Eine aktuelle BiB-Studie zeigt: Der Fachkräftemangel betrifft nicht nur die Besetzung von Stellen. Besonders in Ausbildungsberufen klaffen immer größere Lücken – vor allem bei Lesekompetenz und IT-Kenntnissen.
Seit Jahren klagt der Arbeitsmarkt über unbesetzte Stellen. Die Studie „Kompetenzlücken in Engpassberufen“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) lenkt den Blick jedoch weiter. Sie fragt nicht nur, wo Fachkräfte fehlen, sondern auch, welche Kompetenzen die Besetzung offener Stellen mit sich bringt. Genau hier liegt ihre Brisanz: Engpässe sind nicht nur ein Mengenproblem, sondern auch ein Qualitätsproblem.
Die Ausgangslage ist eindeutig. Laut Studie passen die Kompetenzen vieler Erwerbstätiger oft nicht zu den Anforderungen ihrer Arbeit. In einem dynamischen Arbeitsmarkt ist eine perfekte Übereinstimmung zwar unrealistisch. Doch je größer die Engpässe, desto stärker geraten Betriebe unter Druck, Stellen trotzdem zu besetzen. Die Folge: Arbeitgeber machen häufiger Abstriche bei der Passung. Die Studie beschreibt diesen Mechanismus klar: Wo zu wenige geeignete Bewerber:innen auf viele offene Stellen treffen, wird der Kompromiss zur Regel.
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Schnelligkeit vor Passgenauigkeit
Hier beginnt die eigentliche Geschichte der Untersuchung. Der Fachkräftemangel zwingt Betriebe womöglich, schneller zu besetzen, statt passend zu besetzen. Die Studie stützt sich auf Daten der NEPS-Erwachsenenkohorte von 2021. Sie betrachtet abhängig Beschäftigte zwischen 35 und 65 Jahren mit mindestens 15 Wochenstunden. Selbstständige, Praktika, studentische Tätigkeiten, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und saisonale Jobs bleiben außen vor. Kompetenzlücken misst die Studie testbasiert: Eine Lücke liegt vor, wenn das Kompetenzniveau einer Person in Lesen, Mathematik oder Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) deutlich unter dem Durchschnitt vergleichbarer Erwerbstätiger im selben Beruf und auf demselben Anforderungsniveau liegt – konkret um mehr als eine halbe Standardabweichung. Engpässe definiert die Studie anhand der Engpassberufe der Bundesagentur für Arbeit von 2021.
Die Studie vergleicht Beschäftigte nicht mit Idealprofilen, sondern mit realen Referenzgruppen im selben Beruf. Sie fragt: Wer liegt in seinen Kompetenzen deutlich unter dem, was in diesem Beruf üblich ist? Dieser pragmatische Ansatz hat jedoch eine Schwäche: Er misst nicht die Anforderungen eines konkreten Arbeitsplatzes, sondern einen statistischen Durchschnittswert innerhalb der Berufsgruppe. Die Studie selbst nennt dies einen „statistischen Ansatz“. Er ist sinnvoll, bleibt aber eine Annäherung.
Kompetenzlücken in Engpassberufen häufiger als in anderen Berufen
Die Ergebnisse sind differenzierter, als viele Debatten vermuten lassen. Über alle Berufe hinweg treten Kompetenzlücken in Engpassberufen (z. B. Bau, Handwerk, Verkauf, Pflege) tendenziell häufiger auf als in Nichtengpassberufen (z. B. kaufmännische Tätigkeiten, Vertrieb). Die Anteile liegen bei 29,7 Prozent im Lesen, 28,9 Prozent in Mathematik und 26,1 Prozent in IKT. Beim Vergleich von Engpass- und Nichtengpassberufen zeigen sich höhere Werte in Engpassberufen: Im Lesen 32,3 statt 28,9 Prozent, in IKT 29,3 statt 25,1 Prozent. In Mathematik gibt es kaum Unterschiede: 28,5 gegenüber 29,1 Prozent. Diese Unterschiede sind jedoch meist nicht statistisch signifikant.
Ein klareres Bild ergibt sich, wenn man die Berufe nach Anforderungsniveau trennt. In Berufen, die eine Berufsausbildung erfordern, treten Kompetenzlücken in Engpassberufen deutlich häufiger auf. Besonders auffällig ist der Bereich IKT: 34,9 Prozent der Beschäftigten in Engpassberufen mit Berufsausbildung weisen hier Lücken auf, gegenüber 24,6 Prozent in Nichtengpassberufen. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant. Im Lesen liegen die Werte bei 33,5 gegenüber 27,2 Prozent, wobei der Abstand hier nicht signifikant ist. In Mathematik ist die Differenz geringer.
Ein Nerv der Transformation
Noch deutlicher wird das Muster in den Regressionsmodellen. Berücksichtigt man Merkmale wie Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund, Bildungsabschluss, Fachbereich, Berufssektor, öffentlicher Dienst und Arbeitsort in Ostdeutschland, zeigt sich: Beschäftigte in Engpassberufen haben nur im Bereich IKT eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für Kompetenzlücken – um 4,6 Prozentpunkte. Trennt man jedoch nach Anforderungsniveau, steigt das Risiko in Berufen mit Berufsausbildung signifikant: Im Lesen um 7,8 Prozentpunkte, in IKT sogar um 12,8 Prozentpunkte. Für Berufe mit höherer Qualifikation findet die Studie hingegen keine eindeutigen Muster oder signifikanten Zusammenhänge. Das Fazit: Nicht der gesamte Engpassarbeitsmarkt ist problematisch, sondern vor allem das Segment der beruflich qualifizierten Tätigkeiten.
Diese Differenz ist wirtschaftlich bedeutsam. Gerade in Bereichen, in denen Deutschland auf berufliche Ausbildung, Facharbeit und operative Exzellenz setzt, zeigen sich größere Passungsrisiken. Die Kompetenzlücken betreffen dabei weniger Mathematik, sondern vor allem Lesen sowie den Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Studie trifft damit einen Nerv der Transformation. Lesen bedeutet hier nicht nur das Verstehen von Texten, sondern den souveränen Umgang mit Informationen, Anweisungen, Dokumentationen und komplexen Prozessen. IKT-Kompetenz ist längst keine Zusatzqualifikation mehr, sondern Grundvoraussetzung moderner Arbeit.
Kompromisse in Berufen mit Berufsausbildung
Die Studie liefert eine plausible Erklärung: In Berufen mit Berufsausbildung gehen Arbeitgeber bei Engpässen eher Kompromisse ein und besetzen Stellen mit Personen, deren Kompetenzen nicht vollständig passen. Zugleich sind die Zugangswege zu diesen Berufen oft offener als zu Berufen mit höherer Qualifikation. Eine einfache Erklärung – dass besonders starke Engpässe in Berufen mit Berufsausbildung die Befunde erklären – schränkt die Studie jedoch ein. Denn die Engpässe unterscheiden sich kaum zwischen Berufen mit Berufsausbildung und solchen mit höheren Qualifikationen.
Diese Selbstbegrenzung macht die Studie glaubwürdig. Sie überzieht nicht und behauptet nicht, alles erklären zu können. Kritisch bleibt jedoch: Die Analysen basieren auf Daten von 2021 und erfassen nur einen begrenzten Zeitraum. Zudem fehlen Helfer- und Anlerntätigkeiten, da für diese keine Engpassdaten vorliegen. Die Studie sagt daher nichts über Kompetenzlücken am unteren Ende des Qualifikationsspektrums aus. Auch das ist eine Lücke – nicht im Text, sondern in der Datenlage.
Bessere Passung als Lösung
Die Lösung der Studie ist nüchtern und logisch: Engpässe lassen sich nicht nur durch mehr Personal, sondern auch durch bessere Passung entschärfen. Dafür nennt sie zwei Hebel: Erstens die Stärkung der beruflichen Ausbildung in besonders betroffenen Bereichen. Zweitens gezielte Weiterbildung, vor allem in Engpassberufen. Arbeitgeber sollen entsprechende Angebote ausbauen und die Teilnahme ihrer Beschäftigten aktiv fördern. Weiterbildung ist hier keine Wohlfühlmaßnahme, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Sie soll Kompetenzlücken schließen und die Leistungsfähigkeit der Betriebe sichern.
Die Botschaft der Studie ist klar: Wenn in den kommenden Jahren viele beruflich Qualifizierte aus dem Erwerbsleben ausscheiden, könnten sich Engpässe in genau den Berufen verschärfen, in denen heute schon Kompetenzlücken sichtbar sind. Wer den Fachkräftemangel ernst nimmt, muss deshalb nicht nur über Köpfe sprechen, sondern über Kompetenzen.

