Jobcenter-Betreuung: Für viele kaum hilfreich

Schild "Agentur für Arbeit"

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Viele Langzeitarbeitslose schätzen die Beratung und Kompetenz der Jobcenter. Doch fast die Hälfte der Befragten bezweifelt, dass die Gespräche wirklich helfen. Vor allem Menschen mit großen Vermittlungshemmnissen ziehen kaum Nutzen aus der Unterstützung.

Die Bertelsmann Stiftung hat Langzeitarbeitslose gefragt, wie sie die Betreuung in den Jobcentern bewerten. Für die Studie „Unterstützung durch Jobcenter: Wie Leistungsbeziehende die Grundsicherung wahrnehmen“ wurden über 1.000 Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren befragt, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen. Die Rückmeldungen sind in vielen Punkten positiv: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind mit der Arbeit ihres Jobcenters zufrieden, knapp drei Viertel halten die Mitarbeitenden für kompetent. Zwei Drittel berichten, dass in Beratungsgesprächen auch Weiterbildungsangebote angesprochen wurden.

Aktivierung von Langzeitarbeitslosen bleibt unzureichend

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtTrotz der positiven Bewertung zweifeln viele Langzeitarbeitslose an der Wirksamkeit der Gespräche. 47 Prozent sagen, dass Termine im Jobcenter „nichts bringen“, und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. „Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden. Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz“, Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bertelsmann Stiftung. „Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.“

46 Prozent der Bürgergeld-Empfänger:innen haben mehrere Vermittlungshemmnisse, etwa Krankheiten oder fehlende Qualifikationen. Der Erfolg der Betreuung müsse sich daher stärker an der Förderung von Menschen mit größtem Abstand zum Arbeitsmarkt messen lassen. Angebote wie Coaching, Qualifikationen oder konkrete Stellenangebote werden von Langzeitarbeitslosen geschätzt: Sie bewerten die Betreuung dann deutlich positiver.


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Vermittlung in Arbeit stärken

Die Zukunft des WissensZufriedenheit mit dem Jobcenter allein reicht nicht aus. Von arbeitsmarktnahen Leistungsbeziehenden sollte stärker verlangt werden, eigenständig eine Stelle zu suchen – auch wenn dies die Zufriedenheit senkt. Sanktionierte Langzeitarbeitslose oder solche, die zur Jobsuche aufgefordert wurden, sind oft unzufriedener mit dem Jobcenter. Dennoch bleibt es wichtig, die Vermittlung in Arbeit zu intensivieren. Die Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung ist von 13,9 Prozent im Jahr 2014 auf 4,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken.

Die Bertelsmann Stiftung hat sich bereits in früheren Studien mit dem Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen befasst. Eine Untersuchung zu den Eigenbemühungen der Leistungsempfänger:innen ergab, dass mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen in den letzten vier Wochen nicht nach einem Job gesucht hat. Gleichzeitig gaben 43 Prozent an, noch nie ein Jobangebot erhalten zu haben. Das Focus Paper mit Daten zur Grundsicherung und Reformoptionen zeigte, dass Jobcenter immer mehr Geld für Verwaltung und weniger für Arbeitsförderung ausgeben.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Beratung

Anzeige: Verhandeln Sie, was Sie wert sind39 Prozent der Befragten kritisieren, dass Jobcenter-Mitarbeitende schwer erreichbar sind. Viele sehen die Ursache in strukturellen Probleme: Vermittlungsfachkräfte haben zu wenig Zeit für Gespräche, Personalwechsel sind häufig, und der bürokratische Aufwand bindet Kapazitäten. „Jobcenter-Mitarbeitende verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie. Damit mehr Zeit für individuelle Beratung bleibt, müssen Verfahren vereinfacht und stärker digitalisiert werden“, fordert Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir sollten Leistungen zusammenfassen und pauschalieren und Verwaltungsprozesse so gestalten, dass sie Mitarbeitende der Jobcenter entlasten. So schaffen wir mehr Raum für Kundenkontakte.“

In Beratungsgesprächen müssen Erwartungen frühzeitig geklärt werden – auf beiden Seiten. 82 Prozent der Langzeitarbeitslosen sagen, der Staat müsse Menschen in schwierigen Lebenslagen finanziell unterstützen. Gleichzeitig finden 55 Prozent, dass Bürgergeld-Empfänger:innen auch Pflichten übernehmen sollten. Diese Haltung sollte den Vermittlungsprozess prägen. Kooperationsvereinbarungen zwischen Arbeitslosen und Jobcentern müssen über die gesamte Betreuungsdauer gepflegt werden. Ziele, Pflichten und Unterstützungsangebote sollten klar formuliert und bei Bedarf angepasst werden, um Missverständnisse und unrealistische Erwartungen zu vermeiden.

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