Mutterschaft im Handwerk: Selbstständigkeit als Risiko

Schwangere Frau

In Nordrhein-Westfalen leiten über 44.000 Frauen Handwerksbetriebe. Werden sie Mütter, fehlt ihnen häufig jede Absicherung. Eine neue Studie belegt: Das System lässt sie im Stich – mit Folgen für ihre Gesundheit und ihr Geschäft.

In Nordrhein-Westfalen leiten über 44.000 Frauen einen Handwerksbetrieb. Sie schneiden Haare, sanieren Altbauten, lackieren Fahrzeuge oder bauen Möbel. Tag für Tag tragen sie zur regionalen Wertschöpfung bei – oft allein, oft unter schwierigen Bedingungen. Doch wenn eine dieser Frauen Mutter wird, endet das gesellschaftliche Interesse meist bei der Gratulation. Wirtschaftlich und strukturell beginnt hier ein Problem, das längst politische Relevanz hat.

Eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) zeigt: Mutterschaft ist für selbstständige Handwerkerinnen kein privates Ergebnis, sondern ein unternehmerisches Risiko. Das liegt weniger an der Schwangerschaft selbst als an einem Schutzsystem, das Selbstständige systematisch ausschließt.

Ein blinder Fleck im Arbeitsschutz

Angestellte genießen Mutterschutzfristen, Beschäftigungsverbote, Krankengeld und Arbeitsplatzsicherheit. Selbstständige hingegen tragen die Verantwortung allein – körperlich, finanziell, organisatorisch. Obwohl Krankenversicherungen Absicherungsmöglichkeiten bieten, wussten über zwei Drittel der befragten Frauen nichts davon. Weniger als jede Dritte erhielt überhaupt Leistungen rund um die Geburt.

Noch gravierender: Während Angestellte gefährliche Tätigkeiten während der Schwangerschaft nicht mehr ausüben dürfen, arbeiten Handwerkerinnen weiter auf Baustellen, schleppen Gewichte, stehen im Lärm und unter Stress – ohne Entlastung. 89 Prozent der Befragten verrichteten während der Schwangerschaft Arbeiten, die bei Angestellten verboten wären. Das ist kein Missstand, sondern ein blinder Fleck im Arbeitsschutz.

Ein strukturelles Defizit

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDer Betrieb ruht oft nur wenige Tage oder Wochen. Im Schnitt arbeiten Handwerkerinnen bis 18 Tage vor der Geburt und kehren 13 Wochen danach zurück. Jede zweite sogar nach nur vier Wochen – nicht aus Leichtsinn, sondern aus Not. Es fehlt an Vertretung, finanziellen Puffern und institutioneller Unterstützung. Die Folge: massive Umsatzeinbußen. 75 Prozent der Befragten verzeichneten Verluste, im Schnitt 47 Prozent ihres vorherigen Umsatzes. In über einem Drittel der Fälle erreichten sie auch drei Jahre nach der Geburt nicht das alte Niveau.

Diese Zahlen zeigen kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Defizit. Die wirtschaftliche Realität selbstständiger Mütter bleibt bis heute in Regelwerken unberücksichtigt, die für Angestellte gemacht sind. Mutterschutz im Handwerk bedeutet: Rücklagen bilden, Familie einspannen, verzichten.

Doppelte Belastung – wirtschaftlich und gesundheitlich

Die Studie zeigt: Nicht nur fehlende Informationen über Versicherungsoptionen führen zur Schieflage. Es ist die wirtschaftliche Struktur des Kleinunternehmertums. Besonders Soloselbstständige ohne Mitarbeitende leiden. Sie können keine Aufgaben delegieren, keine Übergabe organisieren, keine Schließzeit überbrücken. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit stärker, lehnen mehr Auftrage ab, schließen den Betrieb häufiger – und zahlen den höchsten Preis.

Diese Anpassungen sind kein Zeichen von Flexibilität, sondern von Überforderung. Die meisten Frauen hätten gerne weniger gearbeitet, konnten es aber nicht. Finanzielle Zwänge, Erreichbarkeitspflichten und fehlende Vertretung verhinderten eine selbstbestimmte Mutterschaft. Das Ergebnis: doppelte Belastung –  wirtschaftlich und gesundheitlich.


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Selbstständige Handwerkerinnen sind keine Sonderfälle

Was tun? Die Forderungen nach Mutterschaftsgeld für Selbstständige gewinnt an Unterstützung – auch in der Branche. Zwei Drittel der Befragten befürworten eine umlagefinanzierte Lösung, ähnlich der Lohnfortzahlung. Die Idee: solidarisch finanzierte Entlastung in den Wochen rund um die Geburt. Das wäre machbar – wenn politischer Wille und handwerkspolitische Unterstützung zusammenkommen. Auch Betriebshilfen oder bessere Informationsangebote könnten helfen. Doch bisher bleibt es bei Modellprojekten und Pilotstudien.

Was es braucht, ist ein Systemwechsel. Kein Wohlfühlprogramm, sondern wirtschaftspolitische Klarheit: Wer mehr Frauen als Betriebsinhaberinnen will – und damit Fachkräftesicherung, Vielfalt und Innovation fördern möchte –, muss die strukturelle Benachteiligung bei Schwangerschaft und Geburt beseitigen. Nicht symbolisch, sondern gesetzlich. Nicht appellativ, sondern finanziell abgesichert.

Selbstständige Handwerkerinnen sind keine Sonderfälle. Sie sind systemrelevant – auch als Mütter. Eine Gesellschaft, die ihr Unternehmertum will, muss ihre Elternschaft mitdenken. Alles andere ist Flickwerk. Oder wirtschaftlicher Unsinn.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.