Unternehmen betonen gern, wie wichtig ihnen Familie, Work-Life-Balance und flexible Arbeitszeiten sind. Doch die Studie „Vereinbarkeit in Stellenanzeigen“ der Bertelsmann Stiftung zeigt: Meist bleibt es bei Lippenbekenntnissen.
Die Analyse von über 5.000 Anzeigen ergab: Nur wenige nennen konkrete Maßnahmen zur Vereinbarkeit. Stattdessen dominieren Floskeln wie „flexible Arbeitszeiten“ oder „familienfreundliches Umfeld“. Bewerber:innen erfahren selten, wie diese Versprechen im Alltag aussehen.
Das Problem ist doppelt: Talente bleiben unbeeindruckt, weil sie wissen, dass Worthülsen keine Realität schaffen. Gleichzeitig verpassen Unternehmen die Chance, sich im Wettbewerb um Fachkräfte glaubwürdig zu positionieren. Gerade die jungen Generation erwartet Transparenz. Sie fragt: Wie genau sieht das Arbeitsmodell aus? Welche Unterstützung gibt es bei der Kinderbetreuung oder Pflege? Ohne klare Angaben wirkt Vereinbarkeit unglaubwürdig. Für Bewerbende zählt, ob Versprechen nachvollziehbar belegt sind.
Vereinbarkeit als Auswahlkriterium
Die Untersuchung zeigt, wie sich der Arbeitsmarkt wandelt. Früher zählten Gehalt und Aufstiegschancen. Heute steht Vereinbarkeit im Mittelpunkt. Für viele Bewerber:innen ist sie keine Zugabe, sondern Bedingung.
Eine Zahl verdeutlich das: Über 70 Prozent der Befragten ziehen eine Stelle nicht in Betracht, wenn die Anzeige keine Informationen zur Vereinbarkeit enthält. Das betrifft nicht nur junge Eltern, sondern auch pflegende Angehörige und Menschen, die Wert auf Selbstbestimmung legen.
Transparenz schafft Vertrauen – und zieht Talente an
Ein Beispiel zeigt die Wirkung: Ein IT-Unternehmen überarbeitete seine Stellenanzeigen und nannte explizit Homeoffice-Quoten, Kernarbeitszeiten und Kinderbetreuungszuschüsse. Innerhalb von drei Monaten stieg die Zahl qualifizierter Bewerbungen um 40 Prozent. Die Botschaft: Transparenz schafft Vertrauen – und zieht Talente an.
Die Studie zeigt auch Unterschiede zwischen Branchen. Große Konzerne erwähnen Vereinbarkeitsmaßnahmen häufiger, während kleine und mittelständische Betriebe oft hinterherhinken. Doch gerade sie könnten von klarer Kommunikation profitieren. Wer als regionaler Arbeitgeber zeigt, wie Vereinbarkeit konkret gelebt wird, verschafft sich einen Vorteil im Wettbewerb mit Großunternehmen.
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Von Floskel zu Fakten
Die Forschenden fordern einen Kulturwandel im Recruiting. Statt vager Versprechen braucht es klare Angaben: Welche Modelle gibt es – Teilzeit, Gleitzeit, mobiles Arbeiten? Gibt es finanzielle Unterstützung bei Betreuung? Werden Führung in Teilzeit oder Sabbaticals gefördert?
Ein Beispiel aus der Studie zeigt, wie das gelingt: Ein mittelständischer Maschinenbauer führte ein Modell für „Vertrauensarbeitszeit“ ein und kommunizierte es transparent in Stellenanzeigen. Statt „flexible Arbeitszeit“ hieß es: „Unsere Mitarbeitenden entscheiden selbst, ob sie ab 6 Uhr oder ab 10 Uhr beginnen. Kernzeit ist 10-14 Uhr, Homeoffice an zwei Tagen pro Woche ist Standard.“ Bewerber:innen wussten sofort, was sie erwartet.
Die besten Talente währen Arbeitgeber nach mehr als Gehalt
Der Erfolg war messbar: Bewerbungen stiegen, Abbrüche im Auswahlprozess sanken. Bewerbende fühlten sich ernst genommen, weil sie klare Informationen statt vager Versprechen erhielten.
Die Studie betont: Vereinbarkeit ist nicht nur ein Personalthema, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Unternehmen, die hier transparent sind, sichern sich Vorteile. Denn der Fachkräftemangel verschärft sich, und die besten Talente wählen Arbeitgeber nach Kriterien, die über Gehalt hinausgehen.
Vereinbarkeit sichtbar machen
Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: Vereinbarkeit entscheidet über Attraktivität. Wer sie nur behauptet, verliert. Wer sie konkretisiert, gewinnt.
Die Erkenntnisse lassen sich auf drei Punkte verdichten:
- Das Problem liegt in der Lücke zwischen Versprechen und Realität.
- Der Wendepunkt kommt, wenn Unternehmen erkennen, dass Bewerber:innen Vereinbarkeit als zentrales Kriterium sehen.
- Die Lösung liegt in klarer, transparenter Kommunikation, die zeigt, wie Vereinbarkeit gelebt wird.
Für Unternehmen heißt das: Stellenanzeigen sind keine Formalität, sondern ein strategisches Werkzeug. Sie transportieren Haltung, Werte und Glaubwürdigkeit. Oder wie es in der Studie heißt: Vereinbarkeit sichtbar zu machen, ist kein Luxus, sondern Voraussetzung, um im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen.

