Während viele die Feiertage genießen, stehen andere im Dienst: Eine WSI-Studie zeigt, wer an Weihnachten, Silvester und Neujahr arbeitet – und wie ungleich Festtagsarbeit je nach Branche, Region und Einkommen verteilt ist.
Weihnachten, Silvester, Neujahr – Tage der Ruhe, der Familie, es Innehaltens. So will es das gesellschaftliche Bild. Doch es verschweigt einen großen Teil der Arbeitswelt. Während Büros schließen und Kalender leerer werden, läuft die Wirtschaft weiter. Züge fahren, Pakete kommen an, Krankenhäuser arbeiten im Ausnahmezustand, Restaurants sind voll. Eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, wie groß diese oft übersehene Arbeitsrealität an den Festtagen 2025/2026 ist.
Rund 24 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten an Heiligabend und Silvester vormittags. Selbst wenn die Bescherung naht, endet die Arbeit nicht: Neun Prozent sind an Heiligabend auch nach 14 Uhr im Einsatz. An Neujahr arbeiten acht Prozent – für sie beginnt das Jahr nicht mit Ausschlafen, sondern mit der Schicht. Festtage sind keine kollektive Pause, sondern ein Privileg für einige.
Wer trägt die Last – und warum?
Arbeit an den Festtagen ist kein Zufall. Die Studie zeigt, dass sie sich auf wenige Schultern verteilt. 81 Prozent der Beschäftigten, die 2025 an Heiligabend arbeiten, taten dies auch in mindestens einem der drei Vorjahre. Es sind immer dieselben. Festtagsarbeit wird zur Daueraufgabe für bestimmte Gruppen.
Die Analyse zeigt, wie ungleich die Arbeit verteilt ist. Region, Branche und Einkommen entscheiden, wer feiert und wer arbeitet. In Sachsen-Anhalt etwa arbeiten 31 Prozent der Erwerbstätigen am Vormittag des Heiligabends, in Bayern nur 17 Prozent. Ostdeutschland liegt insgesamt über Westdeutschland. Kultur, Tarifbindung und Branchenstruktur spielen hier zusammen.
Tarifbindung schützt
Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen den Branchen. In Verkehr und Logistik arbeitet fast jede zweite Person an Heiligabend. Im Handel sind des 46 Prozent, im Gastgewerbe 39 Prozent. An Silvester verschärft sich das Bild: Im Handel und in der Logistik liegt der Anteil erneut bei fast 50 Prozent, im Gastgewerbe arbeiten abends noch 28 Prozent. Wo Konsum, Mobilität und Dienstleistungen boomen, fällt der Feiertag aus.
Anders sieht es im öffentlichen Dienst, in Erziehung und Unterricht oder im verarbeitenden Gewerbe aus. Hier bleiben die Werte niedrig. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gesetzlicher Regelungen und tariflicher Schutzmechanismen. Die Studie zeigt: Tarifbindung wirkt.
Auch das Einkommen spielt eine Rolle. Wer wenig verdient, arbeitet häufiger an den Festtagen. Bei einem Haushaltseinkommen unter 1.500 Euro arbeiten 32 Prozent an Heiligabend vormittags. In höheren Einkommensgruppen sinkt dieser Anteil deutlich. Festtagsarbeit folgt einer sozialen Logik: Sie trifft vor allem jene, die ohnehin weniger Spielraum haben.
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Festtage als Prüfstein moderner Arbeitsorganisation
Die Studie klagt nicht an, stellt aber eine unbequeme Frage: Wie gerecht ist unsere Arbeitsverteilung – gerade an Tagen, die Familie, Erholung und Gemeinschaft betonen?
Arbeit an Festtagen ist oft notwendig. Niemand will leere Notaufnahmen, stehende Züge oder Stromausfälle. Doch Notwendigkeit rechtfertigt keine strukturelle Einseitigkeit. Wenn dieselben Beschäftigten Jahr für Jahr die Feiertage sichern, entsteht ein stilles Ungleichgewicht.
Die Lösung liegt nicht im Verzicht auf Dienstleistungen, sondern in besserer Organisation. Tarifliche Regelungen zeigen, dass Ausgleich möglich ist: verkürzte Arbeitszeiten, Zuschläge, zusätzliche freie Tage oder rotierende Einsatzpläne. Wo Tarifverträge gelten, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Arbeit an Heiligabend und Silvester begrenzt oder kompensiert wird.
Festtagsarbeit: Führungs- und Kulturaufgabe
Für Unternehmen ist Festtagsarbeit mehr als eine organisatorische Frage. Sie ist eine Führungs- und Kulturaufgabe. Wer Verantwortung ernst nimmt, verteilt Belastungen fair, schafft Transparenz und würdigt die Leistung derer, die arbeiten, wenn andere feiern. Für Politik und Sozialpartner ist die Botschaft klar: Schutzrechte wirken – aber nur, wenn sie durchgesetzt werden.
Die Festtage 2025/2026 sind mehr als ein Kalendereffekt. Sie spiegeln die Arbeitsgesellschaft. Sie zeigen, wer sichtbar ist – und wer im Hintergrund alles am Laufen hält. Die WSI-Studie macht diese Arbeit sichtbar. Nun liegt es an Unternehmen, Tarifparteien und Politik, Konsequenzen zu ziehen. Denn eine moderne Arbeitswelt zeigt sich nicht daran, wie sie feiert – sondern daran, wie sie mit denen umgeht, die an diesen Tagen arbeiten.

