Wie finde ich heraus, welcher Stresstyp ich bin?

Frau liegt mit Sonnenhut auf dem Boden

Stress gehört zu unserem Leben dazu – und kann bisweilen sogar unsere Leistungsfähigkeit erhöhen. Wann aber macht Stress krank?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Stress als eine der größten Gefahren für das menschliche Wohlergehen im 21. Jahrhundert ein. Er gilt demnach als Krankmacher Nummer eins. Dabei leiden Männer und Frauen unterschiedlich. Männer quälen besonders die ungenügende Beförderung und die unqualifizierten Tätigkeiten. Ausgelöst durch Konkurrenzverhalten, Zeitdruck und Karrierestreben. Ursachen sind dabei ein geringer Handlungs- und Entscheidungsspielraum, die Monotonie sowie der Termin- und Leistungsdruck.

Bei Frauen ist die Doppelbelastung durch Familie und Beruf oft Ursache für ihren Stress. Auslöser sind Diskussionen bei unterschiedlicher Auffassung oder Konflikte. Sie neigen dazu, sich bei beruflichen und privaten Missgeschicken alle Schuld zu geben und mit sich zu hadern.

Und auch die Bewältigungsversuche von Männern und Frauen sind unterschiedlich. So sind Männer weniger als Frauen in der Lage, sich soziale Unterstützung zu holen. Sie versuchen Stress eher durch riskante Verhaltensweisen wie exzessiven Konsum von Alkohol, aggressiven Strategien oder durch Leugnen zu bewältigen. Frauen hingegen werden oft passiv, resignieren ängstlich und ziehen sich zurück.

Stress ist nur individuell verstehbar und veränderbar

Wer nicht rechtzeitig die Notbremse zieht, gefährdet seine Gesundheit, denn Dauerstress kann schnell zum Burnout führen. “Je gesünder und früher man mit der Stressbewältigung beginnt, desto einfacher und effektiver sind die Bewältigungsmaßnahmen zu lernen”, so Prof. Dr. Kurt Hahlweg vom Institut für Psychologie an der TU Braunschweig. Stress ist jedoch nur individuell verstehbar und veränderbar.

Deshalb ist es wichtig, sein eigenes Verhalten zu analysieren, um so gezielt neue Handlungsmuster entwickeln zu können. Die von der Amerikanerin Roberta Lee, Fachärztin für Innere und Integrative Medizin, aufgestellten Stresstypen helfen dabei, sich einzuordnen und einen Weg aus der persönlichen Stressfalle zu finden:

Die Ausgebrannten
Bei den Ausgebrannten sind bereits nach dem Aufwachen die Akkus leer. Sie fühlen sich erschöpft, zerschlagen und todmüde. Und dieser Zustand hält den ganzen Tag an – jeden Tag. Der Weg ins Büro ist stets ein Kraftakt. Und in Meetings müssen sie sich krampfhaft bemühen, ihre Gedanken nicht abschweifen zu lassen. Der Stress hat die Ausgepowerten schon so lange fest im Griff, dass sie einen Punkt erreicht haben, an dem sie kaum noch eine Reaktion zustande bringen.

Anti-Stress-Strategie:
Um herauszufinden, wo während des Arbeitstages Störquellen und Zeitfresser lauern, sollten die Ausgebrannten ihren Tagesablauf protokollieren – und dringend einen Teil dieser Störfaktoren vermeiden oder delegieren! Außerdem sollten sie bewusst Erholungsphasen in ihren Tagesablauf einbauen. Und sie sollten Nein sagen, denn wenn die Ausgebrannten anderen keine Grenzen setzen, überschreiten sie ihre eigenen sehr schnell. Nicht umsonst gibt es die Redewendung “Jede Gefälligkeit rächt sich”.

Die Ruhelosen
Die Ruhelosen sind unkonzentriert, aggressiv und reizbar bis hin zum Jähzorn. An einigen Tagen stellt bereits eine einfache “To-do-Liste” für sie ein unüberwindbarer Berg dar. Arg wird es für sie, wenn ihre eigene Rastlosigkeit sie von ihren Aufgaben ablenken. Müssen sie beispielsweise Unterlagen immer wieder lesen, neigen sie zu Wutausbrüchen. Der Ruhelose ist vom Leben überfordert, was letztlich häufig zu Schlafstörungen führt.

Anti-Stress-Strategie:
Weil sie nervös und überfordert sind, müssen die Rastlosen sich ausreichend Ruhe gönnen. Mindestens drei Mal am Tag sollte dieser Stresstyp dafür die Arbeit ruhen lassen. Denn diese Zeit lenkt zum einen ab, zum anderen hilft sie, die innere Uhr neu zu stellen.

Die Hypersensiblen
Ob Streit im Büro oder Kritik an der Arbeit, viele Menschen reagieren darauf empfindlich. Die Hypersensiblen jedoch nehmen sich alles übertrieben zu Herzen. Sie fühlen sich vom Leben im Allgemeinen und von Menschen im Besonderen emotional zutiefst getroffen. Dieser Stresstyp hat jeden Humor verloren, neigt zu Weinerlichkeit oder Schwermut. Auch leiden diese Menschen unter Situationen, die andere wenig tangieren. Müssen sie beispielsweise etwas überarbeiten, fühlen sie sich gleich als Niete. Außerdem leben sie in ständiger Sorge, dass irgendetwas schief läuft, was ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Magen schlägt.

Anti-Stress-Strategie:
Eine effektive Maßnahme sind positive Selbstbekräftigungen: Dazu notieren sich die Hypersensiblen alle Aspekte, auf die sie stolz sind. Um sich alle ihre Stärken bewusst vor Augen zu führen, sollten sie anschließend diese Liste auf ein Band sprechen. Hören sie sich dieses Band täglich in Ruhe an, verbessert sich ihr Selbstbild allmählich.

Die Verbissenen
Die Verbissenen sind besessen von ihrem Job. Sie setzen sich ein Ziel und verfolgen dieses dann verbissen mit Perfektionismus und Volldampf – bis sie es erreichen. Leider leiden darunter auch andere, denn sie reiten übertrieben auf Details herum, mischen sich in alles ein und können nichts delegieren.

Gerade Vorgesetzte neigen häufig dazu, sich um jeden Vorgang selbst zu kümmern und Mitarbeiter zu gängeln. Dabei geraten sie mit ihrer Arbeit immer mehr in Rückstand, was zu einem enormen Stresspegel führt.

Nicht selten sind die Verbissenen der Liebling des Chefs, denn sie arbeiten gewissenhaft und zuverlässig. Außerdem neigen sie dazu, Lebensbereiche, die für das seelische Gleichgewicht bedeutsam sind, zu vernachlässigen. So liegen die sozialen Beziehungen brach und schläft der Kontakt zu Freunden und Familie nach und nach ein.

Anti-Stress-Strategie:
Da Verbissene häufig ihre Wut unterdrücken, müssen sie dringend etwas gegen ihre Verspannung tun. Um Dampf abzulassen ist deshalb täglich mindestens eine halbe Stunde Sport mit ordentlich Tempo angebracht. Achten müssen sie aber auch auf ihre Schlafgewohnheiten. Ratsam ist daher, mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen den Fernseher auszuschalten.

Die Cholerischen
Die Cholerischen setzen sich bei der Aufgabenerledigung zeitlich sehr enge Grenzen. Wird der Druck dann zu stark, regen sie sich über alles und jeden übermäßig auf. Schuld haben bei ihnen generell immer die anderen – was zu einem extrem aggressivem Verhalten und einer mangelnden Belastbarkeit führt. Ihr sehr kurzer Geduldsfaden ist dabei nicht hilfreich. Auch versuchen sie mit allen Mitteln, alle um sie herum zu Höchstgeschwindigkeit anzutreiben – und kennen dabei keine Fehlertoleranz. Geschehen doch Fehler, gehen sie hoch wie eine Rakete. Ihr Anti-Stress-Mantra sollte daher lauten: Alles in Ruhe angehen!

Anti-Stress-Strategie:
Die Cholerischen müssen dringend ihre Wut in den Griff bekommen und ihre Zwanghaftigkeit loswerden. Dabei helfen ihnen jede Art von sportlicher Betätigung. Denn für ihre aufgestauten Gefühle brauchen sie dringend ein Ventil. Studien zeigen, dass drei Mal pro Woche Ausdauersport (z.B. Laufen oder Radfahren) die Stresshormone dauerhaft niedrig halten. Dabei ist nicht wichtig, dass sie sich lange und intensiv betätigen, sondern dass sie am besten täglich aktiv sind.

Ausreichend Ruhe dürfen die Choleriker jedoch auch nicht vernachlässigen. Förderlich ist das tägliche Meditieren vor der Arbeit, denn dieses Sammeln wirkt wie ein natürliches Beruhigungsmittel.

Sabine Hockling

Seit vielen Jahren schreibt die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin u.a. für die Medien ZEIT ONLINE, ZEIT Spezial, SPIEGEL ONLINE und Brigitte über die Themen Management, Arbeitsrecht und Digitalisierung. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Wirtschaftsbücher.

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