Unternehmertum bleibt nicht wenigen vorbehalten. Eine aktuelle Befragung von der Bertelsmann Stiftung und der Handelskammer Hamburg zeigt: Das Potenzial steckt in der Mitte der Gesellschaft – wenn Bildung, Beratung und Nachfolge passen.
Seit 2019 stagniert das reale Bruttoinlandsprodukt. Die wirtschaftliche Dynamik stockt, und die Gründungsaktivität bleibt hinter den Anforderungen eines modernen Wirtschaftsstandorts zurück. Besonders auffällig ist dies bei jungen Menschen: Nur etwa drei Prozent der unter 30-Jährigen in Deutschland sind selbstständig, während der EU-Durchschnitt über fünf Prozent liegt. Noch gravierender: Nur 28 Prozent der 18- bis 30-Jährigen glauben, die Fähigkeiten für eine Unternehmensgründung zu besitzen.
Das Impulspapier „Gute Nachrichten: Unternehmertum ist keine Typfrage“ von Ivo Andrade, Tobias Bürger und Jan Schlüter nimmt diese Ausgangslage auf. Es stellt eine zentrale Frage: Sind Gründer:innen wirklich ein anderer Menschenschlag? Oder halten wir an diesem Bild so lange fest, bis es zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird? Die Antwort ist klar: Die Unterschiede zwischen Angestellten und Selbstständigen sind kleiner, als das Klischee vom geborenen Unternehmertyp vermuten lässt.
Selbstwahrnehmung prägt den Mut zur Verantwortung
Die Studie basiert auf einer Onlinebefragung von 6.461 Personen zwischen Oktober 2023 und Juli 2025. Nach Bereinigung der Daten blieben 5.468 Antworten. Acht Persönlichkeitsmerkmale wurden untersucht: emotionale Stabilität, Offenheit, Proaktivität, Autonomie, Leistungsmotivation, Durchsetzungsfreude, Beharrlichkeit und Risikobereitschaft. Die Befragten bewerteten sich selbst auf einer siebenstufigen Skala.
Hier liegt die Stärke und zugleich die Grenze der Studie: Sie misst Selbstwahrnehmung, nicht Verhalten. Wer sich risikobereit nennt, hat noch kein Unternehmen gegründet. Wer sich autonom fühlt, hat noch keine Verantwortung für Mitarbeitende, Finanzen und Märkte übernommen. Dennoch liefert die Untersuchung einen entscheidenden Befund: Die Selbstwahrnehmung beeinflusst, ob Menschen sich den Schritt in die unternehmerische Verantwortung zutrauen. Und genau hier verschiebt sich die Perspektive.
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Wer gründet, will selbst entscheiden
Selbstständige und Gründer:innen schneiden bei allen acht Merkmalen besser ab als Angestellte. Doch die Unterschiede sind meist gering. Bei der Risikobereitschaft liegt der Mittelwert der Angestellten bei 4,18, der bei Selbstständigen bei 4,46. Bei der Leistungsmotivation stehen 5,55 gegen 5,83 bei der Beharrlichkeit 5,30 gegen 5,56. Das sind Unterschiede, aber keine Welten.
Nur beim Merkmal Autonomie zeigt sich ein deutlicher Abstand: Angestellte erreichen 5,72, Selbstständige 6,17. Wer gründet, will also eher unabhängig handeln und selbst entscheiden. Doch das bedeutet nicht, dass Unternehmertum einer kleinen Elite vorbereiten ist. In Gegenteil: Wenn sich Angestellte und Selbstständige in ihren Persönlichkeitsprofilen nur wenig unterscheiden, ist das unternehmerische Potenzial in Deutschland breiter verteilt, als viele glauben.
Rahmenbedingungen statt Persönlichkeitsfrage
Nicht die Persönlichkeit ist der Engpass, sondern der Zugang: Ermutigung, Bildung und Unterstützung fehlen. Unternehmertum ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine erlernbare Kompetenz. Es hängt von Rahmenbedingungen, Erfahrungen und institutioneller Förderung ab.
Hier wird die Studie politisch und wirtschaftlich relevant. Deutschland diskutiert Gründung oft als Entweder-oder: angestellt oder selbstständig, sicherheitsorientiert oder risikofreudig. Doch die Daten zeigen ein anderes Bild. Zwischen diesen Welten gibt es Übergänge.
Unternehmensnachfolge: Ein unterschätzter Weg
Diese Übergänge können verschiedene Formen annehmen:
- Nebenberufliche Gründungen:
Sie bieten einen risikoärmeren Einstieg. Wer aus einem festen Job heraus gründet, muss nicht alles auf eine Karte setzen. - Intrapreneurship:
Unternehmerisches Denken beginnt nicht erst mit der Handelsregistereintragung. Es entsteht auch innerhalb von Organisationen – durch Eigeninitiative, Innovationskraft und Verantwortungsbewusstsein. - Spätere Wechsel in die Selbstständigkeit:
Die Unterschiede zwischen Angestellten und Selbstständigen nehmen mit dem Alter ab. Bei den 18- bis 35-Jährigen sind sie größer als bei den 36- bis 68-Jährigen. Berufserfahrung kann also Selbstbilder verändern. Unternehmertum muss kein früher Entschluss sein, sondern kann sich im Lauf der Karriere entwickeln.
Besonders deutlich wird dies bei der Unternehmensnachfolge. Jährlich suchen rund 109.000 Unternehmen in Deutschland eine Nachfolge. Doch auch ein Drittel der Betriebe, die von den Industrie- und Handelskammern beraten werden, erwägt eine Schließung, weil keine Nachfolger:innen gefunden werden.
Nachfolge muss früher ins Bewusstsein rücken
Das ist mehr als ein Generationenproblem – es ist ein Wahrnehmungsproblem. Viele denken bei Unternehmertum zuerst an Neugründungen: Pitchdecks, Produktideen, Start-up-Risiken. Doch die Studie zeigt: Unternehmerische Verantwortung bedeutet auch, bestehende Unternehmen zu übernehmen, Arbeitsplätze zu sichern und Wertschöpfung fortzuführen.
Hamburg dient als Beispiel. Wie bundesweit stehen auch dort viele Betriebe vor einem Generationswechsel. Das durchschnittliche Übernahmealter liegt bei39,6 Jahren. Rund 40 Prozent der Nachfolgen entfallen auf die Altersgruppe der 30- bis 40-Jährigen. Unter 25-Jährige sind kaum vertreten. Die Zahlen zeigen: Nachfolge ist selten der erste Karriereschritt. Sie wird relevant, wenn Menschen Erfahrung gesammelt haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Umso wichtiger ist es, Nachfolge früher sichtbar zu machen.
Jüngere interessieren sich für Übernahmen
Die Handelskammer Hamburg setzt hier an: mit Unternehmenswertrechnern, Nachfolgedialogen, Überprüfung von Konzepten und Finanzierungsplänen. 2025 führte das Team Gründung der Handelskammer rund 1.000 Beratungsgespräche – von Businessplan-Feedback bis zu Stellungnahmen für die Agentur für Arbeit. Auch Veranstaltungen wie „Entrepreneurship through Acquisition“ zeigen Wirkung. Sie stellen Übernahmen als eigenständigen Karriereweg vor. Das Publikum: meist zwischen Mitte 20 und Anfang 30. Das zeigt, dass jüngere Zielgruppen Interesse haben, wenn der Weg klar und greifbar wird.
Unternehmerische Bildung als Schlüssel
Die Lösung liegt auf der Hand: Deutschland muss Unternehmertum entmystifizieren und systematisch zugänglich machen. Dazu gehört unternehmerische Bildung – nicht als Nischenthema, sondern als Zukunftskompetenz. Entrepreneurship bedeutet, Chancen zu erkennen, Ideen zu entwickeln und sie verantwortungsvoll umzusetzen. Wer diese Fähigkeiten früh erlernt, kann später gründen, übernehmen oder innerhalb von Organisationen erneuern.
Auch der Umgang mit Risiko muss sich ändern. Die niedrigsten Werte der Studie betreffen die Risikobereitschaft – bei Angestellten wie Selbstständigen. Unternehmertum braucht keine waghalsigen Einzelkämpfer, sondern Strukturen, die Risiken kalkulierbar machen: durch Beratung, Finanzierung, Peer-to-Peer-Lernen und klare Wege in Gründung oder Übernahme.
Das Potenzial liegt in der Mitte der Gesellschaft
Die Studie zeigt Potenzial, aber sie beweist nicht, dass es sich von allein entfaltet. Kleine Persönlichkeitsunterschiede führen nicht automatisch zu mehr Gründungen. Politik, Kammern, Bildungseinrichtungen und Unternehmen müssen die Mitte der Gesellschaft ansprechen: Angestellte mit Ideen, Fachkräfte mit Erfahrung, junge Menschen mit Gestaltungswillen, Beschäftigte in Betrieben ohne Nachfolge. Unternehmertum darf nicht nur die vermeintlich Gründungswilligen adressieren.
Die gute Nachricht der Studie reicht über ihren Titel hinaus. Unternehmertum ist keine Typfrage, sondern eine Systemfrage. Wenn Deutschland wirtschaftliche Dynamik zurückgewinnen will, muss es Übergänge erleichtern, Bildung stärken und Übernahmen als Karriereweg sichtbar machen. Das Potenzial ist da. Die Frage ist, ob wir es weiter übersehen – oder endlich nutzen.

