Viele überschätzen ihre Unersetzlichkeit im Job

Frau sitzt mit Laptop auf den Beinen am Pool

Viele überschätzen ihre Unersetzlichkeit, sagt Christine Syrek, Wirtschaftspsychologin aus Bonn. Ein schlechtes Gewissen ist also unnötig, wenn man für den Arbeitgeber nicht erreichbar ist.

Meist läuft der Arbeitsalltag ohne Einzelne reibungslos weiter. “Klar, es gibt Ausnahmen bei dringenden Deadlines”, räumt Christine Syrek ein, “aber oft ist das Gefühl, ständig gebraucht zu werden, größer als die Realität.” Die Expertin empfiehlt, schon vor dem Urlaub loszulassen. Dazu gehört, Aufgaben zu ordnen, klare Vertretungsregeln zu vereinbaren und innerlich Abstand zu gewinnen. “Am besten vereinbart man, dass man bei wirklich dringenden Fällen per SMS oder Anruf erreichbar ist – alles andere kann warten”, rät Syrek im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Seit der Ausweitung des Homeoffice fällt vielen das Abschalten schwerer

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtSchon eine automatische Abwesenheitsnotiz kann helfen. Studien zeigen, dass ihre Formulierung die Erholung beeinflusst. Wer verspricht, nach der Rückkehr sofort alle Anfragen zu bearbeiten, setzt sich unnötig unter Druck. Besser ist es, klar zu sagen, dass man bis zu einem bestimmten Datum nicht verfügbar ist und erst danach reagiert. “Das nimmt den Druck, direkt nach dem Urlaub alles aufarbeiten zu müssen”, erklärt Syrek.

Seit der Ausweitung des Homeoffice fällt vielen das Abschalten schwerer. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. “Wir haben uns daran gewöhnt, auch mal zwischendurch schnell unsere E-Mails zu checken”, sagt Syrek. Im Urlaub verhindert das, dass man wirklich abschaltet.

Wer konsequent ist, lässt Laptop und Arbeitshandy zu Hause

Ein erster Schritt: Push-Benachrichtigungen deaktivieren oder Arbeits-Apps in einen separaten Ordner verschieben. Wer konsequent bleibt, lässt Laptop und Arbeitshandy am besten gleich zu Hause oder legt sie außer Sichtweite. Auch Syrek kennt die Herausforderung, sich von der Arbeit zu lösen. “Gelegentlich arbeite ich auch im Urlaub”, gibt sie zu. Ihr Mann erinnert sie dann scherzhaft an die eigenen Ratschläge: “Kannst du mal bitte deine eigenen Ratschläge befolgen, bevor du wieder am Handy hängst?”

Mit der Zeit fiel es ihr leichter, E-Mails liegen zu lassen. “Man merkt einfach, dass es oft egal ist, ob man eine Mail heute liest oder in einer Woche.” Ihre Tochter habe dabei geholfen: “Ein Kind rückt die Prioritäten zurecht.” Entlastend sei es, vor dem Urlaub klare Absprachen im Team zu treffen. “Ich habe mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Absprache, dass sie mich anrufen, wenn es wirklich brennt”, erzählt Syrek. Das beruhige – und erspart das ständige Kontrollieren des Postfachs.


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Einfach mal loslassen

Das Geheimnis gelungener Erholung liegt nicht in minutiöser Vorbereitung, sondern im bewussten Loslassen. Wer im Urlaub ständig aufs Handy schielt oder E-Mails liest, gönnt dem Kopf keine Pause. “Der Job läuft meistens auch zwei Wochen ohne uns weiter”, sagt Syrek. Wer das verinnerlicht, startet entspannter in die freie Zeit – und kehrt erholter zurück.

Der Druck, auch außerhalb der Arbeitszeit verfügbar zu sein, wächst seit Jahren, warnen Arbeitszeitforschende. Besonders Führungskräfte und Wissensarbeiter fühlen sich verpflichtet, im Urlaub ihre E-Mails zu checken. Doch fehlende Erholung führt langfristig zu Erschöpfung, Leistungsabfall und gesundheitlichen Problemen. Syreks Fazit: “Es lohnt sich, Urlaub wirklich als Unterbrechung zu begreifen – nicht als andere Art des Arbeitens.”

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Tina Groll

Tina Groll, SPIEGEL-Bestsellerautorin und Redakteurin bei der ZEIT im Ressort Wirtschaft, konzentriert sich als Autorin von WIR SIND DER WANDEL auf Arbeitsmarkt-, Sozial- und Gesundheitspolitik. 2008 zeichnete sie das Medium Magazin als eine der “Top 30 Journalisten unter 30 Jahren” aus, 2009 erhielt sie den Otto-Brenner-Preis für kritschen Wirtschaftsjournalismus. Ferner ist sie Mitglied im Deutschen Presserat.