Lieber direkt Geld verdienen: Viele junge Menschen steigen nach der Schule sofort ins Berufsleben ein – oft auf Kosten einer qualifizierten Ausbildung.
In Deutschland entscheiden sich immer mehr Jugendliche gegen eine berufliche Ausbildung und für den direkten Einstieg in den Job. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die das Verhalten von 1.755 Personen im Alter von 14 bis 25 Jahren untersucht hat. Die Folgen könnten gravierend sein – für die Betroffenen und den Arbeitsmarkt.
Laut der Studie plant jeder fünfte Schüler, nach der Schule direkt zu arbeiten, statt eine Ausbildung zu beginnen. Besonders häufig betrifft das Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss. Über ein Viertel dieser Gruppe nennt den Wunsch, sofort eigenes Geld zu verdienen, ein Hauptgrund. Doch diese Entscheidung birgt Risiken.
Deutschland benötigt qualifizierte Arbeitskräfte
„Sich beruflich zu qualifizieren, muss für junge Menschen attraktiver sein, als ungelernt zu arbeiten“, fordert Helen Renk, Expertin für Bildung und Arbeitsmarkt bei der Bertelsmann Stiftung. „Ohne reguläre Ausbildung steigt das Risiko, arbeitslos zu werden oder dauerhaft im Niedriglohnsektor zu verharren.“ Die Stiftung warnt vor langfristigen Folgen: Nicht nur die Erwerbsbiografien der Betroffenen seien gefährdet, auch die Wirtschaft leide. Angesichts des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels könne Deutschland es sich nicht leisten, auf qualifizierte Arbeitskräfte zu verzichten.
Das Problem ist bereits groß: Laut Berufsbildungsbericht 2023 haben rund 19 Prozent der 20- bis 34-Jährigen – etwa 2,86 Millionen Menschen – keinen anerkannten Berufsabschluss. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass 2024 mehr als 570.000 Fachkräfte fehlen werden.
Ausbildung bleibt beliebt – aber nicht für alle erreichbar
Trotzdem bleibt die duale Ausbildung der beliebteste Bildungsweg nach der Schule: 43 Prozent der Befragten bevorzugen sie, während 40 Prozent ein Studiumwählen würden. Die Zahlen zeigen jedoch eine soziale Schieflage: Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss glauben deutlich seltener, einen Ausbildungsplatz zu finden. Über ein Drittel von ihnen ist überzeugt, keinen Platz zu bekommen oder ist sich unsicher.
„Ausgerechnet diejenigen, für die eine Ausbildung die realistischste und sinnvollste Anschlussoption wäre, haben die geringste Zuversicht“, erklärt Clemens Wieland, Ausbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung. Diese Unsicherheit treibt viele in Aushilfsjobs oder prekäre Beschäftigungen – oft ohne Perspektive.
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Bessere Übergänge gefordert
Um den Trend zu stoppen, fordert die Bertelsmann Stiftung gezielte Maßnahmen. Jugendliche mit niedrigem Bildungsstand bräuchten mehr Unterstützung beim Übergang von der Schule in den Beruf. Informationsangebote, individuelle Beratung und begleitete Praktika könnten helfen, Ausbildungswege sichtbarer und zugänglicher zu machen.
Zudem müsse die berufliche Ausbildung attraktiver werden – durch bessere Bezahlung, klare Karrierewege und mehr Anerkennung für praktische Fähigkeiten. Auch Unternehmen seien in der Pflicht, ihre Auswahlkriterien zu überdenken und mehr Ausbildungsplätze anzubieten.

