Wenn Homeoffice Rollen sichtbar macht – und verändert

Blick vom Schreibtisch auf Skyline

Homeoffice ändert Rollen nicht von selbst – es verstärkt sie. Eine aktuelle Studie belegt: Nur mit egalitären Einstellungen wird Homeoffice zum Antrieb für echte Gleichstellung. Ohne kulturellen Wandel bleibt die Wirkung aus.

Als Homeoffice zum Massentest wurde, stand eine leise Frage im Raum: Bricht die neue Flexibilität alte Rollenmuster auf oder zementiert sie sie? Viele hofften, Männer würde im Homeoffice automatisch mehr Care-Arbeit übernehmen und Frauen entlasten. Doch die Studie „Telecommuting and division of domestic work: the role of gender role attitudes in Germany“ von Olga Leshchenko und Heejung Chung zeichnet ein differenziertes Bild. Sie zeigt: Nicht das Arbeitsmodell entscheidet über Gleichstellung, sondern die Haltung, mit der Menschen es nutzen.

Über 13 Jahre hinweg sammelte das deutsche Family Panel (pairfam) 12.472 Beobachtungen. Diese Langzeitperspektive bietet einen selten klaren Blick darauf, wie Telearbeit, Einstellungen und familiäre Arbeitsteilung einander beeinflussen. Das Ergebnis ist ernüchternd und ermutigend zugleich: Homeoffice gleicht nicht aus, es verstärkt. Es verstärkt, was bereits da ist – ob starre Traditionen oder egalitäre Überzeugungen.

Die Einstellung zur Geschlechterrolle macht den Unterschied

Zu Beginn der Erhebung, lange vor der Pandemie, war Homeoffice ein Privileg weniger. Frauen nutzten es häufiger als Männer, meist um Beruf und Familie zu vereinbaren. Doch diese Nutzung führte oft nicht zu mehr Gleichstellung, sondern zu einer stärkeren Bindung an Haus- und Sorgearbeit. Männer im Homeoffice hielten dagegen oft an traditionellen Mustern fest: Sie konzentrierten sich auf Erwerbsarbeit, während Care-Aufgaben an den Frauen hängenblieben.

Mit der Pandemie änderte sich der Kontext abrupt. Plötzlich arbeiteten breite Teile der Bevölkerung von zu Hause. Das Stigma, das Homeoffice bei Männern als Zeichen mangelnder Ambition galt, verschwand. Die Studie zeigt: Genau in diesem Moment wurde sichtbar, was den Unterschied ausmacht – die Einstellung zur Geschlechterrolle.

Egalitäre Werte verändern Verhalten

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtMänner mit egalitären Überzeugungen passten ihr Verhalten an. Sie nutzten die Nähe, um sich stärker an der Kinderbetreuung zu beteiligen, Termine zu koordinieren und Betreuungslücken zu schließen. Für sie bot Homeoffice die Chance, Verantwortung neu zu verteilen – und das sichtbar. Männer mit traditionellen Rollenbildern blieben dagegen in alten Mustern. Selbst bei geschlossenen Schulen und voller Betreuungslast im Haushalt änderte sich ihr Verhalten kaum. Sie arbeiteten, ihre Partnerinnen betreuten.

Die Studie zeigt nicht nur Unterschiede zwischen Männern, sondern auch Veränderungen innerhalb derselben Männer über die Zeit. Einstellungen bleiben erstaunlich stabil, doch Verhalten kann sich ändern – wenn Gleichstellung als persönlicher Wert begriffen wird. Das ist entscheidend: Homeoffice verändert nichts automatisch, aber es schafft Spielräume. Wie diese genutzt werden, hängt davon ab, wie Menschen Gleichberechtigung denken.

Partnerschaftlicher Alltag durch Homeoffice

Auch bei Frauen zeigt die Studie klare Muster. Egalitär eingestellte Frauen veränderten ihre Care-Arbeit im Homeoffice kaum, da sie bereits zuvor viel übernommen hatten. Traditionell eingestellte Frauen hingegen trugen oft noch mehr Verantwortung – und riskierten Überlastung. Für sie verstärkte Homeoffice die Doppelbelastung aus Erwerbs- und Sorgearbeit. Das beeinträchtigt ihre berufliche Entwicklung: Wer ständig zwischen Videocalls, Kinderbetreuung und Haushalt pendelt, verliert Erholungszeiten, Konzentration und langfristig Karrierechancen.

Doch die Studie zeigt auch, dass es anders geht. Männer mit egalitären Einstellungen übernehmen im Homeoffice langfristig mehr Verantwortung und verschieben damit Strukturen. Während traditionelle Paare ihre Arbeitsteilung kaum ändern, eröffnet egalitäres Denken die Möglichkeit echten Wandels. Männer, die Gleichberechtigung als Teil ihres Selbstverständnisses sehen, nutzen Telearbeit, um Care-Arbeit aktiv zu übernehmen. Für Paare mit solchen Überzeugungen wird Homeoffice zur Ressource: Es ermöglicht eine partnerschaftlichere Organisation des Alltags, entlastet Frauen und stärkt beide beruflich.


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Telearbeit als kulturelles Instrument

Telearbeit wirkt nicht als strukturelles, sondern als kulturelles Instrument. Sie entfaltet ihre Wirkung nicht durch Einführung, sondern durch gelebte Praxis. Die Forscher:innen zeigen: Selbst in belastenden Situationen wie der Pandemie waren nicht die Arbeitsbedingungen entscheidend, sondern die Frage, wie Paare Rollen wahrnehmen und gestalten.

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Wer Gleichstellung fördern will, muss Homeoffice nicht nur technisch, sondern kulturell verankern. Es reicht nicht, flexible Modelle anzubieten und auf selbstregulierende Effekte zu hoffen. Solange traditionelle Leitbilder dominieren, bleibt die Wirkung aus. Erst wenn Führungskräfte moderne Rollenbilder vorleben, Teams flexible Arbeitszeiten respektieren und Männer Care-Verantwortung sichtbar übernehmen, entstehen der Wandel, den die Gesellschaft braucht.

Homeoffice: Test für eine moderne Arbeitskultur

Homeoffice wird so zum Lackmustest der Arbeitskultur. Es zeigt, wie Organisationen Leistung, Präsenz und Verantwortung definieren. Scheitert ein Unternehmen daran, ein gleichberechtigtes Umfeld zu schaffen, verschärft Homeoffice Ungleichheiten. Gelingt es, ermöglicht die räumliche Flexibilität eine neue, partnerschaftliche Organisation des Alltags.

Die Studie ist mehr als eine Analyse zur Care-Arbeit. Sie spiegelt unsere Vorstellungen von Arbeit, Verantwortung und Gleichstellung. Und sie stellt eine entscheidende Frage: Soll Homeoffice nur Bequemlichkeit bieten – oder Zukunft gestalten? Erst wenn Einstellungen sich öffnen, kann Flexibilität wirken. Dann wird Homeoffice zu dem, was es sein könnte: ein Werkzeug für eine gerechtere, resilientere und moderne Arbeitswelt.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.