Der Managementtrainer Mark Simmonds zeigt, warum Stress nicht Erfolg behindert, sondern ihn ermöglicht. Anhand der Strategien von 24 Persönlichkeiten erklärt er, wie man Druck nutzt, statt daran zu scheitern.
Stress ist kein Feind, sondern ein Hebel. Das ist die zentrale These von Mark Simmonds’ Buch „Wie die Erfolgreichen mit Stress umgehen“. Statt Stress pauschal zu vermeiden, zeigt der Managementtrainer anhand konkreter Strategien und realer Beispiele, wie Persönlichkeiten aus Sport, Wissenschaft, Politik und Kultur ihn aktiv nutzen, regulieren und transformieren.
Simmonds beginnt mit einer präzisen Differenzierung: Stress ist nicht per se schädlich. Kurzfristiger, aktivierender Stress – sogenannter Eustress – steigert Aufmerksamkeit, Energie und Leistungsfähigkeit. Problematisch wird Stress erst, wenn er chronisch wird. Dann kippt er in Distress: Er erschöpft, schwächt kognitive Funktionen und kann langfristig gesundheitliche Schäden verursachen. Diese Unterscheidung ist mehr als Theorie. Sie bildet die Grundlage des Buches: Erfolgreiche Menschen eliminieren Stress nicht – sie lernen, ihn zu steuern.
24 Strategien, ein Prinzip: Verantwortung übernehmen
Das Buch strukturiert Stressbewältigung in fünf Handlungsfelder – von positivem Mindset und körperlicher Aktivität über die Steigerung des Wohlbefindens und die Interaktion mit anderen bis hin zur Tagesplanung. Gemeinsam ist allen Strategien ein klarer Gedanke: Verantwortung für das eigene mentale System lässt sich nicht delegieren.
Simmonds verzichtet bewusst auf abstrakte Modelle. Stattdessen arbeitet er mit konkreten Fallstudien – von Sportlern über Unternehmer bis hin zu historischen Persönlichkeiten. Genau darin liegt die Stärke, aber auch eine erste Schwäche des Buches: Es überzeugt durch Anschaulichkeit, riskiert jedoch gelegentlich Vereinfachung komplexer Zusammenhänge.
Mentale Kontrolle: Der Fall Novak Djokovic
Ein zentrales Beispiel liefert Novak Djokovic. Sein Durchbruch erklärt sich laut Simmonds nicht allein durch Technik, sondern durch mentale Disziplin – konkret durch Achtsamkeit. Die zugrunde liegende Mechanik ist klar beschrieben: In Stresssituationen aktiviert die Amygdala eine körperliche Alarmreaktion. Achtsamkeit wirkt hier wie ein „Unterbrecher“, der diese automatische Reaktion dämpft.
Djokovic operationalisiert das Prinzip in drei Schritten:
– bewusste Atmung zur physiologischen Beruhigung
– Rückgriff auf frühere Erfolgserlebnisse
– Akzeptanz negativer Gedanken ohne Widerstand
Entscheidend ist nicht das einzelne Element, sondern die Kombination. Sie ermöglicht es ihm, im entscheidenden Moment im „Flow“ zu bleiben – also genau dann stabil zu bleiben, wenn andere kippen.
- Überlebensmodus verstehen: Wenn Dauerstress den Alarmzustand nicht enden lässt
- Stress belastet junge Menschen
- Stressabbau: Frauen reden, Männer treiben Sport
- Im Fokus: 2026 bewusst gestalten
- Im Fokus: Stressfalle Urlaub
Fokus statt Überforderung: Die Logik der Kontrolle
Ein zweites Schlüsselkonzept liefert die Extremruderin Roz Savage. Ihre Strategie basiert auf der radikalen Trennung von kontrollierbaren und nicht kontrollierbaren Faktoren.
Das zugrunde liegende Modell – drei Sphären der Kontrolle – zwingt zur Priorisierung:
– keine Kontrolle → ignorieren
– indirekte Kontrolle → beeinflussen
– direkte Kontrolle → handeln
Savage reduziert selbst extreme Belastungssituationen auf minimale Handlungseinheiten: nicht den Ozean überqueren, sondern den nächsten Ruderschlag setzen. Das Ergebnis: Stress wird nicht durch Reduktion der Anforderungen bewältigt, sondern durch Reduktion der gedanklichen Komplexität.
Handeln statt Aufschieben: Die Lehre von Jeff Bezos
Ein weiterer zentraler Hebel ist der Umgang mit Prokrastination. Simmonds beschreibt sie nicht moralisch, sondern neurobiologisch: Das limbische System sucht kurzfristige Belohnung, der präfrontale Cortex langfristige Planung – meist gewinnt ersteres.
Die Konsequenz ist ein paradoxes Muster: Je länger Aufgaben aufgeschoben werden, desto höher steigt der Stress und desto wahrscheinlicher wird weiteres Aufschieben. Die Lösung liegt laut Bezos nicht in Perfektion, sondern im Start: Handeln reduziert Stress schneller als jede Analyse. Unterstützt wird das durch eine klare Formel: Aufgaben werden erledigt, wenn Selbstvertrauen, wahrgenommener Wert, Dringlichkeit und geringe Ablenkung zusammenkommen. Das ist keine Motivationstheorie, sondern ein operatives Modell.
Stärke und Grenze des Buches
Simmonds liefert mit „Wie die Erfolgreichen mit Stress umgehen“ ein überzeugendes Kompendium praktischer Strategien. Die Verbindung von Wissenschaft, Biografie und Handlungsempfehlung funktioniert. Besonders stark ist die konsequente Übersetzung abstrakter Konzepte in konkrete Routinen.
Gleichzeitig zeigt sich eine strukturelle Schwäche: Die Beispiele suggerieren teilweise eine lineare Übertragbarkeit. Was bei Spitzensportler:innen oder Unternehmer:innen funktioniert, lässt sich nicht immer ohne Kontext auf andere Lebensrealitäten übertragen. Das Buch deutet diese Einschränkung an, vertieft sie jedoch nicht systematisch.
Stress als Managementaufgabe
Die zentrale Botschaft bleibt klar und belastbar: Stress verschwindet nicht. Er lässt sich gestalten. Erfolgreiche Menschen unterscheiden sich nicht durch geringere Belastung, sondern durch bessere Systeme im Umgang damit.
Simmonds liefert dafür kein theoretisches Manifest, sondern ein praxisnahes Werkzeugset. Wer bereit ist, Verantwortung für seine mentale Steuerung zu übernehmen, findet hier konkrete Ansatzpunkte – ohne Umwege, ohne Ausflüchte.

