Selbstständige und die große Vorsorgelüge

Zwei Personen sitzen auf einem Felsen und schauen aufs Wasser

93 Prozent der Selbstständigen treffen Vorsorge – eine aktuelle DIW-Studie räumt mit dem Klischee der Altersarmut auf. Das Problem betrifft nicht die Mehrheit, sondern eine kleine Risikogruppe.

Die Diagnose scheint klar: Selbstständige steuern massenhaft auf Altersarmut zu. Politik, Verbände und Öffentlichkeit zeichnen das Bild einer Risikogruppe, die sich nicht absichert und später den Sozialstaat belastet. Die vermeintlich logische Konsequenz: eine Pflichtverletzung für alle. Doch die DIW-Studie „Nur ein Bruchteil der Selbstständigen sorgt nicht für das Alter vor“ stellt diese Annahme infrage – präzise, datenbasiert und überraschend klar.

Daten widerlegen das Klischee

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDie Debatte stützte sich lange auf Vermutungen statt auf belastbare Zahlen. Zwar ist bekannt, dass Selbstständige häufiger schwankende Einkommen haben und öfter von Altersarmut betroffen sind. Ihre Armutsrisikoquote liegt mit 17 Prozent höher als die von Erwerbstätigen (12,4 Prozent). Doch ein genauerer Blick zeigt: Selbstständige verdienen im Schnitt nicht weniger, sondern verteilen sich stärker entlang der Extreme. Einige erzielen sehr hohe Einkommen, andere bleiben am unteren Rand. Diese Vielfalt prägt auch ihre Altersvorsorge. Das Problem: Die politische Diskussion behandelt diese heterogene Gruppe wie eine einheitliche Risikoklasse.

Die Studie stützt sich auf einen neuen, repräsentativen Datensatz zur sozialen Lage von Selbstständigen. Das Ergebnis ist eindeutig: 93 Prozent der Selbstständigen sorgen fürs Alter vor. Nur sieben Prozent tun es nicht. Damit widerspricht die Studie dem verbreiteten Klischee systematischer Untervorsorge.

Ein genauer Blick auf die Vorsorgestrategien zeigt:

– Über zwei Drittel nutzen mehrere Vorsorgeformen gleichzeitig.
– Vier von fünf setzen auf flexible Instrumente wie Immobilien, Wertpapiere oder Betriebsvermögen.
– Mehr als die Hälfte kombiniert diese mit gesetzlichen oder privaten Rentenlösungen.


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Wer wirklich gefährdet ist

Anzeige: Verhandeln Sie, was Sie wert sindSelbstständige handeln strategisch. Sie diversifizieren und reagieren auf unsichere Einnahmen mit flexiblen Anlageformen. Das ist kein Versagen, sondern rational. Auch die Höhe ihrer Vorsorge überrascht: Sie investieren bis zu 28 Prozent ihres Nettoeinkommens in die Altersvorsorge. Zum Vergleich: Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung liegt bei 18,6 Prozent des Bruttoeinkommens. Die Daten zeigen: Viele Selbstständige sorgen nicht weniger vor – sie sorgen anders vor.

Die Studie verschweigt die Risiken nicht, sondern benennt sie klar. Die Gruppe ohne Vorsorge – etwa sieben Prozent – ist deutlich umrissen:

– überwiegend niedrige Einkommen,
– oft unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle,
– häufig Solo-Selbstständige.

Knapp zwei Drittel dieser Gruppe haben weniger als 2.000 Euro monatliches Haushaltseinkommen. Auch die subjektive Wahrnehmung bestätigt das Bild: Rund 18 Prozent aller Selbstständigen fühlen sich schlecht abgesichert – vor allem jene mit geringen Einkommen. Das eigentliche Risiko liegt also nicht in der Breite, sondern in einer klar identifizierbaren Minderheit.

Zielgenau statt pauschal

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist unbequem: Eine pauschale Pflichtversicherung würde vor allem jene treffen, die bereits vorsorgen. Der Effekt bliebe gering, der Eingriff jedoch massiv.

Stattdessen empfiehlt die Studie einen differenzierten Ansatz:

– Vorsorgepflicht nur für jene ohne nachweisbare Absicherung,
– stattliche Zuschüsse für Geringverdienende,
– flexible Beitragsmodelle, die sich an schwankenden Einkommen orientieren.

Konkret schlägt die Studie eine einkommensabhängige Förderung vor: Zuschüsse bis zu einem Jahreseinkommen von 24.000 Euro, die bis 36.000 Euro schrittweise auslaufen. Zudem plädiert sie für einen erweiterten Vorsorgebegriff: Neben Rentenversicherungen sollen auch Immobilien, Wertpapiere und Betriebsvermögen anerkannt werden. Das ist mehr als ein technischer Vorschlag – es ist ein Paradigmenwechsel: weg von standardisierten Lösungen, hin zu realitätsnahen Systemen.

Wo die Studie an Grenzen stößt

Die Zukunft des WissensDie Ergebnisse sind klar, aber nicht ohne Einschränkungen. Einige Punkte verdienen eine kritische Beachtung:

– Messprobleme bei der gesetzlichen Rentenversicherung: Frühere Ansprüche könnten mit aktuellen Beiträgen verwechselt werden.
– Unterschiedliche Einkommensdefinitionen: Die Armutsrisikoquote basiert auf verschiedenen Datengrundlagen, was die Vergleichsbarkeit erschwert.
– Begrenzte Aussagekraft bei kleinen Gruppen: Besonders bei Plattform-Selbstständigen sind die Fallzahlen gering, die Ergebnisse daher vorsichtig zu interpretieren.

Diese Einschränkungen relativieren einzelne Details, nicht jedoch den zentralen Befund.

Ein differenziertes Bild statt einfacher Antworten

Werbeflaeche ChangemakersDie Studie entzieht der politischen Debatte den Boden für einfache Narrative. Selbstständige sind keine strukturell unvorsorgliche Gruppe. Sie handeln eigenverantwortlich, vielfältig und oft intensiver als angenommen. Gleichzeitig gibt es eine klar umrissene Risikogruppe, die gezielt Unterstützung braucht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Brauchen Selbstständige eine Pflichtversicherung? Sondern: Wie erreicht man die wenigen, die durchs Raster fallen, ohne die vielen zu regulieren, die längst vorsorgen? Die Antwort liegt in Präzision statt Pauschalisierung – in Systemen, die die Realität abbilden, statt sie zu vereinfachen.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.