Workation bedeutet mehr als Arbeiten am Strand: Laut einer Fraunhofer-Studie steigert ein Ortswechsel die Motivation, erhält die Leistung und hilft Unternehmen, den Wandel aktiv zu gestalten – vorausgesetzt, sie erlauben es.
Am Strand sitzen, Laptop aufgeklappt, Meeresrauschen im Ohr – lange wirkte dieses Bild wie ein digitales Postkartenklischee, fern der Realität der meisten Arbeitsplätze. Doch die hybride Arbeitswelt hat Grenzen verschoben. Videocalls funktionieren überall, Teams arbeiten asynchron über Zeitzonen hinweg. Warum also nicht Arbeit und Ortswechsel verbinden? Genau hier setzt Workation an – und die Frage, ob sie Zukunft oder Mode ist.
Die Studie „Workation: Trend oder die Zukunft unserer Arbeitswelt?“ des Fraunhofer IAO liefert Antworten. Fast 1.000 Beschäftigte wurden 2023 und 2024 befragt. Das Ergebnis: Workation ist kein Nischenthema für Freelancer, sondern ein ernstzunehmendes Modell für Angestellte quer durch Branchen, Altersgruppen und Positionen. 68 Prozent kennen das Konzept, doch nur 34 Prozent der Arbeitgeber bieten es an, und lediglich 26 Prozent haben es ausprobiert. Die Diskrepanz ist deutlich: Das Interesse ist groß, die Umsetzung stockt.
Viele wollen – wenige dürfen
Die Studie zeigt eine Widerspruch: Jede zweite Person würde Workation nutzen, wenn sie dürfte. Die Offenheit ist hoch, die Realität gebremst. Frauen zeigen mehr Interesse, Männer äußern häufiger Ablehnung. Lebenssituationen – ob Single, in Partnerschaft oder mit Familie – spielen überraschend wenig eine Rolle. Workation ist kein Privileg der Ungebundenen. Doch trotz Neugier bleibt die Nutzung gering. Warum?
Die Antworten liegen in Organisation und Kultur. 48 Prozent nennen die Genehmigung durch Vorgesetzte oder HR als größte Hürde, 37 Prozent fürchten Neid im Team, 34 Prozent sehen die Kosten als Problem. Workation scheitert selten an Technik, sondern an Haltung: misstrauische Führung, unklare Regeln, fehlendes Budget. Viele Unternehmen fürchten Kontrollverlust, Produktivitätseinbußen oder Ungerechtigkeit. Doch die Studie zeigt: Diese Ängste sind unbegründet.
Workation motiviert – und steigert die Leistung
Die zentrale Erkenntnis: Workation erhöht Motivation und Zufriedenheit, ohne die Leistung zu schmälern. 71 Prozent derjenigen, die Workation ausprobiert haben, berichten von gesteigerter Arbeitszufriedenheit, 65 Prozent fühlen sich motivierter, 88 Prozent sehen ihre Leistung gleichbleibend oder verbessert.
Damit widerlegt Workation die Sorge, produktive Zeit könnte in Strandspaziergänge fließen. Die Daten zeigen das Gegenteil. Auch jene, die Workation noch nicht getestet haben, erwarten ähnliche Effekte – wenn auch vorsichtiger. Arbeit in inspirierenden Umgebungen fördert Fokus und Kreativität. Der Ortswechsel wirkt wie ein Reset: Routine weicht, Ideen sprudeln.
Hier zeigt sich der Kern: Es geht nicht um Urlaub während der Arbeit, sondern um Arbeitskontexte, die Energie geben statt rauben. Zufriedene Menschen leisten mehr, denken weiter, bleiben gesünder. Motivation ist kein weicher Faktor – sie treibt Produktivität.
Was Workation braucht, um zu gelingen
Die Studie zeigt, was Workation erfolgreich macht. Stabiles Internet steht mit 96,6 Prozent an erster Stelle. Doch Technik allein genügt nicht. Ein idealer Workation-Ort bietet ergonomische Arbeitsplätze, gutes Licht, Rückzugsräume für Calls und – je nach Aufgabe – Austauschflächen. Die Hälfte der Befragten wünscht eine vielfältige Arbeitsumgebung.
Interessant ist die klare Trennung der Bedürfnisse: Tagsüber suchen viele soziale Interaktion, gemeinsame Mittagspausen, informelle Gespräche. Austausch inspiriert und verhindert Isolation. Nach Feierabend jedoch ziehen sich die meisten zurück. Workation soll Freiraum bieten, keine kollektive Erlebnisreise sein. Nur ein Viertel wünscht After-Work-Events, die Mehrheit bevorzugt Ruhe, Natur und Erholung.
Aud der Standort zählt: 75 Prozent wünschen Zugang zur Natur – Wälder, Strände, Seen. Menschen suche nicht nur Orts-, sondern Atmosphärenwechsel. Weg vom Büro-Gau, hin zu Weite, Licht und Luft.
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Workation strategisch denken – nicht als Ausnahme
Wer Workation etablieren will, muss ermöglichen, strukturieren und unterstützen. Unternehmen sollten Transparenz und Fairness schaffen, klare Prozesse definieren und Vertrauen statt Kontrolle fördern. Der größte Hebel liegt nicht in Verboten, sondern in Gestaltung.
Die Studie zeigt: 81 Prozent wünschen IT-Support, 41 Prozent Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche, 50 Prozent finanzielle Entlastung. Wer diese Punkte adressiert, senkt Hürden und fördert die Nutzung. Workation wird dann zum Impuls – für Arbeitgeber und Beschäftigte. Sie bindet Fachkräfte, macht Flexibilität greifbar und steigert die Attraktivität auf einem angespannten Arbeitsmarkt. Workation ist kein Prestige-Benefit, sondern ein Werkzeug, das Leistung, Gesundheit und Lebensqualität stärkt.
Am Ende steht eine grundlegende Frage
Was passiert, wenn wir nicht nur Arbeit flexibilisieren, sondern auch Lebensorte? Wenn Teams zeitweise an Seen, Küsten oder Bergen arbeiten? Wenn Produktivität nicht am Bürostuhl gemessen wird, sondern am Ergebnis? Die Fraunhofer-Studie liefert einen Baustein zur Antwort: Workation funktioniert – wenn wir sie ernst nehmen. Sie ist weder Flucht noch Freizeit, sondern ein Format, das Neues ermöglicht. Wer sie nutzt, berichtet von mehr Motivation, Zufriedenheit und stabiler Leistung. Das ist kein vorübergehender Trend, sondern eine wachsende Chance.
Vielleicht sitzen wir bald öfter mit Laptop am Meer. Nicht, weil wir der Arbeit entfliehen, sondern weil wir sie anders gestalten. Nicht als Kette, sondern als Tür. Die Zukunft der Arbeit liegt nicht nur in Tools, sondern in Räumen, die uns guttun. Workation könnte einer davon sein – wenn wir sie nutzen.
Überall, nur nicht im Büro
Arbeitsrechtliche Chancen und Grenzen ortsunabhängiger Arbeitsformen
von Sabine Hockling
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