Präsentismus statt Produktivität : Wenn Anwesenheit mehr zählt als Leistung

Eine in der Nacht beleuchtete Bürofassade

Eine Umfrage unter Angestellten mit Hybridarbeit zeigt: Viele simulieren Produktivität, weil Unternehmen Präsenz stärker gewichten als Ergebnisse. Dabei arbeitet man im Homeoffice oft effizienter.

Ob Büro oder Homeoffice produktiver macht, wird seit Jahren diskutiert. Viele deutsche Angestellte scheinen dabei vor allem eines zu verinnerlichen: Anwesenheit zählt mehr als Leistung. Das zeigt eine neue Umfrage unter 1.000 hybrid arbeitenden Büroangestellten. Demnach geben viele Befragte an, ihre Produktivität bewusst vorzutäuschen, um den Erwartungen von Arbeitgebern und Vorgesetzten zu entsprechen.

Präsentismus statt Leistung

Nur ein Drittel der Befragten lässt allein die Arbeitsergebnisse sprechen. Zwei Drittel haben in den letzten zwölf Monaten gezielt Maßnahmen ergriffen, um produktiver oder engagierter zu wirken, als sie tatsächlich waren. Dazu gehören ein künstlich auf „anwesend“ gestellter Online-Status im Homeoffice (27,7 Prozent), längeres Verweilen im Büro, weil die Führungskraft noch da ist (25,4 Prozent), E-Mails zu ungewöhnlichen Zeiten (23,2 Prozent) oder inhaltsleere Wortmeldungen in Meetings, um Präsenz zu zeigen (22,3 Prozent). Manche greifen sogar zu physischen Tricks: 17,3 Prozent lassen Jacke oder Tasche im Büro, um Anwesenheit zu suggerieren.

Warum Beschäftigte Präsenz vortäuschen

Die Gründe liegen laut Umfrage in den Strukturen der Unternehmen und der wirtschaftlichen Lage. 32,5 Prozent nennen eine Unternehmenskultur, die auf Präsenzkontrolle setzt. 31,6 Prozent führen ihr Verhalten auf Arbeitsplatzängste zurück, während 24,4 Prozent Druck oder Mikromanagement durch Vorgesetzte als Ursache sehen.

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtMehr als die Hälfte (55,9 Prozent) glaubt, dass ihr Arbeitgeber Anwesenheit höher bewertet als Ergebnisse. Gleichzeitig wünschen sich viele das Gegenteil: 66,2 Prozent wären bereit, auf fünf Prozent oder mehr ihres Gehalts zu verzichten, wenn ihre Leistung ausschließlich an Ergebnissen gemessen würde. Noch mehr, nämlich 70 Prozent, würden finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, um dauerhaft im Homeoffice arbeiten zu können.

Büroalltag: Präsenz ohne Produktivität

Die Umfrage zeigt, dass das Büro für viele Beschäftigte seine Rolle als produktiver Arbeitsort teilweise verloren hat. 50,9 Prozent berichten, dass sie im Büro vor allem in Videocalls mit Kolleg:innen sitzen. 69 Prozent fühlen sich dort regelmäßig durch Lärm, Smalltalk oder Unterbrechungen gestört. 56,6 Prozent geben offen zu, dass sie ins Büro kommen, um „Gesicht zu zeigen“, obwohl sie im Homeoffice effizienter arbeiten könnten. Fast die Hälfte (48,8 Prozent) fühlt sich nach einem Bürotag erschöpfter als nach einem Tag im Homeoffice.

Um das Büro attraktiver zu machen, wünschen sich viele kürzere Pendelwege oder Fahrtkostenzuschüsse (47,3 Prozent), mehr Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten (39,7 Prozent) sowie bessere Verpflegung und Teamangebote (29,6 Prozent). Für 14,6 Prozent bleibt das Büro jedoch keine Alternative. Sie bevorzugen grundsätzlich das Homeoffice.


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Leistungsbereitschaft ist da, doch die Anreize fehlen

„Die Debatte um Büropräsenz hat in vielen Unternehmen ein problematisches Signal hinterlassen: Nicht die Qualität der Arbeit entscheidet, sondern ihre Sichtbarkeit. Doch wenn Beschäftigte anfangen, ihre Anwesenheit zu inszenieren, statt sich auf Ergebnisse zu konzentrieren, ist das weder effizient für Unternehmen noch nachhaltig für die Beschäftigten“, kommentiert Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed Deutschland.

Die Zukunft des WissensEr betont: „Besonders bemerkenswert ist, dass zwei Drittel der Befragten sogar bereit wären, auf Gehalt zu verzichten, wenn ihre Leistung konsequent an Ergebnissen gemessen würde. Das zeigt, wie groß die Leistungsbereitschaft unter Angestellten grundsätzlich ist und wie wenige sich derzeit daran gemessen fühlen. Wenn Arbeitgeber möchten, dass ihre Teams ins Büro kommen, muss das Büro ein Ort sein, an dem echte Zusammenarbeit entsteht und produktives Arbeiten möglich ist. Wer hingegen vor allem Anwesenheit einfordert, darf sich nicht wundern, wenn genau diese optimiert wird. Gerade in einer Zeit, in der viel über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gesprochen wird, sollten wir uns fragen, ob wir wirklich die richtigen Anreize setzen, oder ob wir ein System geschaffen haben, in dem Präsenz wichtiger erscheint als Leistung.“

Im Auftrag von Indeed befragte das Marktforschungsinstitut Appinio vom 9. bis 17. März 2026 insgesamt 1.000 hybrid arbeitende Beschäftigte in Deutschland im Alter von 16 bis 66 Jahren (500 Frauen, 500 Männer, gleichmäßig auf Altersgruppen verteilt).

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