Wo bleibt die Krise?

Mann sitzt auf Treppe

Trotz des anhaltenden Lockdown seit November 2020 ist die Arbeitslosigkeit im Dezember nur mäßig gestiegen. Trotzt Deutschland den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie?

Trotz der Pandemie ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt vergleichsweise gut – das zeigen die neuesten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Dezember 2020 stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat nur um 8.000 auf 2,7 Millionen – ein deutlich geringerer Anstieg als 2019, als die Arbeitslosigkeit von November auf Dezember noch um 46.000 gestiegen war.

Die Daten zeigen: Kurzarbeit als arbeitsmarktpolitisches Instrument wirkt. Zwar fiel die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahresmonat um fast eine halbe Million mehr Menschen ohne Job höher aus, aber es hätte deutlich schlimmer kommen können. Im Jahresdurchschnitt 2020 lag die Arbeitslosigkeit bei 2,695 Millionen Menschen, das waren 429.000 mehr als 2019. Laut BA seien die allermeisten nur wegen Corona ohne Job. Generell sei die Lage auf dem Arbeitsmarkt in etwa wie im Jahr 2016.

Kurzarbeit verhindert wohl Krise

Das sind positive Nachrichten. Und dennoch fragen sich Millionen Menschen, die gerade erneut von Kurzarbeit betroffen sind: Wie soll es weiter gehen? Denn zur Wahrheit gehört auch: Die Auswirkungen des zweiten harten Lockdown, der erst kurz vor Weihnachten in Kraft trat, sind in diesen Daten noch nicht enthalten. Immerhin fließen in die Statistik nur die Daten bis zum Stichtag 10. Dezember ein. Ist nach wie vor die Insolvenzordnung ausgesetzt, unzählige Insolvenzanträge sind insofern noch nicht gestellt. Möglicherweise sind unzählige Zombieunternehmen am Markt. Der Vorstandsvorsitzender der BA, Detlef Scheele, hält diese Befürchtung zwar für falsch, wären so viele Firmen in einer Schieflage, müsste seiner Ansicht nach die Arbeitslosigkeit schon viel höher sein – wissen tut es derzeit aber noch keine Ökonomin oder kein Ökonom wirklich.

Ein Grund zur Sorge ist, dass die Zahl der Anmeldungen für Kurzarbeit wieder zugenommen hat. Bis zum 28. Dezember 2020 zählten die Nürnberger Statistiker 666.000 Anzeigen, das sind rund 40.000 mehr als noch im Vormonat. Im März 2020 gab es allerdings zehn Millionen solcher Anzeigen. Und die Anzeigen entsprechen häufig nicht der Zahl der am Ende tatsächlich realisierten Kurzarbeit. Im April 2020 waren mehr als sechs Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit – ein Höchststand.

Zahl der Grundsicherungsbeziehenden könnte stark steigen

Die BA rechnet im Jahr 2021 mit etwa 700.000 Kurzarbeitenden im Jahresdurchschnitt. Hinzu kommt, dass vor allem geringfügig Beschäftigte ihre Grundlage verlieren – diese Menschen haben keinen Anspruch auf Kurzarbeit. Gut möglich ist daher, dass die Zahl der Grundsicherungsbeziehenden im ersten Quartal 2021 stark steigen könnte. Im schlimmsten Fall fällt dies zusammen mit dem Wiedereinsetzen der Insolvenzordnung, wenn zugleich die Unternehmenspleiten stark steigen. Und dann wäre sie wirklich da, die Krise.

Tina Groll

Die Journalistin und Buchautorin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE im Ressort Politik & Wirtschaft. Ihre Schwerpunkte sind Gleichberechtigung in der Arbeitswelt, Frauen und Karriere, Arbeitsrecht, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sowie Pflege.

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