„Jeder sollte sich ein wenig Übergangszeit gönnen“

Frau schaut von Klippe aufs Meer

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub kann grausam sein. Eben noch lag man am Strand, jetzt soll man wieder auf Arbeitsmodus schalten – und kann nicht. Was gegen den Post-Urlaubs-Blues hilft, weiß Carola Kleinschmidt.

Wer am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub statt Tatendrang verspürt nur demotiviert ist, steckt im Post-Urlaubs-Blues, was keine Seltenheit ist. Jeder dritte Deutsche soll mit einem Stimmungstief nach dem Urlaub zu kämpfen haben. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, wie man nach dem Urlaub motiviert in den Arbeitsalltag starten kann. Welche das sind, erzählt Carola Kleinschmidt, Bestseller-Autorin und zertifizierte Trainerin für Stressprävention, im Interview.

Wir sind der Wandel: Was kann ich tun, damit der Urlaubseffekt nicht schon am ersten Arbeitstag wieder flöten geht?

Carola Kleinschmidt: Es langsam angehen lassen. Vom Dalai Lama sagt man, dass er nach einem Flug stets eine Nacht im Flughafenhotel übernachtete, damit seine Seele nachkommen konnte. Wir haben keinen Kippschalter, mit dem wir von Urlaubsgefühl auf Joballtag umschalten können. Wenn wir das von uns verlangen, ist die Erholung sofort wieder futsch. Besser ist, wenn man sich den ersten Tag bewusst zum Ankommen gönnt: Erst einmal checken, was ansteht, was wichtig ist und sich von den Kolleginnen und Kollegen auf Stand bringen lassen.

Direkt im Urlaub den nächsten Urlaub buchen

Wenn wir eine gewisse Lebensqualität aus dem Urlaub mit in den Job nehmen, wird es interessant – und die Erholung nachhaltig. Vielleicht hat uns im Urlaub gut gefallen, dass wir bei einer Bergwanderung alle zwei Stunden eine Pause machten und so entschleunigten. Diesen Pausenrhythmus kann man auch im Alltag leben. Oder wir haben festgestellt, wie gerne wir uns mit Menschen unterhalten, die einem zufällig begegnen. Auch im Job kann man wieder ein bisschen mehr Smalltalk zulassen und Interesse an vorher unbekannten Kolleginnen und Kollegen zeigen. Vielleicht inspiriert einen sogar die gewisse Gelassenheit, die man im Urlaub häufig im Umgang mit Schwierigkeiten hat, sich auch im Job etwas weniger aufzuregen, wenn es anders läuft als erwartet.

Ein Tipp von Urlaubsforschern: Direkt im Urlaub den nächsten Urlaub buchen – kann auch ein Wochenendtrip sein. Dann schließt die Vorfreude auf die nächste Auszeit direkt an, was hilft, den Urlaubseffekt zu verlängern.


Carola Kleinschmidt, Diplombiologin, Autorin und zertifizierte Trainerin für Stressprävention, schrieb in den letzten 15 Jahren zehn Sachbücher. „Bevor der Job krank macht“ wurde zum Bestseller der Burnout-Prävention. Ihre Leidenschaft sind innovative und interaktive Formate für Workshops und Selbstlernkurse rund um die Themen Stresskompetenz und Selbstfürsorge (Foto: Marianne Moosherr).


Wir sind der Wandel: Muss ich mir generell die Frage stellen, ob ich im richtigen Job bin, wenn mir nach dem Urlaub vor dem ersten Arbeitstag graut?

Kleinschmidt: Nein. Aber Betroffene sollten hinterfragen, was genau sie stört oder sogar verstört, wenn sie an ihren ersten Arbeitstag denken. Denn das Grauen zeigt uns vor allem: Kümmere dich! Vielleicht wartet eine unerledigte Aufgabe, die drängelt. Vielleicht schwelt ein Konflikt, von dem man schon vor dem Urlaub wusste. Schaut man sich das Grauen genauer an, zeigt sich oft, dass es konkrete Themen sind, die wir jedoch durchaus lösen können – wenn wir uns einen Ruck geben.

Motivationsprobleme können ein Signal für Überlastung sein

Wer aber bereits vor dem Urlaub jeden Tag mit Magengrimmen zur Arbeit ging, ihm nichts mehr am Job gefiel, bei dem ist dieses Unwohlsein nach dem Urlaub natürlich nicht kleiner. Dann sollten Betroffene tatsächlich genauer hinschauen, ob sie beruflich etwas Grundlegendes verändern sollten.

Wir sind der Wandel-NewsletterDabei ist ein bisschen Magengrimmen übrigens normal. Schließlich wechseln wir in gewisser Weise zwischen zwei Welten: Auf der einen Seite ist die Arbeitswelt, in der wir häufig vor allem unser funktionales Ich zeigen, unser Wertesystem auf Leistung und Effizienz eingestellt ist. Auf der anderen ist die Urlaubswelt, in der wir uns genau von diesen Leistungsidealen distanzieren, und Zeit mit Themen und Interessen verbringen, die uns einfach Freude machen. Daher sollte sich jeder ein wenig Übergangszeit gönnen, um von der einen Welt wieder in die andere wechseln zu können. Im besten Falle hat uns der Urlaub sogar inspiriert, auch in unserem beruflichen Alltag wieder etwas gelassener zu sein.

Wir sind der Wandel: Und wenn das Motivationsloch sehr tief ist?

Kleinschmidt: Urlaub ist ja nur eine Form von Erholung. Wer quasi auf dem letzten Loch pfeifend in den Urlaub fährt, weil bereits seit Monaten alles zu viel ist, der dreht im normalen Joballtag schlicht zu hoch. Insofern kann das große Motivationsproblem auch ein Signal für Überlastung sein. Dann kann die ständige Überforderung dazu führen, dass es einem schier unmöglich erscheint, nach den freien Tagen wieder auf dieses Leistungsniveau zu kommen. Was dann hilft? Ein Gespräch mit der Führungskraft über die Arbeitslast. Das ist nicht leicht, aber manchmal nötig. Denn Erholungsfähigkeit ist ein wichtiger Faktor für unsere seelische Gesundheit. Ist diese durch Überlastung beeinträchtigt, kann eine gefährliche Abwärtsspirale folgen – die im schlimmsten Fall im Burnout endet.

Urlaub ist ganz normal und kein „Luxus“

Wir sind der Wandel: Gibt es Fehler, die man vor dem Urlaub vermeiden sollte? Und welche vor dem Urlaub?

Kleinschmidt: Wer denkt, dass er vor dem Urlaub alles wegschaffen kann, was in den nächsten 14 Tagen anfällt, macht sich fertig. Häufig haben wir diesen Impuls, dass am besten niemand merken soll, dass wir weg sind. Wir arbeiten wie die Irren vor und nach dem Urlaub genauso mit Hochdruck nach – was jede Erholung kaputt macht. Besser ist, wenn wir uns klar machen, wen wir über unsere Abwesenheit informieren sollten, welche Ansprechpartner uns im Urlaub vertreten. Gibt es dafür in der Firma keine Regelung bzw. kein Verständnis, ist dies ein Führungsfehler und kein Manko von Beschäftigten. Schließlich ist Urlaub ganz normal und kein „Luxus“.

Wir sind der Wandel: Wie können Führungskräfte und Teams Urlaubsrückkehrern helfen?

Kleinschmidt: Mit einem funktionierenden Urlaubsplan: Welche Infos müssen vorliegen, damit alle während meiner Abwesenheit gut weiterarbeiten können? Wer ist im Notfall ansprechbar, wenn ich weg bin? Ein kurzes Update-Gespräch, bei dem ich nach dem Urlaub auf Stand gebracht werde, rundet einen Urlaubsplan ab.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren ist die Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin mit ihrem Redaktionsbüro Die Ratgeber u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE tätig. Ihre Themen reichen dabei von Arbeitsrecht, Digitalisierung bis zu Management und Transformation. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher.