Automatisierte Interviews sollen das Recruiting schneller, günstiger und fairer machen. Doch eine Studie zeigt: Genau diese Verfahren schrecken viele Kandidat:innen ab – darunter besonders qualifizierte. Was Unternehmen daraus lernen sollten.
Wer heute eine Stelle besetzen will, steht unter Druck. Gute Kandidat:innen sind rar, Auswahlprozesse dauern, Recruiter sind überlastet. Da klingt es verlockend, Teile des Verfahrens zu automatisieren: Bewerbende beantworten Interviewfragen per Audio oder Video, wann es ihnen passt. Eine KI wertet die Antworten aus. Das Unternehmen spart Termine, Koordination und Zeit.
Auf dem Papier wirkt das wie ein Fortschritt. In der Praxis springen jedoch oft gerade die Menschen ab, die ein Unternehmen eigentlich gewinnen will. Das zeigt die Studie „A Brave New World of Hiring“ von Mallory Avery, Edwin Ip, Andreas Leibbrandt und Joseph Vecci. Die Forschenden untersuchten in einem Feldexperiment, wie asynchrone Interviews und KI-Bewertungen das Recruiting verändern. Sie werteten mehr als 3.000 reale Bewerbungen für Tech-Jobs aus. Die Bewerbenden hatten sich auf Stellen als Programmierer, Web Designer oder Content Creator beworben und wurden danach zufällig unterschiedlichen Auswahlverfahren zugeteilt.
Die stille Abbruchstelle im Recruiting
Eine Gruppe musste nur bestätigen, ob sie weiter Interesse an der Stelle hatte. Eine zweite Gruppe erhielt eine Einladung zum Live-Online-Interview. Eine dritte Gruppe sollte ein asynchrones Audio- oder Video-Interview absolvieren. Die Antworten bewerteten entweder professionelle Recruiter oder ein kommerzielles KI-System.
Das Ergebnis ist eindeutig: Automatisierte Interviewprozesse können die Bewerbung verbessern, aber sie schmälern vorher den Bewerbendenpool. Der wichtigste Befund der Studie liegt nicht am Ende des Auswahlprozesses, sondern viel früher. Es geht um die Frage: Wer bleibt überhaupt im Verfahren? In der Kontrollgruppe, die nur ihr weiteres Interesse bestätigen musste, machten 85 Prozent weiter. Beim Live-Online-Interview nahmen 68 Prozent teil. Bei den asynchronen Interviews waren es nur 40 Prozent. Das heißt: Durch asynchrone Interviews sank die Fortsetzung des Bewerbungsprozesses gegenüber der Kontrollgruppe um 45 Prozentpunkte. Anders gesagt: Mehr als die Hälfte derjenigen, die ohne diese Hürde vermutlich weitergemacht hätten, stieg aus.
Auch die Guten steigen aus
Für Unternehmen klingt das zunächst nach Entlastung. Weniger Bewerbungen bedeuten weniger Aufwand. Nicht jede Bewerbung ist gleich wertvoll. Viele Menschen bewerben sich breit, manchmal auch auf Stellen, für die sie kaum passen. Eine zusätzliche Hürde kann also helfen, den Pool zu sortieren. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Die Studie zeigt: Es springen nicht nur schwächere oder weniger interessierte Kandidat:innen ab. Auch besonders qualifizierte Bewerbende gehen verloren.
Die Forschenden prüften die Qualität der Bewerbungen anhand mehrerer Indikatoren: Bildungsabschluss, Berufserfahrung, CV-Score und spätere Karriere. In allen Gruppen zeigte sich derselbe Effekt. Von den Bewerbenden mit College-Abschluss oder höher blieben in der Kontrollgruppe 87,39 Prozent im Verfahren. Bei den asynchronen Interviews waren es nur 40,99 Prozent. Bei Personen mit Postgraduate-Abschluss lag die Quote in der Kontrollgruppe bei 87,62 Prozent, im asynchronen Verfahren bei 41,08 Prozent. Noch deutlicher wird der Effekt bei Erfahrung. Von den oberen 25 Prozent nach Berufserfahrung machten in der Kontrollgruppe 87,56 Prozent weiter. Im asynchronen Verfahren waren es nur 38,92 Prozent. Bei den oberen zehn Prozent nach Erfahrung sank der Anteil von 89,04 auf 36,46 Prozent.
Das ist für Arbeitgeber ein ernstes Problem. Es widerlegt die Annahme, automatisierte Interviews würden vor allem jene aussortieren, die ohnehin weniger geeignet sind. Die Verfahren reduzieren zwar den Pool, aber nicht gezielt nach Qualität. Wer asynchrone Interviews zu früh oder unbedacht einsetzt, spart Zeit – verliert aber Substanz.
Frauen brechen häufiger ab
Besonders heikel ist der Befund zum Geschlecht. In der Kontrollgruppe waren Männer und Frauen etwa gleich häufig bereit, im Verfahren zu bleiben. Bei den asynchronen Interviews änderte sich das. Frauen beendeten diese Verfahren seltener als Männer. Die Differenz lag bei 5,1 Prozentpunkten.
Das klingt zunächst nicht dramatisch. Im Recruiting kann eine solche Verschiebung jedoch erhebliche Folgen haben. Sie verändert den Pool, aus dem später ausgewählt wird. Wenn durch eine Verfahrenshürde mehr Frauen aussteigen, wird der verbleibende Pool an Bewerbenden männlicher – noch bevor irgendeine fachliche Auswahlentscheidung fällt.
Gerade im Tech-Bereich ist das relevant. Die untersuchten Rollen waren unterschiedlich zusammengesetzt: Bei den Bewerbungen für Programmierer lag der Frauenanteil bei 21 Prozent, bei Web Designern bei 41 Prozent, bei Content Creators bei 71 Prozent. Die Studie fand zwar keine vergleichbare Verzerrung nach ethnischer Herkunft beim Abbruch. Beim Geschlecht zeigte sich der Effekt aber klar. Für Unternehmen, die Vielfalt ernst nehmen, ist das eine Warnung. Ein Verfahren kann formal neutral sein – und trotzdem ungleiche Wirkungen entfalten.
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Warum Bewerbende misstrauisch werden
Warum schrecken asynchrone Interviews so viele Menschen ab? Die naheliegende Antwort wäre: Vielleicht mögen Bewerbende keine Technik. Vielleicht fühlen sie sich unwohl vor der Kamera. Vielleicht ist es ihnen zu aufwendig.
Die Studie findet dafür jedoch keine einfache Bestätigung. In einem ergänzenden Vignettenexperiment mit 606 potenziellen Bewerbenden untersuchten die Forschenden, welche Wahrnehmungen hinter dem Abbruch stehen. Die Teilnehmenden sahen hypothetische Einladungen zu einem Live-Online-Interview oder zu einem asynchronen Video-Interview. Danach wurden sie gefragt, wie wahrscheinlich sie teilnehmen würden und wie sie das Verfahren einschätzen.
Zwei Faktoren waren entscheidend:
- Asynchrone Interviews wirken weniger exklusiv. Die Teilnehmenden gingen davon aus, dass bei diesem Verfahren deutlich mehr Bewerbende eingeladen werden. Beim Live-Online-Interview glaubten sie, dass 21 Prozent der Bewerbenden eingeladen würden. Beim asynchronen Interview erwarteten sie 35 Prozent. Das Verfahren signalisiert also: Hier sind noch sehr viele im Rennen.
Das verändert die innere Rechnung. Wer glaubt, nur eine von vielen aufgezeichneten Antworten abzuliefern, schätzt die eigene Erfolgschance geringer ein. Warum Zeit investieren, wenn die Einladung kaum als echtes Interesse des Unternehmens gilt? - Asynchrone Interviews erscheinen weniger fair. Live-Online-Interviews erhielten bei der wahrgenommenen Fairness im Schnitt 7,84 von 10 Punkten. Asynchrone Interviews kamen nur auf 6,64 Punkte.
Fairness ist hier kein Nebenthema. Sie beeinflusst, ob Menschen mitmachen. Wer den Prozess als unfair erlebt, steigt eher aus – nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil das Verfahren etwas über den Arbeitgeber verrät.
Recruiting ist auch ein Signal
Genau darin liegt der blinde Fleck vieler Effizienzdebatten. Unternehmen betrachten automatisierte Interviews oft aus ihrer eigenen Perspektive: weniger Termine, geringere Kosten, schnellere Vorauswahl, standardisierte Bewertung. Bewerbende sehen etwas anderes. Sie fragen sich: Nimmt dieses Unternehmen mich ernst? Hat hier wirklich jemand Interesse an mir? Oder werde ich in ein Massensystem eingespeist? Wird meine Antwort sorgfältig geprüft? Habe ich überhaupt eine realistische Chance?
Ein asynchrones Interview ist deshalb nie nur ein Tool. Es ist ein Signal. Es sagt etwas über die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Bewerbende. Und dieses Signal kann abschrecken – besonders dann, wenn Unternehmen das Verfahren schlecht erklären. Wer nur einen Link zu einem Video-Interview verschickt, ohne Kontext, ohne Auswahlkriterien, ohne klare nächste Schritte, produziert Unsicherheit. Bewerbende sollen Zeit investieren, erhalten aber wenig Rückmeldung. Sie sprechen in eine Kamera, nicht mit einem Menschen. Für viele wirkt das unpersönlich, austauschbar und riskant. Das heißt nicht, dass asynchrone Interviews grundsätzlich ungeeignet sind. Aber sie sind kein neutraler Ersatz für ein Gespräch.
Was KI besser kann als Menschen
So kritisch die Studie die Wirkung asynchroner Interviews beschreibt, so differenziert fällt ihr Urteil über KI-Bewertungen aus. Denn wenn Bewerbende das Interview absolvieren, zeigt die KI bemerkenswerte Stärken. Das untersuchte System bewertete ausschließlich die Transkripte der Antworten. Es analysierte keine Gesichter, keine Stimme, keine Körpersprache und keine Videohintergründe. Die Antworten wurden verschriftlicht und anhand von Kriterien wie Kommunikation, Anpassungsfähigkeit, Problemlösen, Verlässlichkeit, Gelassenheit, Zielorientierung und Beziehungsaufbau bewertet. Auch die menschlichen Recruiter bewerteten die Interviews nach denselben Kriterien. Die Studie verglich also zwei strukturierte Bewertungsverfahren anhand desselben Materials.
Das Ergebnis: Die KI bewertete Frauen und unterrepräsentierte ethnische Minderheiten besser als die menschlichen Bewertenden. Menschen bewerteten Männer sowie weiße und asiatische Bewerbende im Vergleich besser. Das wirkte sich auf die Shortlists aus. KI-generierte Listen enthielten mehr als zehn Prozentpunkte mehr Frauen und mehr als sieben Prozentpunkte mehr Kandidat:innen aus unterrepräsentierten Gruppen als menschlich erstellte Listen. Gerade am oberen Ende des Bewertungsfeldes ist das relevant. Dort entscheidet sich, wer in die nächste Runde kommt.
Die Maschine war treffsicherer
Noch bemerkenswerter ist ein weiterer Befund: Die KI-Scores sagten spätere Arbeitsmarkterfolge besser voraus als menschliche Bewertungen. Die Forschenden verknüpften die Bewerbungen rund zwölf Monate später mit öffentlich verfügbaren LinkedIn-Profilen. Sie prüften, ob Kandidat:innen eine neue Stelle oder Rolle gefunden hatten, ob zuvor Arbeitslose wieder beschäftigt waren und welches Senioritätsniveau ihre spätere Position hatte. Die KI-Bewertungen waren dabei mindestens doppelt so aussagekräftig wie menschliche Bewertungen oder CV-basierte Kennzahlen. Das spricht dafür, dass das System Signale erfasste, die Menschen eher übersehen – etwa in der Struktur, Substanz oder Konsistenz der Antworten.
Auch die Analyse möglicher Verzerrungen fällt für die menschlichen Bewertenden ernüchternd aus. Die Studie fand Hinweise auf Tageszeit-Effekte: Bewertungen und deren Aussagekraft veränderten sich im Verlauf des Arbeitstages. Außerdem zeigte sich ein Anker-Effekt. Menschen orientierten sich stärker an der ersten Antwort und bewerteten spätere Antworten ähnlicher. Hinzu kam eine Tendenz zur Bewertungskompression. Viele menschliche Scores lagen eng beieinander, fast die Hälfte zwischen 3 und 4 auf einer 5-Punkte-Skala. Dadurch werden Unterschiede zwischen Kandidat:innen unschärfer.
Die KI bewertete stabiler, unabhängiger und differenzierter. Das ist kein Freibrief für KI im Recruiting. Aber es ist ein ernst zu nehmender Befund. Menschen sind nicht automatisch fairer, nur weil sie Menschen sind. Und KI ist nicht automatisch schlechter, nur weil sie automatisiert bewertet.
Der eigentliche Fehler liegt im Prozess
Die Studie führt zu einer Doppelbotschaft. KI kann in der Bewertung abgeschlossener Interviews besser abschneiden als Menschen. Gleichzeitig sorgt das automatisierte Interviewformat dafür, dass viele geeignete Menschen gar nicht erst bewertet werden. Das ist das zentrale Problem. Unternehmen können also ein besseres Bewertungssystem einsetzen – und trotzdem schlechter rekrutieren, wenn der Prozess vorher gute Kandidat:innen vertreibt.
Genau hier liegt die wirtschaftliche Gegenposition zur Automatisierungseuphorie. Ja, asynchrone Interviews senken Aufwand. Ja, KI kann Bewertungen strukturieren. Ja, Unternehmen können dadurch schneller arbeiten. Doch wenn qualifizierte Bewerbende aussteigen, entstehen neue Kosten: kleinere Talentpools, geringere Vielfalt, schlechtere Auswahl, längere Besetzungen an anderer Stelle. Effizienz ist nur dann ein Vorteil, wenn sie nicht die Qualität beschädigt.
Was Unternehmen jetzt anders machen sollten
Die Studie liefert keine einfache Regel nach dem Muster: KI gut, asynchrone Interviews schlecht. Sie zeigt vielmehr, dass Unternehmen genauer unterscheiden müssen. KI kann dort sinnvoll sein, wo sie abgeschlossene Interviews anhand klarer Kriterien auswertet und ihre Ergebnisse überprüfbar bleiben. Sie kann menschliche Verzerrungen reduzieren, Unterschiede präziser sichtbar machen und womöglich Kandidat:innen erkennen, die im klassischen Verfahren unterschätzt würden.
Asynchrone Interviews dagegen brauchen mehr Sorgfalt. Sie sollten nicht als billige Massenschleuse dienen. Wer sie nutzt, muss erklären, warum das Verfahren gewählt wurde, wie viele Personen ungefähr eingeladen werden, welche Kriterien zählen, wer oder was bewertet und wie es danach weitergeht. Wichtig ist auch der Zeitpunkt, Ein asynchrones Interview ganz am Anfang des Prozesses kann abschrecken, weil Bewerbende noch keine Beziehung zum Unternehmen aufgebaut haben. Später im Verfahren, nach einer klareren Vorauswahl oder persönlicher Ansprache, kann dieselbe Hürde anders wirken.
Auch das Format zählt. In der Studie hatten Audio-Interviews etwas geringere Abschreckungseffekte als Video-Interviews. Der Unterschied erklärt zwar nur einen kleineren Teil des Gesamtabbruchs, ist aber praktisch relevant. Unternehmen sollten also nicht automatisch auf Video setzen, nur weil es technisch möglich ist. Vor allem sollten Arbeitgeber messen, wer aussteigt – nicht nur, wie viele. Entscheidend ist die Frage: Verlieren wir bestimmte Gruppen? Verlieren wir besonders erfahrene Menschen? Verlieren wir Bewerberinnen? Verlieren wir die, die wir eigentlich dringend brauchen? Ohne diese Analyse bleibt Automatisierung ein Blindflug.
Nicht alles, was effizient wirkt, ist klug
Recruiting ist kein reiner Sortierprozess. Es ist eine Beziehung auf Probe. Bewerbende bewerten das Unternehmen genauso, wie das Unternehmen sie bewertet. Die Studie zeigt, wie riskant es ist, diese zweite Seite zu unterschätzen. Asynchrone Interviews können Bewerbungsprozesse verschlanken. Sie können aber auch Misstrauen erzeugen, gute Kandidat:innen abschrecken und den Bewerbendenpool zulasten von Frauen verschieben. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass KI-Bewertungen menschlichen Urteilen in bestimmten Punkten überlegen sein können. Sie waren stabiler, differenzierter und aussagekräftiger für spätere Arbeitsmarkterfolge. Das macht KI nicht unfehlbar. Aber es stellt die Selbstgewissheit menschlicher Auswahl infrage.
Die wichtigste Lehre lautet deshalb: Unternehmen sollten nicht fragen, wie sie möglichst viel Recruiting automatisieren können. Sie sollten fragen, an welcher Stelle Automatisierung Qualität erhöht – und an welcher Stelle sie Vertrauen zerstört. Wer KI klug nutzt, trifft bessere Entscheidungen. Wer sie schlecht einbettet, verliert Menschen, bevor die Entscheidung überhaupt beginnt.

