Mit dem eigenen Geschäft in eine bessere Zukunft

Fanase Etana mit ihrem Mann

Mikrokredite sind kein Allheilmittel gegen Armut – aber eine Chance, die Lebensbedingungen entscheidend zu verbessern. In Äthiopien können sie Frauen stärken, wie der Werdegang von Fanase Etana zeigt.

In ihrem kleinen Laden am Ortseingang des Dorfes Kara ist Fanase Etana ihre eigene Chefin – absolut keine Selbstverständlichkeit für eine äthiopische Frau. Offiziell sind die Geschlechter in Äthiopien zwar gleichberechtigt. Doch im Alltag sind Frauen meist von ihren Männern abhängig und haben keine Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Dabei reicht es in vielen Familien kaum für das Nötigste. Eine zweite Einnahmequelle würde die Lebensbedingungen daher entscheidend verbessern.

Aus europäischer Sicht ist Fanases Laden nur ein Holzverschlag. Für die Kleinunternehmerin aber ist die kaum mehr als zwei Quadratmeter große Kammer mit den dünnen Holzwänden und einem Wellblechdach ihr ganzer Stolz. Auf den Regalböden stapeln sich die Waren in Tüten und Kartons. An der Seite gibt es eine schmale Eingangstür und vorne, zur Straße hin, zwei große Fensterläden, die Fanase morgens um sieben Uhr öfnnet. Mit einem Lächeln auf den Lippen steht die 22-Jährige dann hinter ihrem Verkaufstresen und wartet auf die ersten Kunden. Die Bauern und Hirten, die in der Früh auf die Felder und Weiden ziehen, machen zwar eher selten Halt. „Aber manchmal kommt eben doch einer und kauft Batterien oder ein Stück Seife“, berichtet Fanase. Keinesfalls will sie ein Geschäft verpassen, denn sie hat viel zu viel für ihren kleinen Laden riskiert.

„Ich war eine gute Schülerin und wäre gerne zur Universität gegangen”

Der Wandel in Fanases Leben begann etwa ein Jahr zuvor. Auf einer Versammlung der von der Stiftung Menschen für Menschen ins Leben gerufenen lokalen Mikrokreditgemeinschaft hieß es, wer eine tragfähige Geschäftsidee vorweisen könne, habe die Chance, einen Kredit zu erhalten. „Viele aus dem Dorf waren interessiert”, erinnert sich Fanase. Aber nur wenige entwickelten auch eine Idee. Fanase war eine von ihnen: „Ich sah meine Chance und bewarb mich.” Ihr Hauptargument war ihr Standortvorteil. Denn das Haus der Familie liegt direkt an einer der staubigen Pisten, die aus Kara aufs Land und zu den umliegenden Siedlungen führen.

Um das Einkommen der Familie wenigstens ein kleines bisschen aufzubessern, handelte Fanase zuvor mit Gewürzen. Immer mittwochs und samstags zog sie auf den Markt, breitete eine Plane aus und verkaufte zwischen zahlreichen anderen Frauen Pfefferschoten und eine Gewürzmischung. Doch damit ließ sich kaum etwas verdienen. Fanases Mann Zewdu arbeitet von zu Hause aus als Schneider. Die Auftragslage ist unbeständig und so reichte das Geld nie. Am meisten tat es den Eheleuten jedoch weh, ihre Kinder – die fünfjährige Nahol und den einjährigen Kena – nicht gut ernähren zu können. Viel zu oft füllten bloß das traditionelle Fladenbrot Injera und der Kichererbsenbrei Shiro die Mägen der vierköpfigen Familie. Ein eintöniger Speiseplan, der schnell Mangelerscheinungen hervorruft.

Fanase hätte eigentlich gerne mehr aus ihren Fähigkeiten gemacht. „Ich war eine gute Schülerin und wäre gerne zur Universität gegangen”, erzählt sie. Doch nach der 10. Klasse fand ihre Schulbildung ein Ende. Die Eltern hatten schon ihren älteren Bruder zur Universität gehen lassen. Ein Studium für ein weiteres Kind konnten sich die Kleinbauern nicht leisten. Also verlief Fanases Leben bislang so, wie das der meisten Frauen in den ländlichen Regionen Äthiopiens: Sie heiratete und gebar bald ihr erstes Kind. Das Mikrokreditprogramm von Menschen für Menschen bot ihr schließlich eine Möglichkeit, sowohl die Lebensumstände ihrer Familie zu verbessern, als auch sich selbst weiterzuentwickeln.

Mit 208 Euro in ein neues Leben

5.000 Birr, umgerechnet etwa 208 Euro, brauchte Fanase, um den Verschlag direkt an der Straße vor ihrem Haus bauen zu lassen und einen ersten Schwung Waren einzukaufen: Linsen, Nudeln, Salz, Zucker. Und ein paar Produkte, die sich die Menschen hier manchmal gönnen. Bonbons etwa. Oder kleine Tüten mit Weihrauch, der in Äthiopien zur Zeremonie der Kaffeezubereitung gehört. 208 Euro, ein Betrag, den in Deutschland viele Menschen, ohne groß darüber nachzudenken, auf einer einzigen Shoppingtour ausgeben. In Äthiopien hingegen stellt er für die Mehrheit der Bevölkerung ein kleines Vermögen dar. Bis zu vier Monate schuftet ein Gelegenheitsarbeiter für so viel Geld.


Die Stiftung Menschen für Menschen leistet seit fast 40 Jahren in Äthiopien nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. In aktuell elf Projektregionen setzen rund 650 fest angestellte und fast ausschließlich äthiopische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam mit der Bevölkerung die integrierten ländlichen Entwicklungsprojekte um. Dabei verzahnt die NGO rund 380 Maßnahmen in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser, Bildung, Gesundheit und Einkommen miteinander und befähigt die Menschen, ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern.


Aster Tefera betreut und begleitet Mikrokreditnehmerinnen von der ersten Geschäftsidee bis zur Rückzahlung der letzten Rate. „Bei Fanase waren wir uns schnell sicher, dass sie Erfolg haben würde”, berichtet die Leiterin der Abteilung „Gesellschaftsentwicklung und Einkommen” für Dano, der Projektregion von Menschen für Menschen, in der auch Kara liegt. Viele Marktleute, die zweimal in der Woche mit ihren Waren aus der Umgebung anreisen, kommen zwangsläufig an Fanases Laden vorbei. Die meisten Menschen auf dem Land leben zwar vor allem von den Erträgen ihrer eigenen Felder, aber auch sie benötigen hin und wieder Waren aus einem Laden wie dem von Fanase. Ob ein Säckchen Zucker oder ein Kilo Linsen, ein Kugelschreiber oder ein Stück Handseife, Fanase führt alles, was Kunden in Kara nachfragen. Rund 3.000 Haushalte siedeln in der Umgebung; gerade einmal fünf kleine Läden gibt es im Ort – ein weiterer Vorteil neben der guten Lage an der Straße.

Die Mittel für die Darlehen bestreitet die Mikrokreditvereinigung aus den Zinsen und der Tilgung laufender Kredite. Bevor ein neuer Kredit vergeben wird, prüft Aster das Durchhaltevermögen der Bewerberinnen mittels einer Sparauflage: Wer einen Kredit möchte, muss über mindestens sechs Monate monatlich 20 Birr, also rund 80 Eurocent, zurücklegen. Ein Betrag, den auch arme Familien verschmerzen können. Zugleich aber ein Gradmesser für Willenskraft. Zudem absolvieren die Bewerberinnen ein kaufmännisches Grundlagentraining.

Im Alltag prägen Benachteiligung, Bevormundung und Gewalt das Leben vieler Frauen

Die gezielte Förderung von Frauen ist ein wesentliches Ziel der Mikrokreditprogramme von Menschen für Menschen. „Wir wollen weibliche Rollenbilder verändern, indem wir Frauen unabhängiger von ihren Männern machen”, erklärt Aster. Gleichberechtigung ist zwar in der äthiopischen Verfassung verankert, doch im Alltag prägen Benachteiligung, Bevormundung bis hin zu Gewalt das Leben vieler Frauen. Vor allem in ländlichen Regionen, wo rund 85 Prozent aller Menschen leben, sind die ungleichen Geschlechterrollen fest verwurzelt.

Fanase muss ihren Kredit von 5.000 Birr plus 7,5 Prozent Zinsen innerhalb von zwei Jahren zurückzahlen. Doch Aster hat keine Bedenken, dass sie mit ihrem Laden Erfolg haben wird: „Fanase hat eine schnelle Auffassungsgabe. Und sie ist ehrgeizig”, bestätigt die Menschen für Menschen-Mitarbeiterin. Für Fanase hat sich schon jetzt vieles zum Besseren gewendet: „Ich hatte immer das Gefühl, meine Talente nicht nutzen zu können”, sagt sie. Ihr kleiner Laden gibt ihr Zuversicht und Selbstvertrauen, nun ihre Lebensbedingungen selbst weiter verbessern zu können. „Ich konnte schon immer gut rechnen und schreiben. Und das Geld, das ich jetzt verdiene, gibt uns mehr Sicherheit.”

Wir sind der Wandel

Als Journalistinnen und Buchautorinnen sind und waren wir schon immer Teil des Wandels. Unsere Leidenschaft war und ist dabei immer der Qualitätsjournalismus.

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