Angst vor dem Scheitern belastet Gründer:innen beim Pitch. Entscheidend ist aber die Art der Leidenschaft: Sie kann schützen oder zur Selbstfessel werden.
Gründen gilt als Zeichen von Mut. Doch die Studie „The dualistic regulatory effect of passion on the relationship between fear of failure and negative affect: Insights from facial expression analysis“ von Silvia Stroe, Charlotta Sirén, Dean Shepherd und Joakim Wincent zeigt eine unbequeme Wahrheit: In der Frühphase eines Unternehmens zählt nicht nur die Geschäftsidee, sondern auch die emotionale Verfassung der Gründer:innen. Wer Angst vor dem Scheitern hat, spürt in kritischen Situationen mehr negative Gefühle. Diese Angst wirkt jedoch nicht allein. Leidenschaft kann sie dämpfen – oder verstärken.
Die Studie blickt auf die frühen Gründungsphasen, wenn Unsicherheit herrscht, Fehler häufig sind und der Druck steigt. In dieser Zeit hängen viele Entscheidungen fast vollständig an den Gründer:innen: Sie sichern die Finanzierung, entwickeln Prototypen, bauen Teams auf, stellen Mitarbeitende ein, beschaffen Ausrüstung und wählen den richtigen Zeitpunkt für die Vollzeitgründung. Diese Aufgaben verbinden wirtschaftliches Risiko mit persönlicher Bewertung. Scheitert das Vorhaben, steht nicht nur das Geschäftsmodell infrage. Viele Gründer:innen empfinden das Scheitern als Urteil über die eigene Kompetenz.
Angst vor dem Scheitern verstärkt negative Gefühle
Hier setzt die Studie an. Sie fragt nicht, was nach dem Scheitern passiert, sondern: Was geschieht emotional, während Gründer:innen typische Aufgaben bewältigen? Die Forschenden wählen Pitching-Wettbewerbe als Untersuchungsraum – ein kluger Schachzug. Ein Pitch ist kein neutraler Vortrag, sondern Wettbewerb, Vergleich und öffentliche Prüfung der Kompetenz. Jury und Publikum bewerten Produkt, Marktpotenzial, Traktion, Team und Investitionsreife. Für Gründer:innen mit starker Angst vor dem Scheitern löst diese Situation innere Muster aus, die mit Scham, Schuld, Unwürdigkeit oder dem Gefühl globaler Inkompetenz einhergehen.
Die zentrale Erkenntnis: Angst vor dem Scheitern verstärkt negative Affekte wie Angst, Sorge, Anspannung, Ärger, Traurigkeit, Furcht oder Ekel. Die Studie belegt diesen Zusammenhang in zwei Feldstudien. In der ersten nahmen 88 Gründer:innen an einem deutschen Start-up-Wettbewerb teil. Die Forschenden erfassten die negative Gefühlslage während der zehntägigen Bewertungsphase per Selbstauskunft. In der zweiten Feldstudie untersuchten sie 85 Gründer:innen bei einem Pitch in Finnland. Hier erhoben sie die unabhängigen Variablen vor dem Pitch; die negativen Affekte während des Pitches analysierten sie per Videoaufnahmen und Gesichtsausdrucksanalyse. Sie werteten Ausdrucksmuster für Ärger, Traurigkeit, Furcht und Ekel aus.
- „Unsere Leidenschaft war größer, als die Angst zu scheitern“
- „’Einfach machen’ wird bei uns sehr stark gelebt“
- Unternehmertum ist keine Typfrage
Leidenschaft ist nicht automatisch gut
Damit verlässt die Studie den bequemen Raum der nachträglichen Selbstauskunft. Sie beobachtet emotionale Reaktionen dort, wo sie entstehen: im Moment der Bewertung. Das ist wirtschaftlich relevant, weil negative Affekte laut Studie nicht nur das Innenleben der Gründer:innen betreffen. Sie können Chancenwahrnehmung, Bewertung und Nutzung unternehmerischer Gelegenheiten beeinträchtigen, Lernen hemmen, Ziele verengen, Rückzug fördern und nach Misserfolg die Bereitschaft senken, erneut anzutreten. Sie können auch auf Teams, Mitarbeitende, Investor:innen und Kund:innen überspringen. In Pitch-Situationen kann eine negative Ausstrahlung dazu führen, dass Investor:innen Motive ungünstiger deuten und stärker auf negative Informationen achten.
Der entscheidende Beitrag der Studie liegt in der Unterscheidung zweier Formen von Leidenschaft. Leidenschaft ist nicht automatisch gut. Die Forschenden unterscheiden harmonische und obsessive Leidenschaft.
Die Qualität der Leidenschaft zählt
Harmonische Leidenschaft entsteht, wenn Gründer:innen ihre Tätigkeit freiwillig und stimmig in die eigene Identität integrieren. Sie handeln aus Interesse an der Aufgabe selbst: weil sie herausfordert, Freude bereitet, Bedeutung stiftet. Entrepreneurship ist wichtig, aber nicht alles. Die Tätigkeit dominiert nicht das gesamte Selbstbild. Wer harmonisch leidenschaftlich gründet, bleibt eher handlungsfähig, wenn eine Bewertungssituation bedrohlich wird. Fehler bedrohen nicht sofort den ganzen Menschen.
Die Studie bestätigt diese Schutzfunktion. In beiden Feldstudien schwächt harmonische Leidenschaft den Zusammenhang zwischen Angst vor dem Scheitern und negativer Gefühlslage. Anders gesagt: Gründer:innen mit hoher Angst vor dem Scheitern geraten emotional weniger stark unter Druck, wenn ihre Leidenschaft harmonisch ist. Sie konzentrieren sich stärker auf die Aufgabe, reagieren flexibler und bleiben weniger an Fehlern hängen. Für Gründerteams, Investor:innen und Förderinstitutionen ist das eine wichtige Botschaft. Nicht maximale Leidenschaft zählt, sondern ihre Qualität.
Der Pitch wird zur Prüfung des eigenen Wertes
Obsessive Leidenschaft folgt einer anderen Logik. Sie entsteht aus Druck, aus dem Bedürfnis nach Anerkennung, Selbstwertsicherung oder Überlegenheit. Die unternehmerische Tätigkeit nimmt dann einen übermächtigen Platz in der Identität ein. Der Pitch wird nicht mehr nur zur Prüfung des Geschäftsmodells, sondern zur Prüfung des eigenen Wertes. Wer so gründet, schützt weniger eine Idee als ein fragiles Selbstbild.
Die Studie erwartet deshalb, dass obsessive Leidenschaft negative Affekte verstärkt. In Feldstudie 1 bestätigt sich das: Je stärker die obsessive Leidenschaft, desto stärker erhöht Angst vor dem Scheitern die negative Gefühlslage. Doch Feldstudie 2 zeigt ein anderes Bild. Dort schwächt obsessive Leidenschaft den Zusammenhang zwischen Angst vor Scheitern und negativen Gesichtsausdrücken. Die Forschenden sprechen deshalb von gemischter Evidenz. Das ist ein wichtiger Befund. Er verhindert die einfache Managementparole: „Obsessive Leidenschaft ist schlecht.“ Die Beziehung ist komplexer.
Zwischen emotionaler Performance und ökonomischer Substanz unterscheiden
Hier lohnt die wirtschaftliche Gegenposition. Unternehmen entstehen nicht aus emotionaler Ausgeglichenheit allein. Die Studie selbst betont, dass Angst vor dem Scheitern nicht nur lähmen muss. Sie kann auch dazu führen, nach neuen Lösungen zu suchen, Lernen zu fördern, Anstrengungen zu steigern und sich stärker zu engagieren. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es naiv, jede Form von Angst und Druck aus dem Gründungsgeschehen zu verbannen. Wettbewerb, Bewertung und hohe Ansprüche haben eine Funktion. Sie selektieren, schärfen und zwingen zur Präzision.
Auch Investor:innen können aus der Studie keinen einfachen Schluss ziehen. Ein emotional souveräner Pitch ist wertvoll, aber er ersetzt keine Prüfung von Produkt, Markt, Traktion, Team und Investitionsreife. Die Studie zeigt, dass negative Affekte Bewertungen beeinflussen können. Sie zeigt nicht, dass ein positiver Eindruck ein besseres Unternehmen beweist. Gerade deshalb müssen Investor:innen zwischen emotionaler Performance und ökonomischer Substanz unterscheiden.
Ein fehlender Gesichtsausdruck beweist nicht zwingend das Fehlen eines Gefühls
Für Gründer:innen liegt die praktische Konsequenz tiefer. Es reicht nicht, „mehr Leidenschaft“ zu fordern. Entscheidend ist, ob die Leidenschaft trägt oder treibt. Harmonische Leidenschaft schafft Distanz zur eigenen Rolle, ohne das Engagement zu schwächen. Sie erlaubt, einen verlorenen Wettbewerb als Ereignis zu sehen, nicht als Identitätsurteil. Sie hilft, Kritik aufzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Sie macht es wahrscheinlicher, dass Gründer:innen in Drucksituationen nicht nur ihr Scheitern antizipieren, sondern ihre Chancen erkennen.
Die Grenzen der Studie bleiben wichtig. Beide Feldstudien untersuchen Pitching-Wettbewerbe. Das sind typische, aber besondere Situationen: öffentlich, kompetitiv, stark evaluativ. Daraus folgt nicht automatisch, dass dieselben Effekte in allen Gründungskontexten gleich wirken. Die Stichproben sind mit 88 und 85 Personen solide für Feldstudien, aber nicht groß. Zudem misst die zweite Studie negative Affekte über Gesichtsausdrücke mit algorithmischer Analyse. Das ist innovativ und reduziert die Schwächen reiner Selbstauskunft, bleibt aber eine Annäherung: Ein fehlender Gesichtsausdruck beweist nicht zwingend das Fehlen eines Gefühls.
Frühes Unternehmertum braucht emotionale Regulationsfähigkeit
Trotzdem trifft die Studie einen Kern moderner Gründungsarbeit. Sie zeigt, dass frühes Unternehmertum nicht nur Kapital, Markt und Technologie braucht, sondern emotionale Regulationsfähigkeit. Wer gründet, muss die Bewertung leben. Wer investiert, muss emotionale Signale einordnen. Wer Start-ups begleitet, sollte nicht Leidenschaft romantisieren.
Die stärkste Botschaft lautet: Angst vor dem Scheitern verschwindet nicht durch Pathos. Sie wird steuerbar, wenn Leidenschaft nicht zur Selbstfessel wird. Harmonische Leidenschaft ist kein weicher Wohlfühlfaktor. Sie ist ein ökonomischer Schutzmechanismus. Sie hält Gründer:innen in jenen Momenten handlungsfähig, in denen Unsicherheit, Risiko und öffentliche Bewertung zusammenfallen. Genau dort entscheidet sich oft, ob aus einer Idee ein Unternehmen wird.

