„Wer sich nicht wehrt, landet am Herd“

Elke Benning Rohnke

Frauenkarrieren sind in Deutschland noch immer nicht selbstverständlich. Vor allem Mütter stehen vor besonderen Herausforderungen. Frauen mit Einfluss müssen sich daher für andere gute Frauen einsetzen, so Elke Benning Rohnke.

Elke Benning Rohnke baute ihre Kompetenzen in Deutschland und Kanada in namhaften Unternehmen wie Procter & Gamble und Kraft Jacobs Suchard (heute Mondelez/JDE) auf. Nach 12 Jahren wurde sie aufgrund ihrer Erfolge in B2B und B2C Geschäftsbereichen in den Vorstand der Wella AG (MDAX) berufen. Heute berät sie weltweit tätige Unternehmen zu Themen wie Wachstum, Kundenorientierung und Transformation von Organisationen. Die Mutter zweier erwachsener Söhne ist Vize-Präsidentin des FidAR e.V. sowie als Aufsichtsrätin und Beirätin tätig. Sie gilt als eine ausgezeichnete Netzwerkerin mit besten Verbindungen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Seit zehn Jahren fördert sie zudem als Mentorin junge Talente der Bayerischen Elite Akademie.

die Chefin: Warum machen Sie, was Sie machen?

Elke Benning Rohnke: Ich wähle Wege und Inhalte, die mich begeistern, auch wenn sie vielleicht nicht dem Gängigen entsprechen. Mein Studienfach Psychologie beispielsweise war in den 1980er-Jahren deutlich weniger als Karriereeinstieg akzeptiert als heute. Meinen ersten Arbeitgeber Procter & Gamble hat jedoch nur das Potnezial des Bewerbers interessiert. So landete ich gleich bei einem der besten Unternehmen, die ich kenne – was sicher auch Grundstein meines schnellen Aufstiegs zum Vorstand eines MDax Unternehmens war. Meine späteren Schritte in die Selbstständigkeit und meine Beirats- und Aufsichtsratstätigkeiten folgen meinem Bedürfnis nach Selbstbestimmtheit. Daher ist “Follow my passion, follow my heart” die passende Antwort auf Ihre Frage.

Wer wie ich bereits in jungen Jahren Vorstand eines MDAX Unternehmens wird, hätte natürlich die “große Konzern-Karriere” weiter verfolgen können. Eine durchaus attraktive Option: toller Status, hohes Einkommen, viel Einfluss, First Class-Flüge rund um die Welt, wichtige Entscheidungen treffen. Es gibt allerdings einen Preis, den man dafür bezahlt: Der durchgetaktete Kalender eines Vorstands mit weltweiter Verantwortung bietet wenig persönliche Freiheiten und kaum Selbstbestimmtheit. Mir aber sind Freiheit, Selbstbestimmtheit und auch inhaltliches Arbeiten sehr wichtig. Denn ich liebe es, komplexe Zusammenhänge zu verstehen sowie die wesentlichen Hebel der Marktveränderung und des betroffenen Unternehmens zu identifizieren.

Das Verstehen und Identifizieren komplexer Zusammenhänge als wesentliche Hebel für den Unternehmenserfolg faszinieren mich heute noch so sehr wie am ersten Tag. Deshalb war es für meinen Weg nur natürlich, eine Unternehmensberatung zu gründen, die sich mit profitablem Wachstum befasst. Hier verbinden sich meine Vorlieben für Impact mit meinem Tun und das hohe Maß an Selbstbestimmtheit.

die Chefin: Wurden Sie auf Ihrem Weg unterstützt?

Benning Rohnke: Am Anfang meiner Karriere war ich allein. Die wenigen anderen Frauen waren primär mit den Herausforderungen im Job und dem eigenen Überleben in rein männlichen Systemen beschäftigt. Mittlerweile verfüge ich über ein breites Netzwerk, das mich unterstützt und dem ich gerne Türen öffne. Denn junge Talente müssen sichtbar, ihnen muss der Weg bereitet werden.

Auch Dank der effektiven Arbeit von FidAR e.V. hat sich viel geändert. „Frauen in die Aufsichtsräte“ wurde 2006 mit dem Ziel gegründet, den Frauenanteil in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zu erhöhen. Denn die Forderung nach einer Quote in Aufsichtsräten wurde damals mit den Worten “Meine Damen, der Aufsichtsrat ist kein Kaffeekränzchen” verspottet. Heute sind wir zum Glück weiter. Seit 2016 ist das Gesetz der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern in der Wirtschaft in Kraft. In den börsennotierten und mitbestimmten Unternehmen ist der Anteil der weiblichen Aufsichtsräte mittlerweile auf über 30 Prozent gestiegen – ein großer Erfolg. Doch er ist noch ausbaufähig. In den Vorstandsetagen etwa erfolgt die Entwicklung in Trippelschritten. In Bezug auf die Beteiligung von Frauen in der Wirtschaft fällt Deutschland auf Platz 48, hinter Albanien und Portugal. Daher müssen sich Frauen mit Einfluss für andere gute Frauen einsetzen sowie die Politik immer wieder auffordern, Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes umzusetzen.


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die Chefin: Gab es auf diesem Weg Hürden?

Benning Rohnke: Auf jedem Weg zum Erfolg und zu einem erfüllten Leben liegen Hürden, die es zu meistern gilt. Für Frauen mit dem Anspruch “Chefin” sind sie hierzulande vielfältig. Oder, wie es eine Freundin neulich ausdrückte, “wer sich nicht wehrt, landet am Herd“. Denn Frauenkarrieren sind in Deutschland noch immer nicht selbstverständlich und Mütter stehen vor besonderen Herausforderungen. Und weil viele Mütter sich oft nur trauen, in Teilzeit zu arbeiten, um dem Anspruch der vermeintlich idealen Mutter zu genügen, sollten wir anfangen, das historisch geprägte Mutterbild zu hinterfragen.

Das zu ändern obliegt den Frauen, die Chefin werden wollen – was ein besonders harter Kampf ist. Denn viele Mütter haben ihren Wunsch nach einem eigenständigem Leben bereits aufgegeben und verteidigen ihr ausschließliches “Muttersein” vehement. Diese Herausforderung erledigt sich allerdings mit dem Ende der Schulzeit von Kindern meist ganz von selbst. Und weil deutsch geprägte Unternehmen oft formal hierarchisch ausgerichtet sind und Beförderungen mehr nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit als nach dem der Leistung erfolgen, bleiben viele Frauen im mittleren Management hängen. Hier können unternehmensinterne Frauennetzwerke durch gezielte Initiativen eine wichtige Veränderungsfunktion übernehmen. Aber auch die steuerlichen Fehlanreize stellen Hürden dar und sind nur durch den politischen Willen zu verändern.

die Chefin: Auf welche ihrer Eigenschaften sind Sie besonders stolz und warum?

Benning Rohnke: Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, denn Selbstzufriedenheit und Selbstgewissheit sind nicht meins.

die Chefin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Benning Rohnke: Wie viele Menschen meiner Generation habe ich in meiner Jugend “Haben oder Sein” von Erich Fromm gelesen. Seine Gedanken – im Titel auf den Punkt gebracht – waren sehr hilfreich, meine Haltung zum Leben mit den dazugehörigen Werten und Überzeugungen zu entwickeln und darüber auch in besonders schwierigen Situationen zu reflektieren.

die Chefin: Was raten Sie dem Nachwuchs?

Benning Rohnke: Mach dein Ding! Was immer es ist und egal wie es andere finden. Wenn alle kritisch zu deinem Plan stehen: Denke noch einmal nach und hinterfrage dich. Und dann mach – was immer es dann ist – dein Ding! Jungen Frauen rate ich zu reflektieren, ob sie lieber Prinzessin oder Königin sein wollen. Whatever makes you in your life happy! Für die Chefin braucht frau nach meiner Erfahrung allerdings das Zeug und den Mut der Königin.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE und Brigitte über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Wirtschaftsbücher.

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