Überschätzte Landwirte?

Traktor auf dem Feld

Deutschlands Bauern legen die Bundesrepublik lahm. Seit gestern ist es durch die Bauernproteste vielerorts zu Straßensperren und Beeinträchtigungen gekommen. Doch wie mächtig sind die Landwirte wirklich?

Kaum eine andere Branche, heißt es immer wieder, sei so einflussreich wie die Landwirtschaft. Keine andere habe quasi ein eigenes Ministerium oder erreicht, dass in kürzester Zeit Gesetzesvorhaben rückgängig gemacht werden. Betrachtet man aber die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ist die Landwirtschaft quasi unbedeutend. Daten des Statistisches Bundesamts zeigen: Nicht einmal ein Prozent tragen Deutschlands Landwirte zur Bruttowertschöpfung bei. Und auch die Bedeutung der Landwirtschaft für den Arbeitsmarkt ist nicht groß. Insgesamt sind zwar noch knapp eine Million Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt – das sind gut zwei Prozent aller Erwerbstätigen. Allerdings sind ein Großteil davon Saisonarbeitskräfte wie Erntehelferinnen und Erntehelfer, dazu kommen noch Familienangehörige. Sie alle werden zwar als Beschäftigte in der Landwirtschaft gezählt, jedoch sind es oft nicht dauerhaft sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.

Wir sind der Wandel-NewsletterBezüglich der Subventionen kann man sagen, dass im Grunde so gut wie jeder Hektar Landwirtschaft staatlich bezuschusst wird. Im Bundeshaushalt 2023 etwa standen Mittel in Höhe von 2,36 Milliarden Euro für den Agrarbereich zur Verfügung. Und Geld gibt es nicht nur vom Bund, sondern auch von den Ländern, wie aus dem Subventionsbericht der Bundesregierung hervorgeht. 2023 flossen demnach von den Ländern gute 3,3 Milliarden Euro in den Wirtschaftsbereich Ernährung, Land- und Forstwirtschaft.

EU-Subventionen sind wichtiger als die nationalen Beihilfen und Vergünstigungen

Zusätzlich bekommen Landwirte stattliche Hilfen aus EU-Fördertöpfen. Sechs Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen wurden etwa im vergangenen Jahr an die deutschen Landwirte verteilt. Das Informationszentrum Landwirtschaft beziffert den Anteil der staatlichen Zuwendungen über alle Rechtsformen und Betriebstypen hinweg mit fast 50 Prozent. Betrachtet man nur die hauptberuflichen Landwirte, liegt der Anteil bei 45 Prozent. Die EU-Subventionen sind dabei etwas wichtiger als die nationalen Beihilfen und Vergünstigungen.

Die Landwirte klagen seit vielen Jahren über das sogenannte Höfesterben. Die Landwirtschaft lohne sich kaum noch, vor allem kleinere Betriebe geben auf. Im Grunde findet seit Langem eine Marktkonsolidierung statt: Tatsächlich sinkt die Zahl der kleinen Betriebe mit wenig Fläche seit langem, die Zahl der Großbetriebe aber steigt. Laut dem Bundeslandwirtschaftsministerium bewirtschafteten 2020 rund 262.800 landwirtschaftliche Betriebe rund 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche. Zwischen 2010 und 2020 verringerte sich die Zahl der Betriebe dabei um gut 36.400, ein jährlicher Rückgang von 1,3 Prozent.

Die Großen bewirtschaften mehr als 60 Prozent der deutschen Landwirtschaftsfläche

Landwirte, die weiter machen, haben jedoch immer größere Betriebe mit über 100 Hektar Fläche. Die Großen bewirtschaften mittlerweile mehr als 60 Prozent der insgesamtem Landwirtschaftsfläche in Deutschland. Die meisten Landwirte betreiben laut BMEL immer noch Nutztierhaltung: Rinder, Schweine, Geflügel. Auf tierische Erzeugnisse entfielen 2020 rund 61 Prozent der Verkaufserlöse und rund 46 Prozent des gesamten Produktionswertes der Landwirtschaft. Laut Bauernverband beträgt der durchschnittlich erzielte Gewinn pro Betrieb 115.000 Euro im Jahr – das entspricht aber nicht dem Gehalt eines Bauern, sondern dem Betriebsergebnis im Durchschnitt generell, Subventionen schon eingerechnet.

Tina Groll

Tina Groll arbeitet hauptberuflich als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. 2008 zeichnete sie das Medium Magazin als eine der “Top 30 Journalisten unter 30 Jahren“ aus. Sie ist Mitglied im Deutschen Presserat sowie als Vorsitzende der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union tätig. Als Autorin von WIR SIND DER WANDEL beschäftigt sie sich mit der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Gesundheitspolitik.