„Abfall ist Rohstoff am falschen Ort“

Anne Antic

Anne Antic unterstützt Unternehmen dabei, ihre Abfälle ohne viel Mehraufwand fachgerecht zu trennen und zu recyceln. Denn Abfälle sind wertvolle Rohstoffe am falschen Ort. Doch mit dem richtigen Umgang damit, folgt ein entsprechender Gewinn.

Anne Antic beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Potenzial von Abfall. Auslöser ist dabei ihr Elternhaus, in dem die Nachhaltigkeit schon immer Thema ist. So wird hier nicht nur beim Konsum darauf geachtet, wie etwas verpackt ist. Auch die Abfallentsorgung ist früh ein Thema in der Familie. Als ihre Schwester Nadine Speidel 2012 die GlobalFlow gründet, führt für Anne Antic das eine zum anderen. Mittlerweile ist die 33-Jährige seit fast zehn Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester geschäftsführende Gesellschafterin der GlobalFlow GmbH. Ihr Ziel: Eine verbesserte Abfallwirtschaft in Deutschland und letztlich die Realisierung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft für die Gesellschaft. Und dem kommt sie immer näher. Inzwischen hat sie bei über 100 Unternehmen – vom Lebensmittelkonzern bis hin zum Automobilkonzern – die Entsorgungsoptimierung erfolgreich abgeschlossen. Im Interview erzählt sie, was Politik, Wirtschaft und Konsument:innen besser machen können.


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Hier laden wir Frauen ein, mit uns über ihr Thema zu sprechen.


Wir sind der Wandel: Wo sehen Sie bei der Abfallwirtschaft in Deutschland den größten Handlungsbedarf?

Anne Antic: In der Kommunikation! Denn die Branche schafft es nicht, Verständnis und Aufmerksamkeit für die Thematik zu schaffen. Täglich brennt zum Beispiel ein Entsorger, weil Batterien falsch entsorgt werden. Geburtstagkarten beispielsweise, die beim Aufklappen eine Melodie abspielen, werden meist im Hausmüll entsorgt. Dass dürfen sie aber nicht, da sie Lithium-Ionen-Batterien enthalten. Wird diese Karte beim Entsorgerbetrieb zum Beispiel durch einen Bagger falsch gefasst, gibt es einen Funkenschlag, der ein Feuer auslöst. Mittlerweile können viele Entsorger keine Versicherung mehr abschließen, weil die Brandgefahr durch solche Karten oder auch durch E-Zigaretten zu groß ist.

Ein weiteres Problem stellt die Kommunikation über Produkte dar, die aus biokompostierbarem Kunststoff hergestellt sind. Diese Verpackungen können in den Bioanlagen in Deutschland nicht verarbeiten, weil sie eine dreifach längere Umsatzdauer haben als organischer Bioabfall. So lange aber bleibt das Material nicht in der Rotte liegen. Die Folge: Diese Kunststoffe werden über die Sortieranlage herausgezogen und am Ende verbrannt. Auch hier ist es wichtig, die Konsument:innen darüber aufzuklären, dass es vermeintlich „gute“ Verpackungen gibt, die mit der aktuellen Infrastruktur zwangsläufig verbrannt werden müssen. Das heißt, obwohl die Basis dieser Kunststoffe weitestgehend nicht auf Öl zurückzuführen ist, kann trotzdem keine Kompostierung stattfinden.

„Alles, was wir produzieren, sollte eine lange Lebensdauer haben“

Daher sehe ich vor allem auch bei den Produzenten Handlungsbedarf. Verkleben sie zum Beispiel Verpackungen, hat die Entsorgungswirtschaft hier kaum eine Chance, den Klebstoff von der Verpackung zu trennen. Auch diese Verpackungen werden verbrannt. Zwar entwickelt sich das chemisch-physikalische Recycling immer weiter. Das aber ist sehr kostenintensiv und wird daher (noch) zu wenig eingesetzt. Dasselbe gilt für Materialverbindungen.

Die Lösung muss daher sein: Alles, was wir produzieren, sollte einerseits eine lange Lebensdauer haben, andererseits am Ende ohne einen hohen technischen sowie kostenintensiven Aufwand zu recyceln sein. Darüber müssen wir sprechen und aufklären, um bei Konsument:innen Verständnis und Akzeptanz für das Recycling und die Kreislaufwirtschaft zu wecken.

Wir sind der Wandel: Was ist besser, die Kreislaufwirtschaft oder das Recycling?

Antic: Das Recycling beschreibt den Prozess von der Materialsammlung über die Sortierung bis zur Umwandlung in ein neues Produkt, dem Sekundär- oder Recyclingrohstoff. Das ist zum Beispiel beim Recycling von Glas, Papier und PET der Fall. Diese Recyclingprozesse funktionieren bereits sehr gut, denn sie sind fast zu 100 Prozent geschlossen – und reduzieren damit die Umweltverschmutzung, den Wasser- und Energieverbrauch sowie den CO2-Ausstoss. Denn für die neue Produktion der Materialien müssen keine Rohstoffe abgebaut werden.

Die Kreislaufwirtschaft ist das dahinter liegende System. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der nicht nur das Recycling einschließt, sondern auch darauf abzielt, den gesamten Lebenszyklus von Produkten zu optimieren. Das heißt, hier schauen wir zum Beispiel schon am Anfang des Verpackungsproduktes, welche Ressourcen eingesetzt werden, wie der Lebenszyklus ist und wie es recycelt werden kann. Das Ziel ist der Aufbau einer ganzheitlichen Kreislaufwirtschaft, bei dem kein Wertstoff mehr den Kreislauf verlässt.

„Die Kreislaufwirtschaft startet beim Produzenten bzw. dem Produkt“

Die größten Umweltvorteile schafft ein Umdenken weg von einer bloßen linearen Abfallbewältigung hin zu einer vollständige Transformation in der Art und Weise, wie Produkte entworfen, hergestellt und genutzt werden. Damit hat die Kreislaufwirtschaft das Potenzial, die Art und Weise, wie unsere Wirtschaft funktioniert, grundlegend zu verändern. Dabei muss jeder Akteur innerhalb der Wertschöpfungskette bedacht werden – ansonsten kann das System nicht funktionieren. Deshalb startet die Kreislaufwirtschaft beim Produzenten bzw. dem Produkt. Denn die Entsorgungswirtschaft hat häufig gar keinen Einfluss darauf, ob die Rohstoffe wieder in den Kreislauf geführt werden. Deshalb sind die Produzenten hier in der Pflicht. Die nämlich entscheiden, ob ihre Verpackungen überhaupt recycelt werden können. Wir müssen also am Anfang denken, wie es am Ende in den Kreislauf geführt werden kann.

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Wir sind der Wandel: Gibt es Länder, die es besser machen?

Antic: Die Niederlande verfolgen eine umfassende Abfallstrategie, die darauf abzielt, Abfall zu reduzieren, zu recyceln und zu verwerten sowie die Umweltbelastung zu minimieren. Das heißt, einerseits werden Recyclingprodukte wieder eingesetzt, weil die Niederlande  Entsorgungssysteme und Regularien haben, die den Einsatz von Recyclingrohstoffen zulassen. Andererseits haben sie bereits ein Bewusstsein bei den Konsument:innen geschaffen. Das Hotel Jakarta in Amsterdam zum Beispiel verarbeitet seine Lebensmittelreste zu Bio-Dünger. Während dieser Dünger in den Niederlanden eingesetzt wird, wäre das in Deutschland gar nicht erlaubt. Solche Möglichkeiten führen automatisch zu einer besser aufgeklärten Gesellschaft. Während die Niederlande bereits 2016 beschlossen haben, Teil einer Kreislaufwirtschaft zu werden, doktern wir in Deutschland noch an einzelnen Symptomen herum.

„Unsere Kosten amortisieren sich je nach Projektumfang zwischen ein und drei Jahren“

Wir sind der Wandel: Versagt in Deutschland die Politik?

Antic: Ja und nein. Obwohl es in Deutschland viele Gesetze, Richtlinien und Vorgaben wie zum Beispiel die Getrennthaltungspflicht, die Gewerbeabfallverordnung oder die Produktverantwortung (auch als erweiterte Produzentenverantwortung bekannt) gibt, ist es für Unternehmen noch immer nicht motivierend genug, auf besser recyclebare Verpackungen und Produkte zu setzen. Das Konzept der Produktverantwortung zum Beispiel zielt darauf ab, die Umweltbelastung durch Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu reduzieren. Sie soll Anreize für Hersteller schaffen, umweltfreundlichere Produkte zu entwickeln und den Umgang mit Produkten am Ende ihres Lebenszyklus zu verbessern. Indem die Hersteller für die Umweltauswirkungen ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden, sollen Ressourcennutzung, Recycling und Abfallreduzierung gefördert werden, was letztendlich zu einer nachhaltigeren Wirtschaft führt.

So die Theorie. Die Praxis zeigt, dass wir andere, bessere Regularien benötigen, deren Vollzug auch überprüft werden sollte. Denn ohne Vollzug helfen die besten Gesetze nicht. Gleichzeitig benötigen wir Umsetzungshilfen, da die Themen Recht, Markt, Technik und Materialwissenschaft sowie die dahinterliegenden Strukturen sehr komplex sind.

Wir sind der Wandel: Wie unterstützen Sie Unternehmen bei ihren Entsorgungsprozessen konkret?

Antic: Wir analysieren den Status Quo und entwickeln individuell ein nachhaltiges Modell bis hin zu Zero-Waste-Strategien für Unternehmen. Um Vorurteile abbauen und Verständnis aufbauen zu können, klären wir zudem die Belegschaft über die Vorteile und die Notwendigkeit einer nachhaltigen Abfallwirtschaft auf. Auch überprüfen wir in regelmäßigen Abständen den Projektstatus. Je nach Projektumfang erzielen wir bereits in den ersten drei bis sechs Monaten 80 Prozent der Quick Wins. Das heißt, bei gleichzeitiger Kosteneinsparung werden die Entsorgungsprozesse schneller und besser. Unsere Kosten amortisieren sich dabei je nach Projektumfang zwischen ein und drei Jahren. Je höherwertiger der Abfall ist, desto günstiger wird es. Denn ganz einfach: Abfall ist Rohstoff am falschen Ort. Doch mit dem richtigen Umgang damit, folgt ein entsprechender Gewinn.


Dieses Interview ist im Zuge unserer Medienkooperation mit dem Face-Club entstanden.


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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.