Ökonomen sehen den wirtschaftlichen Aufholprozess Ostdeutschlands ins Stocken geraten. Strukturelle Schwächen bremsen die Annäherung an den Westen.
Nach Einschätzung des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) wird Ostdeutschland seinen Rückstand gegenüber dem Westen auf absehbare Zeit nicht aufholen. „Eine vollständige Angleichung an Westdeutschland ist kurzfristig nicht realistisch“, erklärt IW-Experte Klaus-Heiner Röhl. Hauptgründe seien „strukturelle Schwächen, die die wirtschaftliche Dynamik ausbremsen“. Dazu zählen laut Röhl der Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften, eine geringere Innovationskraft und eine langsamere Digitalisierung.
Zwar habe die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung deutlich aufgeholt, betonen die IW-Forschenden. Dennoch liege sie „immer noch deutlich hinter dem Westen zurück“. Der aktuelle IW-Einheitsindex zeigt, dass die Wirtschaft in den neuen Bundesländern inzwischen 78 Prozent des Westniveaus erreicht hat. In den vergangenen fünf Jahren habe es jedoch keine weitere Annäherung gegeben – „zuletzt ist der Osten sogar leicht zurückgefallen“, so das Institut.
Gleichwertige Lebensverhältnisse bleiben ein fernes Ziel
Besonders kritisch bewerten die Ökonomen die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Zwar ist die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland zuletzt gesunken, doch bleibt sie höher als im Westen. Auch bei Löhnen, Produktivität und Unternehmensdichte bestehen weiterhin große Unterschiede. „Viele ostdeutsche Regionen haben Schwierigkeiten, junge, gut ausgebildete Menschen zu halten oder anzuziehen“, sagt Röhl.
Um die wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen, empfiehlt das IW mehr Offenheit für ausländische Fachkräfte und einen schnelleren Ausbau der Digitalisierung. „Der Fachkräftemangel könnte durch gezielte Zuwanderung abgemildert werden“, so Röhl. Zudem müsse die Infrastruktur für digitale Geschäftsmodelle und Innovationen deutlich verbessert werden.
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Trotz aller Herausforderungen betonen die IW-Ökonomen, dass Ostdeutschlands seit 1990 beachtliche Fortschritte gemacht habe. Dennoch bleibe klar: „Das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse ist noch nicht erreicht.“ Der wirtschaftliche Abstand zwischen Ost und West werde nach Einschätzung des Instituts auch mittelfristig bestehen.

