch viele Unternehmen setzen auf energieintensive Klimaanlagen statt auf bauliche Prävention, etwa durch die Ausrichtung von Büros zur schattigen Seite. Klimaanlagen lassen sich schneller nachrüsten und bieten kurzfristig Entlastung. Doch steigender Klimatisierungsbedarf birgt finanzielle Risiken. Energieeffiziente und naturbasierte Lösungen schaffen dagegen zusätzliche Klima- und Umweltvorteile.

Vorbildliche Ansätze

Ein dänisches Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien integriert Gesundheits- und Sicherheitsrisiken, einschließlich Hitze, in ein Komitee für Qualität, Gesundheit, Sicherheit und Umwelt. Hochrangige Führungskräfte überprüfen dort regelmäßige Strategien und Richtlinien. Ein französisches Schienenverkehrsunternehmen entwickelt Präventionsmaßnahmen gemeinsam mit lokalen Personalvertretern. So entsteht Hitzeschutz nicht von oben herab, sondern mit den Betroffenen.

Ein italienischer Energieversorger erfasst Risiken differenziert: Er berücksichtigt individuelle Gefährdungen, Arbeitsumgebungen und Tätigkeitsarten. Ältere Beschäftigte oder Menschen mit Vorerkrankungen werden arbeitsmedizinisch besonders geschützt. „Heiße Arbeitsplätze“ wie Windkraftanlagen werden gesondert betrachtet. Körperlich anstrengende Tätigkeiten werden saisonal angepasst und in kühlere Tageszeiten verlegt.


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Bei der Belastungsmessung gehen Vorreiter über die Lufttemperatur hinaus. Ein portugiesischer Betreiber erneuerbarer Energien nutzt die Wet Bulb Globe Temperature, die neben Temperatur auch Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Wärmestrahlung einbezieht. Die Elia Group kombiniert aufgabenspezifische Risikoanalysen mit engmaschigem Temperatur-Monitoring. In hitzesensiblen Gebäuden läuft ein 24/7-Live-Monitoring.

Die Zukunft des WissensAuch die Umsetzung folgt klaren Prinzipien. Ørsted setzt in hitzeanfälligen Offshore-Anlagen spezielle Belüftungssysteme ein, die die Temperatur um sechs Grad senken. Flexible Arbeitszeiten, tragbare Ventilatoren und Kühlwesten ergänzen die Maßnahmen. Vossloh kühlt sein neues Düsseldorfer Büro mit Wasser aus einem nahegelegenen See – eine Klimaanlage wird überflüssig. Andere Unternehmen nutzen Pflanzen zur Mikroklimaregulierung oder setzen auf Gründächer zur Gebäudedämmung.

Kommunikation ist entscheidend. Jungheinrich zeigt, wie Hitzeschutz in den Arbeitsalltag integriert wird: Digitale Displays in Produktionshallen und Pausenräumen zeigen aktuelle Temperaturen und empfehlen Maßnahmen wie Trinkpausen. Sprachneutrale Piktogramme erleichtern das Verständnis in multilingualen Teams. Hinweise werden in Schichtbriefings und Sicherheitsgespräche eingebunden.

Hitzeschutz in sechs Schritten

Die Studie fasst den Weg zu einem besseren Hitzeschutz in sechs Schritten zusammen: Stakeholder einbinden, Arbeitsbereiche clustern, Hitze- und UV-Exposition bewerten, Schutzmaßnahmen umsetzen, Maßnahmen kommunizieren, kontinuierlich evaluieren. Der letzte Punkt ist entscheidend. Ein französisches Unternehmen analysierte 2023 hunderte Standorte auf Naturkatastrophenrisiken und bewertete künftige Gefahren unter einem Hoch-Emissions-Szenario. Rund 20 Prozent der Standorte galten als hochgefährdet. Dort befragte das Unternehmen Mitarbeitende, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu prüfen. Wo Lücken sichtbar wurden, folgten systemische Anpassungen.

Chefsache – Entscheider im Gespräch

Hitzeschutz darf nicht bei Warnmails, Wasserflaschen und Klimageräten enden. Er braucht Governance, Daten, bauliche Intelligenz, organisatorische Flexibilität und eine Unternehmenskultur, die Hitze als Arbeitsschutzthema ernst nimmt. Für Unternehmen ist das kein moralisches Extra, sondern Risikomanagement. Für Investoren ist es ein unterschätzter ESG-Faktor. Für Beschäftigte ist es Gesundheitsschutz. Und für die Wettbewerbsfähigkeit wird es zur Frage, ob Unternehmen den Klimawandel nur dokumentieren – oder operativ beherrschen.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.