Von der Kunst zu leben – und vom ständigen Kampf ums Überleben

Ein Künstler steht vor seinen Bildern

90 Prozent der Künstler:innen verdienen weniger als 20.000 Euro im Jahr. Eine Studie zeigt: Sichtbarkeit allein reicht nicht – Kunst braucht Strukturen, die ein Leben jenseits der Armut sichern.

Die Idee klingt verlockend: Künstler:innen schaffen Werke, die Gesellschaften prägen, Debatten anstoßen, Schönheit und Orientierung bieten. Doch die Realität sieht anders aus. Die Studie „Von der Kunst zu leben“, erstellt von der Prognos AG im Auftrag des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) und der Stiftung Kunstfonds, zeigt es deutlich: 90 Prozent der Befragten verdienen mit ihrer Kunst weniger als 20.000 Euro im Jahr. In der Gesamtwirtschaft ist das Verhältnis fast umgekehrt.

Die wirtschaftliche Unsicherheit prägt den Alltag vieler. Sie leben von Projekt zu Projekt, ohne zu wissen, wie der nächste Monat aussieht. Altersarmut ist vorprogrammiert: Mehr als die Hälfte der Rentner:innen unter den Künstler:innen erhält weniger als 800 Euro im Monat. Sie haben ein Leben lang Werte geschaffen, doch fürs Alter bleibt nichts.

Sichtbarkeit wird zur Währung – und sie verteilt sich ungleich

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDie Studie räumt mit dem Mythos des „freien Künstlers“ auf, der nur seiner Inspiration folgt. Viele kämpfen ums Überleben. Nur ein Fünftel der Befragten lebt ausschließlich von der Kunst. Die Mehrheit finanziert sich durch Lehraufträge, Nebenjobs oder Partner:innen. Frauen trifft es besonders hart: Sie übernehmen häufiger Care-Arbeit, verdienen weniger und sind seltener international präsent. Der Gender Pay Gap in der Bildenden Kunst liegt bei 30 Prozent, der Gender Show Gap ebenso. Sichtbarkeit wird zur Währung – und sie verteilt sich ungleich.

Auch der Zugang zu Märkten bleibt begrenzt. Nur 31 Prozent der Befragten arbeiten mit Galerien zusammen, auf Kunstmessen sind es sogar nur 15 Prozent. Ohne Galerie bleibt man unsichtbar. Doch selbst mit Galerie sind Verkäufe nicht garantiert. Gleichzeitig wächst der Druck, sich digital zu vermarkten. Viele Künstler:innen sehen sich nicht als Influencer. Aber ohne Instagram verkaufen sie nichts.

Sichtbarkeit allein zahlt keine Miete

Die Studie nennt klare Handlungsfelder: Verbindliche Honorare und faire Ausstellungsvergütungen stehen an erster Stelle. Denn Sichtbarkeit allein zahlt keine Miete. Ebenso wichtig: eine bundesweite Infrastruktur mit bezahlbaren Ateliers, mehr Ausstellungsorten und einem kulturfreundlichen Steuerrecht. Viele Mieten sind zu hoch. Ohne Atelier keine Arbeit, ohne Arbeit keine Kunst. Der Ruf nach struktureller Unterstützung wird lauter.

Die Künstlersozialkasse (KSK) bleibt unverzichtbar, greift aber oft zu kurz. Wer weniger als 3.900 Euro im Jahr verdient, verliert den Zugang – und damit ausgerechnet dann den Schutz, wenn er am dringendsten gebraucht wird. Die KSK ist für viele Rettungsanker, doch die Hürden sind zu hoch.


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Kunst ist Arbeit – und braucht verlässliche Strukturen

Neben finanzieller Sicherheit fehlt es an Know-how. Viele kämpfen mit Bürokratie, Projektmanagement und Selbstvermarktung. Die Studie empfiehlt praxisnahe Beratungsangebote – von Steuerfragen bis zur Nachlassregelung. Viele Künstler:innen haben Kunst studiert, nicht BWL. Am Ende aber sind sie Unternehmer:innen – wider Willen. Die Ergebnisse sind ernüchternd, aber klärend. Sie zeigen: Das Märchen vom selbstgenügsamen Künstler ist überholt. Kunst ist Arbeit – und braucht verlässliche Strukturen. Die Lösung liegt in einer Neubewertung: Kunst muss dieselbe Planungssicherheit erhalten wie andere Berufe. Nur so können Künstler:innen das tun, was sie am besten können – neue Perspektiven schaffen, Fragen stellen, Gesellschaft gestalten.

Die Studie „Von der Kunst zu leben“ ist mehr als ein Zahlenwerk. Sie ist ein Weckruf. Vom prekären Dasein zur anerkannten Arbeit. Von der Romantisierung zur echten Wertschätzung. Von der Kunst zu leben, darf nicht länger heißen: vom Zufall zu überleben.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.