„Im Grunde sind berufliche Hürden erst durch meine Kinder aufgetreten“

Heike Kroll

Als Heike Kroll Kinder bekommt, ist plötzlich die Tatsache, dass sie Mutter ist, für manchen wesentlich relevanter als ihre Leistungen. Die promovierte Juristin lässt sich davon jedoch weder verunsichern, noch von ihrem Weg abbringen.

Dr. Heike Kroll begleitet ihre Mandanten und Mandantinnen über das reine Rechtsthema hinaus: Als Sparringspartnerin ist sie gesuchte Ansprechpartnerinnen für viele Themen rund um das Arbeitsverhältnis. 2007 gründet sie innerhalb des Berufsverbands DFK – Verbrand für Fach- und Führungskräfte ein Frauennetzwerk, das gezielt den Netzwerkauf- und -ausbau unter weiblichen Führungskräften fördert.

 

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Heike Kroll: Ich bin Fachanwältin für Arbeitsrecht und seit nunmehr 20 Jahren bei einem Berufsverband für Fach- und Führungskräfte tätig. Neben der Verbandsarbeit (Veranstaltungen, Vorträge, allgemeine Interessenvertretung) bin ich in der anwaltlichen Beratung und Vertretung von Managern aller Führungsebenen tätig. Im Regelfall ist das eine sehr erfüllende Tätigkeit, bei der ich viel positives Feedback von meinen Mandanten und Mandantinnen erhalte. Dass ich „ein Leben gerettet habe“ halte ich zwar für deutlich übertrieben, wurde mir aber auch schon von Mandanten gesagt.

Persönlich setze ich mich für die Gleichberechtigung von Frauen – vor allem in der Arbeitswelt – ein. 2007 habe ich daher innerhalb des Verbandes ein Frauennetzwerk gegründet, das ich bis heute leite. Frauen haben viel zu lang das Netzwerken als Karriereschlüsselinstrument vernachlässigt. Es schien mir also dringend an der Zeit, eine Plattform dafür zu schaffen.

Und weil vor allem berufstätige Frauen von der Altersarmut betroffen sind – was in der heutigen Zeit einfach nicht sein darf –, ist die Equalpay-Debatte enorm wichtig für die Gesellschaft. Ungleich verteilte Care-Arbeit oder auch das Ehegattensplitting sind daher Themen, die einer zeitgemäßen Veränderung bedürfen. Deshalb muss die Berufstätigkeit von Frauen im Allgemeinen, aber auch die Chancengerechtigkeit bei Führungspositionen, wesentlich stärker gefördert werden. Dazu gehört, bewusste und unbewusste Vorurteile aufzudecken und einzudämmen; sowie Effizienz und Arbeitsqualität gegenüber bloßer Präsenz und männlich dominierten Seilschaften mehr Gewicht einzuräumen.

die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt?

Kroll: Als ich mich nach dem Abitur entschied, Rechtswissenschaften zu studieren, haben meine Eltern, insbesondere auch meine Mutter, immer an mich geglaubt und meine Entscheidung nie in Frage gestellt. Dabei war ich die erste in der engeren Familie, die studierte. Mein Vater war Geschäftsführer eines Textilunternehmens, meine Mutter hatte seinerzeit eine Ausbildung in der Bank gemacht, bevor sie – ganz klassisch – mit der Heirat aufhörte zu arbeiten. Gleichwohl kam es mir nicht als etwas Besonderes vor zu studieren. Vielleicht weil kein großes Aufhebens darum gemacht wurde und viele meiner Mitschüler und Mitschülerinnen sich für ein Studium entschieden.

Mein erster Chef, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, förderte meine Entwicklung aktiv. Auf seine Initiative wurde ich bereits nach zwei Jahren in die Geschäftsführung des Verbandes bestellt. Der Nachfolger führte die Mitarbeiter durch den großen Freiraum, den er ließ. Dadurch konnte ich mich nach eigenen Vorstellungen weiterentwickeln. Meinem Ideendrang wie beispielsweise die Gründung des Frauennetzwerkes hat er nie im Weg gestanden. Vor diesem Hintergrund hat mir meine Arbeit in der Vergangenheit immer viel Freude gemacht und war selbstmotivierend. Und auch für meinen Mann, den ich zu Beginn unseres gemeinsamen Studiums kennenlernte, war es immer selbstverständlich, dass ich meinen Vorstellungen entsprechend beruflich tätig bin.


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sechs Fragen zu ihrem persönlichen Karriereweg.


die Chefin: Gab es auf Ihrem Weg Hürden?

Kroll: Echte Hürden, die zu überwinden waren, gab es eigentlich nicht. Natürlich ist ein Jurastudium hart, insbesondere wenn man nebenher noch für die Finanzierung des Studiums jobben muss. Im Grunde sind Hürden in meiner beruflichen Entwicklung erst durch meine Kinder aufgetreten. Denn plötzlich war die Tatsache, dass ich Mutter bin, für manchen wesentlich relevanter als meine Leistungen. Mein Anspruch an meine Leistungen und meinen Erfolg veränderte sich jedoch nicht.

Ich finde es weder fair noch zeitgemäß, wenn das Muttersein als beruflicher Wendepunkt aufgefasst wird. Das kann sein, wenn die Mutter es selber möchte; in allen anderen Fällen darf es nicht sein. Mir wurde (natürlich von einem Mann) ernsthaft gesagt: „Ich wusste gar nicht, dass Sie dafür (es ging um eine bestimmte Position) zur Verfügung stehen. Sie sind doch jetzt Mutter.“ Dennoch habe ich es nie bereut, Kinder zu haben.

die Chefin: Auf welche Ihrer Eigenschaften sind Sie stolz und warum?

Kroll: Ich lasse mich nicht verbiegen. Wenn ich von einer Sache, einem Thema überzeugt bin, vertrete ich das auch – selbst wenn das im Ergebnis für mich persönlich eher nachteilig sein kann. Zum Beispiel weiß ich sehr genau, dass viele Männer mein Engagement für Diversity nicht unbedingt schätzen, sondern es mir teilweise sogar übel nehmen. Für mich persönlich wäre es besser (gewesen), das Thema nicht unbedingt so beharrlich zu verfolgen.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Kroll: Der Rat und das Drängen von meinem Mann, nach dem zweiten Staatsexamen noch zu promovieren. Er meinte, bei meinem guten Abschluss sollte ich auf jeden Fall noch eine Promotion anhängen. Vor allem auch, weil viele gute Juristen promoviert sind. Ich bin heute sehr froh und dankbar, das neben meiner beruflichen Tätigkeit durchgezogen zu haben.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Kroll: Drei Punkte sind aus meiner Sicht elementar. Zum einen sollte man die Naivität von Beginn an ablegen. Denn nicht jede(r), der etwas kann und gute Leistung bringt, wird auch Erfolg haben – und das glaubt man als Frau mit einem guten Abschluss und guten Arbeitserfolgen viele Jahre. Frauen wird oft zu spät bewusst, welche Punkte für eine Karriere ausschlaggebend sind.

Zum anderen ist es sinnvoll, sich ein persönliches „Karriere“-Ziel zu setzen und zu verfolgen (und es auch von Zeit zu Zeit zu hinterfragen und ggf. anzupassen). Dabei kann Karriere ganz unterschiedlich definiert werden. Karriere muss nicht automatisch den Einzug in die Chefetage bedeuten. Zufriedenheit mit der oder den Entscheidungen steht an oberster Stelle.

Und zu guter Letzt, sollte man früh für wirtschaftliche Unabhängigkeit sorgen – egal ob man voll- oder teilzeitberufstätig ist. Dazu gehört es vielleicht auch, innerhalb einer Partnerschaft oder Ehe Vergütung für die Care-Arbeit einzufordern, sich Gehaltsverluste für eine elternbedingte Einschränkung der Tätigkeit ausgleichen zu lassen, um so für die Zukunft vorzusorgen und damit finanziell unabhängig zu werden bzw. zu bleiben.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE und Brigitte über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Wirtschaftsbücher.

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