Eine aktuelle Studie von Oxfam und ITUC zeigt: Arbeit schafft mehr Wert, doch Kapital streicht die Gewinne ein. Sinkende Reallöhne und steigende Dividenden stellen die Marktwirtschaft auf die Probe.
Die Studie „Working for the Rich“ von Oxfam und dem Internationalen Gewerkschaftsbund ITUC zeichnet ein hartes Bild der Weltwirtschaft: Arbeit schafft mehr Wert. Doch Kapital streicht einen wachsenden Anteil ein. Beschäftigung schützt immer seltener vor Armut. Gleichzeitig erzielen Milliardäre, Großaktionäre und Spitzenmanager Rekordgewinne. Die zentrale These lautet: Die Kluft zwischen Arbeit und Vermögen ist kein Nebeneffekt der Krise. Sie ist das Ergebnis wirtschaftlicher Machtverteilung.
Der Befund beginnt bei den Lebenshaltungskosten. Zwischen 2019 und 2025 stiegen die realen Lebensmittelpreise um 15 Prozent, die Benzinpreise um 14 Prozent. Ein Viertel der Weltbevölkerung ist von Hunger betroffen. 48 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze von 8,30 PPP-Dollar. Gleichzeitig erhöhten 43 Prozent der Länder ihre Mindestlöhne zwischen 2019 und 2024/25 nicht im Gleichschritt mit der Inflation. Der Weltarbeitsmarkt zeigt damit eine einfache Wahrheit offen: Arbeit allein garantiert keinen Ausweg aus Armut.
Wer arbeitet, erzeugt Wert
Besonders deutlich wird das bei der sogenannten Working Poverty. Zwischen 2000 und 2019 sank die Zahl der Menschen, die trotz Arbeit in extremer Armut leben, im Schnitt um sieben Prozent pro Jahr. Seit 2020 hat sich dieses Tempo auf drei Prozent mehr als halbiert. 2025 lebten acht Prozent der Beschäftigten trotz Erwerbsarbeit in Armut. Die Studie macht daraus kein moralisches Ornament, sondern einen ökonomischen Kernpunkt: Wer arbeitet, erzeugt Wert. Doch immer weniger dieses Werts bleibt bei den Arbeitenden.
Auf der anderen Seite steht der Vermögenssprung der Milliardäre. 3.428 Menschen, 86 Prozent davon Männer, besitzen Vermögen in einer Größenordnung von 17 Prozent des globalen BIP. 2026 erreichte ihr Gesamtvermögen ein neues Rekordhoch. Innerhalb von zwölf Monaten wurden sie um vier Billionen Dollar reicher. Vier von fünf Milliardären sind heute reicher als im Vorjahr. Ihr Vermögen übersteigt das Vermögen der ärmeren 4,1 Milliarden Menschen um 1,5 Billionen Dollar.
Milliardäre verdienen in weniger als zwei Stunden mehr als eine durchschnittliche Arbeitskraft in einem ganzen Jahr
Die Studie zerlegt diese Vermögensbildung in drei Quellen: Vergütung als Unternehmenschefs, Dividenden und Wertsteigerungen von Beteiligten. Die Vergütung spielt bei Milliardären meist die kleinere Rolle. Dividenden sind sichtbarer, weil sie als laufendes Kapitaleinkommen in den volkswirtschaftlichen Konten auftauchen. Den größten Hebel bilden jedoch Kapitalgewinne: steigende Unternehmenswerte, steigende Aktienkurse, steigende Beteiligungswerte.
Gerade die Dividenden zeigen, wie stark Unternehmensgewinne nach oben fließen. Oxfam und ITUC identifizierten die Beteiligtenportfolios von fast 1.000 Milliardären, die Anteile an 4.561 Unternehmen halten. Das Ergebnis: 2025 flossen ihnen fast 80 Milliarden Dollar an Dividenden zu. Das entspricht 2.500 Dollar pro Sekunde. Der durchschnittliche Dividendenertrag eines Milliardärs lag bei 79,5 Millionen Dollar. Nach Berechnung der Studie verdient ein durchschnittlicher Milliardär aus Dividenden in weniger als zwei Stunden mehr, als eine durchschnittliche Arbeitskraft in einem ganzen Jahr erhält.
Die reichsten ein Prozent besitzen 43 Prozent der globalen Finanzvermögen
Die Beispiele sind präzise gewählt. Bernard Arnault, Eigentümer des Luxuskonzerns LVMH, erhielt 2025 laut Studie 3,8 Milliarden Dollar an Dividenden. Amancio Ortega, Eigentümer von Inditex/Zara, kam auf 3,7 Milliarden Dollar. Das sind keine Ausnahmen am Rand des Systems. Sie zeigen ein System, in dem Vermögenseigentum Einkommen erzeugt, ohne dass die Empfänger selbst arbeiten müssen.
Zugleich verweist die Studie auf eine noch größere Verschiebung: 85 Prozent der Weltbevölkerung erzielen nach der zitierten Schätzung von Branko Milanović kein Einkommen aus Kapital. Die reichsten ein Prozent besitzen dagegen 43 Prozent der globalen Finanzvermögen. Bei weltweiten Dividenden von 2,1 Billionen Dollar im Jahr 2025 ergibt sich daraus: Mehr als 900 Milliarden Dollar gingen an das reichste Prozent. Pro erwachsener Person in dieser Gruppe sind das im Schnitt 14.500 Dollar – allein für den Besitz von Unternehmensanteilen.
Wer Innovation will, darf Gewinne nicht pauschal dämonisieren
Hier liegt der stärkste Satz der Studie: Unternehmensgewinne können investiert, an Beschäftigte gezahlt oder als Dividenden ausgeschüttet werden. Wenn sie überwiegend an Vermögende fließen, entscheidet sich die Verteilung nicht erst im Steuersystem. Sie entscheidet sich bereits im Unternehmen.
Doch die Studie bleibt nicht bei Dividenden stehen. Sie verbindet Vermögen mit Macht. Milliardäre nutzen ihre Mittel nicht nur für Konsum, sondern auch für Medien, Politik und Einfluss. Als Beispiele nennt sie Larry Ellision und Paramount, Vincent Bolloré und CNews sowie Jeff Bezos und die Neuausrichtung der Meinungssparte der Washington Post. Hinzu kommt eine politische Dimension: Laut Studie halten weltweit viele Menschen es für realistisch, dass Reiche Wahlen kaufen können. Oxfam berechnet zudem, dass Milliardäre 4.000-mal wahrscheinlicher ein politisches Amt innehaben als gewöhnliche Menschen.
Das ist eine scharfe These. Nicht jede Beteiligung an Medien ist automatisch antidemokratisch. Nicht jede politische Aktivität Vermögender ist illegitim. Unternehmerische Freiheit, Eigentumsrechte und Kapitalallokation sind tragende Elemente marktwirtschaftlicher Ordnungen. Wer Investitionen erwartet, muss Kapitalbindung zulassen. Wer Innovation will, darf Gewinne nicht pauschal dämonisieren.
Die zehn bestbezahlten CEOs verdienen zusammen mehr als eine Milliarde Dollar
Aber die Studie argumentiert nicht gegen Gewinn. Sie argumentiert gegen Machtkonzentration. Das ist der entscheidende Unterschied. Wenn wenige Personen Unternehmen, Dividendenströme, Medienkanäle und politische Zugänge bündeln, verschiebt sich der Wettbewerb. Dann konkurrieren nicht mehr nur Ideen, Produkte und Arbeitsleistungen. Dann konkurriert auch die Fähigkeit, Regeln zu prägen.
Noch härter fällt der Blick auf die Vorstandsetagen aus. Oxfam und ITUC untersuchten die 1.500 bestbezahlten CEOs weltweit. Ihre durchschnittliche Vergütung stieg 2025 real um elf Prozent gegenüber 2024 und um 54 Prozent gegenüber 2019. Der durchschnittliche CEO dieser Gruppe erhielt 2025 8,4 Millionen Dollar. Die zehn bestbezahlten CEOs kamen zusammen auf mehr als ein Milliarde Dollar. Vier von ihnen erhielten jeweils mehr als 100 Millionen Dollar. Genannt werden unter anderem der CEO von Broadcom mit 205 Millionen Dollar, Führungskräfte bei Blackstone und Goldman Sachs mit 126 beziehungsweise 119 Millionen Dollar sowie der Microsoft-CEO mit 96 Millionen Dollar.
Die Vergütung der Top-CEOs wuchs 2025 zwanzigmal schneller als die globalen Arbeitslöhne
Dem steht eine andere Kurve gegenüber. Die globale Arbeitnehmerschaft erhielt zwischen 2024 und 2025 real nur 0,5 Prozent mehr Lohn. Seit 2019 sanken die Reallöhne um zwölf Prozent. Durchschnittlich lag der reale Jahreslohn 2025 um 2.326 Dollar unter dem Niveau von 2019. Die Studie übersetzt das in Arbeitszeit: Beschäftigte arbeiteten 2025 rechnerisch 31 Tage umsonst, seit 2019 insgesamt 108 Tage.
Diese Gegenüberstellung wirkt politisch. Sie ist aber auch betriebswirtschaftlich unbequem. Denn hohe CEO-Gehälter lassen sich klassisch mit Verantwortung, Marktdruck, internationalem Wettbewerb um Führungstalente und Unternehmensgröße begründen. Ein Konzern, der Milliarden bewegt, wird argumentieren, dass eine falsche Führungskraft teurer ist als eine teure Führungskraft. Das ist nicht trivial.
Die Studie liefert dennoch einen starken Einwand: Die Vergütung der Top-CEOs wuchs 2025 zwanzigmal schneller als die globalen Arbeitslöhne. Ein durchschnittlicher Arbeiter müsste 490 Jahre arbeiten, um das zu verdienen, was der durchschnittliche CEO dieser Gruppe allein 2025 erhielt. Ab einer bestimmten Größenordnung ist Vergütung nicht mehr nur der Preis für Leistung. Sie wird zum Symbol und zum Mechanismus einer Verteilung, die sich von der Lohnentwicklung abkoppelt.
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Auffällig ist auch die Geschlechterdimension
Unter den 1.500 bestbezahlten CEOs sind nur sechs Prozent Frauen. Gleichzeitig liegt der durchschnittliche Gender Pay Gap der Beschäftigten in diesen Unternehmen bei 15,75 Prozent. Die Studie übersetzt diese Differenz in ein Datum: Frauen würden rechnerisch am 4. November aufhören, bezahlt zu werden.
Der tiefere ökonomische Befund steckt in der Arbeitsquote am BIP. Der Anteil der Arbeitseinkommen an der Wirtschaftsleistung ist langfristig gesunken. Seit 2004 beträgt der Rückgang zwei Prozentpunkte. Hätte der Arbeitsanteil 2024 noch auf dem Niveau von 2004 gelegen, wären laut ILO-Schätzung 2,4 Billionen Dollar zusätzlich an Arbeitseinkommen geflossen. Seit 2019 sank die Arbeitsquote um 0,4 Prozentpunkte. Wäre sie 2025 noch auf dem Niveau von 2019 gewesen, hätten Beschäftigte 469 Milliarden Dollar mehr erhalten.
Gleichzeitig stieg die Produktivität. Die Wirtschaftsleistung je Arbeitskraft wuchs von 32.689 PPP-Dollar im Jahr 2004 auf 49.516 PPP-Dollar im Jahr 2025. Arbeitende erzeugen heute 51 Prozent mehr wirtschaftlichen Wert als 2004, erhalten aber einen um zwei Prozentpunkte geringeren Anteil am Einkommen. Genau hier liegt die Dramatik der Studie: Das Problem ist nicht fehlende Produktivität . Das Problem ist die Verteilung der Produktivitätsgewinne.
Schwerpunkt auf Umverteilung und Machtbegrenzung
Die Autor:innen nennen mehrere Ursachen: Lohndruck, schwächere oder unterdrückte Gewerkschaften, Technologie und Automatisierung, die falsche Einstufung von Beschäftigten als Selbstständige oder Subunternehmer, Finanzialisierung und Marktkonzentration großer Unternehmen. Diese Aufzählung ist wichtig, weil sie eine zu einfache Lesart verhindert. Nicht jeder Rückgang des Arbeitsanteils ist allein Ausbeutung. Automatisierung verändert Produktionsfunktionen. Kapitalintensive Branchen verschieben Ertragsstrukturen. Globale Lieferketten drücken Löhne. Finanzmärkte belohnen Ausschüttungen. Gerade deshalb reicht Empörung nicht. Es braucht institutionelle Antworten.
Die Studie schlägt solche Antworten vor: nationale Pläne zur Verringerung von Ungleichheit, höhere und wirksamere Besteuerung der Superreichen, stärkere Grenzen zwischen Vermögen und Politik, Schutz von Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit, existenzsichernde Mindestlöhne, stärkere Tarifbindung und eine robuste UN-Steuerkonvention gegen den Steuerwettlauf nach unten.
Auch diese Vorschläge verlangen ökonomische Prüfung. Höhere Steuern auf Vermögen und Einkommen können Investitionsanreize verändern. Strenge Begrenzungen von CEO-Vergütung können Unternehmen in globalen Talentmärkten vor Ausweichbewegungen stellen. Mindestlöhne müssen so gesetzt werden, dass sie Armut mindern, ohne Beschäftigung in verletzlichen Märkten zu gefährden. Die Studie blendet solche Spannungen nicht vollständig aus. Ihr normativer Schwerpunkt liegt aber klar auf Umverteilung und Machtbegrenzung.
Viele arbeiten, wenige kassieren
Ihre Stärke liegt deshalb weniger in der perfekten Politikformel als in der Diagnose. Sie zeigt eine Weltwirtschaft, in der Arbeit real verliert, während Vermögen automatisch gewinnt. Sie zeigt Unternehmen, deren Gewinne in großem Umfang an Eigentümer fließen, während Beschäftigte Kaufkraft verlieren. Sie zeigt CEOs, deren Vergütung sich von der Lohnentwicklung entfernt. Und sie stellt eine Demokratiefrage: Wie frei bleibt Politik, wenn wirtschaftliche Macht sich immer stärker bündelt?
Das ist keine Randdebatte. Es ist die Verteilungsfrage der nächsten Dekade. Unternehmen brauchen Kapital, Investitionen und Führung. Aber sie brauchen auch Beschäftigte, Nachfrage, gesellschaftliche Akzeptanz und stabile Institutionen. Wenn Arbeitende produktiver werden, aber real weniger verdienen, bricht ein ökonomischer Grundvertrag. Wenn Dividenden Rekorde erreichen, während Mindestlöhne der Inflation hinterherlaufen, verliert Marktwirtschaft ihre soziale Legitimation. Die Studie nennt diesen Zustand „Working for the Rich“. Die treffendere deutsche Lesart wäre: Viele arbeiten, wenige kassieren. Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine Ordnung. Und Ordnungen lassen sich ändern.

