Unternehmerisch denken – institutionell gebremst

Drei lachende Jugendliche

Junge Menschen in Deutschland denken unternehmerisch – doch die Systeme, in denen sie lernen und arbeiten, bremsen sie aus.

Sie haben Ideen. Sie wollen gestalten. Doch oft bleibt ihr Tatendrang ohne Wirkung. Die aktuelle forsa-Studie „Jung, innovativ – aber ausgebremst?“ im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Bertelsmann Stiftung zeigt einen zentralen Widerspruch: Junge Menschen bringen ein ausgeprägtes unternehmerisches Mindset mit – doch die Strukturen, die sie umgeben, hemmen sie.

Potenzial ohne Resonanz

Irrtümer und Mythen rund ums Arbeitsrecht74 Prozent der 14- bis 21-Jährigen halten unternehmerisches Denken und Handeln für wichtig oder sehr wichtig für ihre berufliche Zukunft. Noch deutlicher zeigt sich das bei der Projektkompetenz: 85 Prozent wollen Projekte planen und umsetzen können. Diese Fähigkeiten stehen für sie auf einer Stufe mit MINT-Kompetenzen und Fremdsprachen. Die Botschaft ist klar: Junge Menschen denken nicht nur fachlich, sondern gestaltend.

Doch ihr Gestaltungswille stößt auf träge Institutionen. 61 Prozent der Befragten suchen aktiv nach Wegen, Dinge zu verbessern. Aber nur 36 Prozent bringen ihre Ideen regelmäßig in Schule, Betrieb oder Hochschule ein. An Universitäten sind es sogar nur 21 Prozent. Es mangelt nicht an Ideen, sondern an Raum, sie umzusetzen.

Die qualitative Analyse verschärft das Bild. Viele junge Menschen erleben, dass ihre Vorschläge im Sande verlaufen. Sie rechnen nicht mit Umsetzung, zweifeln an ihrer Wirkung. Wer nie erlebt, dass Gestaltung gelingt, zieht sich zurück. So verpufft Innovationskraft im Alltag.

Das Mindset ist da

Die Studie widerlegt ein gängiges Vorurteil: Junge Menschen seien bequem oder risikoavers. Das Gegenteil ist der Fall. Drei Viertel entscheiden gern autonom. Zwei Drittel lösen Probleme lieber selbstständig. 64 Prozent stellen sich neuen Herausforderungen. Das unternehmerische Mindset ist da – differenziert, reflektiert, realistisch.

Doch finanzielle Sicherheit spielt eine entscheidende Rolle. Wer ökonomisch abgesichert ist, denkt innovativer und geht eher Risiken ein. Wer Unsicherheit erlebt, bleibt vorsichtig. Unternehmergeist hängt also nicht nur von der Haltung ab, sondern auch von den Rahmenbedingungen.

Auch zwischen den Geschlechtern zeigen sich Unterschiede. Junge Männer sind risikobereiter, junge Frauen stärker in Planung und gesellschaftlicher Orientierung. Frauen wollen häufiger soziale und ökologische Probleme lösen, Männer eher gründen. Beide Ansätze sind unternehmerisch – sie entfalten sich nur in unterschiedlichen Feldern.

Kultur statt Kampagne

Das Problem liegt nicht bei den jungen Menschen, sondern im System. Schulen, Betriebe und Hochschulen signalisieren zwar Offenheit für Eigeninitiative, geben aber selten echte Verantwortung ab. Nur die Hälfte der jungen Menschen traut sich, Verbesserungsvorschläge zu machen. Weniger als die Hälfte fühlt sich ermutigt, neue Lösungen einzubringen. Fehler gelten zu selten als Lernchancen.

Dabei ist klar, was wirkt: Junge Menschen engagieren sich, wenn ihre Ideen ernst genommen werden. Wenn sie wissen, an wen sie sich wenden können. Wenn sie erleben, dass ihr Einsatz etwas bewirkt. Motivation entsteht durch Wirkung.


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Erfahrungsräume statt Theorie

Die Studie zeigt, wo der Hebel ansetzt. Zwei Drittel der Schüler:innen wünschen sich Projekte, in denen sie eigene unternehmerische Ideen entwickeln können. Ebenso viele wollen mit Unternehmer:innen und inspirierenden Persönlichkeiten in Kontakt kommen. Es geht nicht um mehr Theorie, sondern um Erfahrungsräume.

Entrepreneurship Education bietet den passenden Rahmen. Nicht als Gründerschule, sondern als Ansatz, der Kreativität, Problemlösefähigkeit und Verantwortung fördert. Wer früh lernt, Ideen zu entwickeln, zu testen und umzusetzen, gestaltet später souverän – im Unternehmen, im sozialen Bereich, in der Demokratie.

Die Mini-Story endet offen – aber handlungsfähig

Deutschland steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Klimawandel, Fachkräftemangel und demografischer Wandel erfordern Menschen, die Chancen erkennen und handeln. Diese Menschen gibt es längst. Sie sitzen in Klassenzimmern, Hörsälen und Ausbildungsbetrieben.

Was fehlt, ist der Mut der Institutionen, Kontrolle abzugeben. Eine Kultur der Selbstständigkeit entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Praxis. Durch Verantwortung. Durch Vertrauen. Die Studie zeigt: Geben wir jungen Menschen Raum, gestalten sie. Bremsen wir sie, verlieren wir Zeit – und Zukunft.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.