Krisenfest durch Prävention: Wie Arbeitsschutz Unternehmen stärkt

Feuerlöscher an der Wand

Das DGUV-Barometer 2026 belegt: Prävention ist nicht nur Pflicht. Sie stärkt Unternehmen, schützt Beschäftigte und trägt zur wirtschaftlichen Stabilität Deutschlands bei.

Die Lage ist ernst. Fachkräftemangel, Inflation, Bürokratie, Klimawandel, Cyberangriffe, Lieferkettenprobleme – die Herausforderungen häufen sich, die ruhigen Nächte schwinden. Unternehmen und Behörden kämpfen um Stabilität in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Doch es gibt Hoffnung: Stabilität lässt sich lernen. Und sie beginnt dort, wo man sie oft nicht vermutet – am Arbeitsplatz.

Eine Welt im Dauerstress

Das DGUV-Barometer „Arbeitswelt 2026“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt, wie eng Krisenfestigkeit, Prävention und wirtschaftliche Stärke verknüpft sind. Eine Befragung von 2.015 Erwerbstätigen ergab: 90 Prozent glauben, dass Prävention Unternehmen stärkt und die Krisenfestigkeit Deutschlands erhöht. Doch zwischen Einsicht und Umsetzung klafft eine Lücke, die selbst Brandschutzübungen nicht schließen.

Chefsache – Entscheider im GesprächZwar bewerten 64 Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage ihrer Unternehmen als gut oder sehr gut, doch unter der Oberfläche brodelt es. Bürokratie und Vorschriften (56 Prozent) belasten am meisten, gefolgt von Fachkräftemangel (51 Prozent) und steigenden Betriebskosten (41 Prozent). Diese Spannungen verstärken den Druck im Arbeitsalltag.

Hohe Arbeitsbelastung erhöht Unfallrisiko

Die Belastung am Arbeitsplatz wächst. Jeder Zweite nennt Störungen, hohe Arbeitsintensität und unklare Zuständigkeiten als größte Stressfaktoren. 35 Prozent fühlen sich durch Arbeitsinhalte überfordert, 29 Prozent klagen über Konflikte und fehlende Unterstützung. Nur 22 Prozent sagen: „Mich betrifft das nicht.“ Eine Ausnahme, keine Regel.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtBesonders gefährdet sind Beschäftigte im Gesundheitswesen, Sozialwesen und Baugewerbe. Zeitdruck, Lärm, Hitze, fehlende Pausen – diese Mischung erhöht das Unfallrisiko. 45 Prozent der Befragten sehen hohe Arbeitsbelastung als Hauptursache für Unfälle, gefolgt von schlechter Kommunikation (28 Prozent) und Überstunden durch Personalmangel (27 Prozent). Das sind keine Randprobleme, sondern systemische Warnsignale.

Prävention als Führungsaufgabe

„Krisenfestigkeit beginnt am Arbeitsplatz“, sagt DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer. Prävention sei mehr als Helme und Sicherheitsschuhe – sie sei ein Organisationsprinzip. Wer strukturiert vorbeugt, reduziert nicht nur Unfälle, sondern auch Angst. Das schafft Vertrauen und Handlungsfähigkeit – beides unverzichtbar in Krisenzeiten.

Die Zahlen belegen das:
– 94 Prozent der Führungskräfte wollen, dass ihre Beschäftigten gesund das Rentenalter erreichen.
– 80 Prozent sehen wirtschaftliche Vorteile: weniger Krankheitstage, mehr Wissenserhalt.
– 83 Prozent handeln aus rechtlichem und moralischem Verantwortungsbewusstsein.

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Von Befehlen zu Bewusstsein

Prävention ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition. 33 Prozent der Führungskräfte haben die Ausgaben für Arbeitsschutz im letzten Jahr erhöht. 65 Prozent führen Gefährdungsbeurteilungen durch, 48 Prozent davon auch für psychische Belastungen. Fortschritt, aber keine flächendeckende Resilienz.

22 Prozent der Unternehmen binden ihre Beschäftigten regelmäßig in Gefährdungsanalysen ein, 23 Prozent gelegentlich. Beteiligung geschieht meist über Befragungen (59 Prozent) oder Begehungen (59 Prozent). Das verändert die Unternehmenskultur: weg von Anweisungen, hin zu Bewusstsein.


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Strukturierte Vorbereitung stärkt Unternehmen

Krisenresilienz entsteht nicht von selbst, sondern durch Vorbereitung. 67 Prozent der Unternehmen schulen ihre Mitarbeitenden in Brandschutz, Erster Hilfe oder Notfallmanagement. 61 Prozent haben ihre IT-Sicherheit verbessert, 50 Prozent arbeiten mit Krisenplänen. Große Unternehmen setzen diese Maßnahmen fast durchweg um, kleine Betriebe hinken hinterher: 27 Prozent der Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden haben keinerlei Vorkehrungen getroffen. Dort brennt es nicht nur sprichwörtlich.

Die Zukunft des WissensAm besten vorbereitet sind die Finanzbranche und der öffentliche Sektor. Sie investieren überdurchschnittlich in Prävention, IT-Sicherheit und Kommunikation. Das Baugewerbe hingegen bleibt trotz hoher Risiken zurück. Das Ergebnis: ein paradoxes Sicherheitsgefälle. Wo die Gefahr am größten ist, fehlen oft die Strukturen.

Dennoch zeigen die Maßnahmen Wirkung: 64 Prozent der Beschäftigten halten ihre Unternehmen für gut auf Pandemien vorbereitet, 60 Prozent auf Brände, 52 Prozent auf Cyberangriffe. Nur 28 Prozent glauben, dass ihr Arbeitsplatz einen längeren Stromausfall überstehen würde. Diese Zahlen verdeutlichen: Sicherheit ist Managementaufgabe.

Prävention als Kraftquelle in der Transformation

Deutschland altert, Digitalisierung beschleunigt, Fachkräfte fehlen, psychische Belastungen steigen. 60 Prozent der Befragten erwarten, dass mentale Beanspruchung zunimmt; 48 Prozent sehen Risiken durch den demografischen Wandel. Die Digitalisierung bringt Effizienz – und Nervosität.

Die Branchen blicken unterschiedlich in die Zukunft:
– Im Baugewerbe dominieren klimatische und körperliche Belastungen.
– Im Finanzsektor wächst die Angst vor KI und Cyberangriffen.
– Im Gesundheitswesen steigen die psychischen Risiken.

Krisenresilienz entsteht aus Realität und Prävention

Werbeflaeche ChangemakersDiese Unterschiede zeigen: Krisenresilienz ist keine Blaupause. Sie entsteht, wenn Prävention auf die Realität trifft. Arbeitsschutz, psychische Gesundheit, IT-Sicherheit und Führungskultur müssen zusammenwirken. Das hat nichts mit Bürokratie zu tun, sondern mit Prinzipien.

Hier zeigt sich die Stärke der gesetzlichen Unfallversicherung: Berufsgenossenschaften und Unfallkassen bilden jährlich über zwei Millionen Ernsthelfende aus, betreuen 200.000 Unternehmen vor Ort. Das ist keine Nebensache, sondern eine tragende Säule der Wirtschaft.

Der blinde Fleck: Wahrnehmung und Wirksamkeit

Trotz dieser Strukturen bleibt ein Problem: Nur 30 Prozent der Beschäftigten halten Arbeitsschutzmaßnahmen in Deutschland für ausreichend wahrgenommen. Viele unterschätzen die Wirkung von Prävention oder empfinden Maßnahmen als übertrieben. Häufig fehlt es weniger an Akzeptanz als an Verständnis. Hier ist Kommunikation gefragt. Sicherheitskultur muss erklärt und erlebbar werden. Solange Prävention als Pflichtübung gilt, bleibt sie Reaktion statt Haltung.

Das DGUV-Barometer endet mit einer klaren Botschaft: Sicherheit ist eine Kompetenz, kein Zustand. 68 Prozent der Beschäftigten glauben, ihre Arbeit bis zur Rente sicher und gesund fortführen zu können. Gründe dafür sind geringe körperliche Belastung (25 Prozent), Freude an der Arbeit (15 Prozent), gutes Arbeitsklima (10 Prozent) und Arbeitsschutzmaßnahmen (6 Prozent). Wo Sicherheit gelebt wird, wächst Vertrauen – und dieses Vertrauen hält Menschen im Beruf.

Prävention als Kern einer neuen Arbeitskultur

Die Chefin-Talk – Frauen, die Zukunft gestaltenDie Kehrseite: Wer sich das nicht vorstellen kann, nennt Stress, Überlastung, fehlende Unterstützung und Erschöpfung. Probleme, die sich nicht mit Helmen lösen lassen – aber mit Organisation, Haltung und Klarheit.

Krisenfestigkeit ist kein Zufall. Sie entsteht, wo Unternehmen Verantwortung übernehmen: in der Planung, im Alltag, im Bewusstsein jedes Einzelnen. Prävention ist der Kern einer Arbeitskultur, die nicht verwaltet, sondern gestaltet.

Das DGUV-Barometer 2026 zeigt: Wer vorbeugt, bleibt handlungsfähig. Wer Menschen stärkt, sichert die Zukunft. Krisenfestigkeit beginnt am Arbeitsplatz – und sie endet mit Überzeugung.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.