Jobfrust trifft Fachkräftemangel: Junge Talente stellen neue Ansprüche

Frau steht an einem Treppengeländer

Die Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit wächst. Laut Personio denken 45 Prozent der Beschäftigen in Deutschland (EMEA: 51 Prozent) über einen Jobwechsel nach – getrieben von enttäuschten Erwartungen.

Der jährliche HR Insights Report von Personio, basierend auf Befragungen von 6.000 Mitarbeitenden und 3.000 HR-Entscheidenden in Europa, nennt die Hauptgründe: ein stressiges Arbeitsumfeld (33 Prozent), schlechte Bezahlung (30 Prozent), mangelnde Work-Life-Balance (29 Prozent) und schwache Führung (28 Prozent). Gleichzeitig sieht fast jede zweite HR-Führungskraft in Deutschland (48 Prozent) den Fachkräftemangel als größtes Risiko bis 2025 – deutlich mehr als im europäischen Durchschnitt (39 Prozent). Besonders heikel: Lohntransparenz. Ein Viertel der HR-Verantwortlichen (25 Prozent) befürchtet Konflikte, wenn Gehaltsunterschiede offengelegt werden.

Onboarding und Karriereplanung im Fokus

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtObwohl die Zahl der HR-Führungskräfte, die mit Entlassungen rechnen, von 60 Prozent (2024) auf 39 Prozent (/2025) gesunken ist, bleibt die Personalplanung ein Kostenfaktor. Fehlbesetzungen, ineffektive Weiterbildungen, Kompetenzlücken und hohe Fluktuation verursachten im letzten Jahr durchschnittlich 274.515 Euro an vermeidbaren Kosten pro KMU.

Die Rekrutierung und Förderung junger Talente werden zur zentralen Herausforderung. Rund die Hälfte der HR-Führungskräfte findet es zunehmend schwierig, Kandidat:innen in ihren Zwanzigern zu gewinnen. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) sagt, dass diese schlechter vorbreitet sind als vor der Pandemie. 62 Prozent der HR-Teams wollen daher ihre Strategien anpassen – mit stärkerem Fokus auf Onboarding und klarer Karriereplanung.

Junge Talente im Mittelpunkt

Die Arbeitswelt verändert sich rasant: Jüngere Generationen prägen die Belegschaften, während KI und Automatisierung klassische Einstiegsrollen verdrängen. Dennoch setzen 64 Prozent der HR-Führungskräfte auf Nachwuchstalente als Kern ihrer Personalstrategie.

Lenke Taylor, Chief People Officer bei Personio, betont: „Der Fachkräftemangel erschwert bereits heute die Einstellung und Bindung von Mitarbeitenden – und unsere Studie zeigt, dass diese Herausforderung weiter wächst. HR-Führungskräfte haben jetzt die Chance, Kompetenzen mit Unternehmenszielen zu vereinen und Arbeitsplätze zu schaffen, die motivierend, produktiv und erfüllend sind. Das bedeutet: in Entwicklung investieren, Mitarbeitenden vertrauen und auf Potenzial statt auf Abschlüsse setzen.”

Während 68 Prozent der Mitarbeitenden (EMEA: 66 Prozent) glauben, dass ihre Fähigkeiten auch mit KI relevant bleiben, erhalten nur 39 Prozent (EMEA: 36 Prozent) passende Schulungen. Diese Lücke gefährdet nicht nur die Produktivität, sondern auch die Mitarbeiterbindung. Besonders junge Berufstätige trieben die Entwicklung voran: 50 Prozent der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland (EMEA: 58 Prozent) entwickeln aktiv KI-Kompetenzen. Doch 37 Prozent (EMEA: 44 Prozent) wünschen sich mehr Unterstützung – wer sie nicht bekommt, sucht häufiger nach neuen Jobs.


Mehr zum Thema:


Abschlüsse verlieren an Bedeutung

Gleichzeitig investieren deutsche HR-Führungskräfte verstärkt in Technologie: 47 Prozent nennen KI und Automatisierung als oberste Priorität für die nächsten 12 Monate – vor Recruiting (42 Prozent) und Weiterbildung (34 Prozent). Datenschutz und Privatsphäre bleiben jedoch Herausforderungen: Ein Viertel der HR-Verantwortlichen sieht hier kritische Hürden.

Der Fokus verschiebt sich: Arbeitgeber und Mitarbeitende setzen zunehmend auf Fähigkeiten und Potenzial statt auf akademische Abschlüsse. 62 Prozent der HR-Führungskräfte (EMEA: 66 Prozent) priorisieren Eignung, 65 Prozent haben ihre Recruiting-Prozesse entsprechend angepasst. Auch die Mitarbeitenden unterstützen diesen Wandel: 46 Prozent in Deutschland (EMEA: 52 Prozent) halten Universitätsabschlüsse für weniger relevant, 56 Prozent (EMEA: 64 Prozent) fordern mehr Fokus auf übertragbare Fähigkeiten. KI beschleunigt diesen Trend: 43 Prozent der HR-Führungskräfte nutzen sie bereits für Kompetenzanalysen und Prognosen.

Flexibilität statt starrer Bürozeiten

Mitarbeitende aller Altersgruppen wünschen sich mehr Kontrolle über ihre Arbeitszeiten. Jüngere Beschäftigte schützen die Bürozeit, wollen aber selbst entscheiden, wie sie diese gestalten. 45 Prozent (EMEA: 54 Prozent) halten das klassische „nine-to-five“-Modell für überholt. 54 Prozent der 25- bis 34-Jährigen arbeiten aktuell flexibel zu ihren produktivsten Zeiten. 36 Prozent dieser Altersgruppe (EMEA: 42 Prozent) fühlen sich im Büro am produktivsten, 30 Prozent (EMEA: 31 Prozent) hingegen zu Hause. Ältere Mitarbeitende (55+) bevorzugen das Büro: 45 Prozent arbeiten dort am besten, nur 26 Prozent im Homeoffice.

Die junge Generation zeigt sich jedoch am widerstandsfähigsten gegenüber starren Büroregelungen: 37 Prozent der 25- bis 34-Jährigen (EMEA: 38 Prozent) würden den Job wechseln, wenn sie mehr als drei Tage pro Woche ins Büro müssten – obwohl 40 Prozent (EMEA: 43 Prozent) aktuell dazu verpflichtet sind. Ältere Mitarbeitende (55+) sind seltener betroffen: Nur 28 Prozent berichten von einer solchen Anforderung.

Die Studie basiert auf einer Befragung von 6.001 Mitarbeitenden und 3.003 HR-Entscheidenden in Unternehmen mit 10 bis 2.000 Mitarbeitenden in Deutschland, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden. Die Datenerhebung erfolgte zwischen Juni und Juli 2025.

Wir sind der Wandel-Newsletter