Wechselstimmung trotz Zufriedenheit im Job

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Die aktuelle Studie “Techumanity 24” zeigt: Obwohl die meisten Beschäftigten mit ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, denken über 80 Prozent über einen Jobwechsel nach. Ein Grund dafür sind die austauschbaren Sinnperspektiven der Arbeitgeber.

Immer mehr Beschäftigte entkoppeln sich emotional von ihrem Unternehmen. Das zeigt die aktuelle Arbeitsmarkt-Studie “Techumanity 24”. Für die repräsentative Studie befragte das Marktforschungsunternehmen Trendence im Auftrag von EMBRACE 15.657 Arbeitnehmer:innen und Absolvent:innen bundesweit. Obwohl 86 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit ihrem Arbeitgeber zufrieden sind, sind fast ebenso viele (84,1 Prozent) offen für einen Wechsel. Zwar suchen nur 14 Prozent aktiv nach einem neuen Job, aber 70,1 Prozent sind passiv ansprechbar (36 Prozent) oder gelegentlich auf Jobsuche (34,1 Prozent).


Für die repräsentative Studie “Techumanity 2024” wurden 15.657 Menschen bundesweit befragt. Sie wurde von Januar bis April 2024 vom HR-Marktforschungsunternehmen Trendence durchgeführt. Die Teilnahme erfolgte ausschließlich online. Die Teilnehmenden setzen sich aus 3.542 Studierenden, 4.576 Beschäftigten mit akademischer Ausbildung sowie 7.549 Fachkräften ohne akademischen Hintergrund zusammen. So bildet die Studie den kompletten Arbeitsmarkt ab. 57 Prozent der Teilnehmenden waren dabei Männer, 43 Prozent Frauen.


Ein Grund für diese drohende Fluktuation: Viele Beschäftigte sehen keinen Sinn in ihrer aktuellen Tätigkeit. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) der Befragten gibt an, dass sie die Sinnperspektive ihres Arbeitgebers nicht auf ihre Arbeit übertragen können. Weitere 30 Prozent finden die Verbindung zwischen Job und Unternehmenszweck schwierig und unklar. Nur 10,1 Prozent der Befragten betrachten einen sinnhaften Unternehmenszweck als wichtigstes Kriterium bei einem Arbeitgeberwechsel.

Austauschbare Sinnperspektiven verstärken emotionale Distanz

Die Studie zeigt auch, dass viele deutsche Arbeitgeber mit austauschbaren und generischen Unternehmenszwecken agieren. So geben 25,2 Prozent der Befragten an, dass ihr Unternehmen allgemein Menschen helfen will. 16,6 Prozent nennen Nachhaltigkeits- und Klimathemen, 15,1 Prozent sehen den Zweck ihres Arbeitgebers in Innovation und Forschung, und 9,1 Prozent arbeiten für ein Unternehmen, das eine bessere Zukunft anstrebt. Obwohl sich 86,2 Prozent der Mitarbeitenden mit diesen Sinnperspektiven identifizieren können, führt dies laut den Studieninitiator:innen nicht zu einer emotionalen Bindung zum Unternehmen.

“Wir erkennen anhand unserer Daten, dass sich Beschäftigte immer mehr von ihrem Unternehmen und dessen mühsam entwickelten, aber oft zu generischen Purpose entfernen. Eine Folge davon ist die ausgeprägte und für Arbeitgeber besorgniserregende Wechselstimmung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Diese bedingt, dass sich Arbeitgeber deutlich mehr als bislang auf die individuellen Bedürfnisse von Bewerber:innen und Mitarbeitenden einstellen müssen”, interpretiert Gero Hesse, CEO von EMBRACE, die Ergebnisse der Studie.


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Prof. Dr. Anja Lüthy, Gründerin des Frauennetzwerkes #FemaleHRexcellence und wissenschaftliche Begleiterin der Studie, stimmt zu: “Betrachten wir Purpose, geht es um die Lebensphase und individuelle Situation. Benefits und Incentives sollten ‚a la carte‘ angeboten werden, es geht um individuelle Fürsorge. Um hier als Unternehmen die passenden Kandidat:innen zu finden, sind Purpose Matching Tests notwendig. Erwartungshaltungen können standardisiert abgefragt werden. Hier muss geklärt werden, bis zu welchen Detailgrad das ein Unternehmen leisten kann, und genau hier kommt KI wieder ins Spiel.”

Künstliche Intelligenz übernimmt Bewerbungsprozess

Parallel zur emotionalen Entfremdung vieler Beschäftigter erkennen die Arbeitsmarktforscher:innen eine steigende Nutzung von KI-Tools im Bewerbungsprozess. Diese Technologie wird als Partner verstanden. Zur Beschleunigung des Zusammenfindens von Arbeitgeber und Kandidat:innen setzen letztere auf KI, um schnell und qualitativ gut voranzukommen. ChatGPT & Co sollen vor allem bei kleineren, zeitintensiven Aufgaben des Bewerbungsprozesses unterstützen. Fast die Hälfte der Befragten sieht die Suche nach passenden Stellenanzeigen als Aufgabe von KI-Technologie. Arbeitgeber müssen davon ausgehen, dass ein Großteil der schriftlichen Bewerbungskorrespondenz von ChatGPT & Co. erstellt wird. 44,3 Prozent der Teilnehmenden mit akademischem Hintergrund gehen so vor oder können es sich zumindest vorstellen.

“KI-Tools stärken die Bewerbenden. Diese werden als so etwas wie ein verlässlicher Gefährte im Bewerbungsprozess verstanden. Wer sich als Arbeitgeber nicht mit den neuen Technologien auseinandersetzt und diese für Recruiting einsetzt, wird es zunehmend schwer bei der Mitarbeitenden-Gewinnung haben”, so Trendence-Geschäftsführer Robindro Ullah zu den Ergebnissen.

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