Anpassung als Führungskompetenz der Zukunft

Chamäleon

Für Paul Weißhaar sind Führungskräfte auch Zoo-Direktoren, haben sie doch mit Löwen, Elefanten, Zebras, Kranichen und schwarzen Jaguars zu tun – zu bändigen mit der Chamäleon-Methode.

Ein Gastbeitrag von Paul Weißhaar

Wie heißt es so schön, jede Jeck is anders – was nicht vor Büroetagen halt macht. Ob Feedbackrunde, Mitarbeitermotivation, Aufgabenverteilung, Menschen agieren und reagieren unterschiedlich. Was Führungskräften einiges abverlangt und ihnen durchaus ein Gefühl von einem Büro-Zoo vermitteln kann.

Je besser Führungskräfte sich an ihre Beschäftigten anpassen können, desto besser „liefern“ diese ab. Im Grunde müssen Führungskräfte wie Chamäleons sein. Die nämlich sehen nicht nur extrem scharf und können bis zu einem Kilometer weit schauen. Sie können ihre Umgebung fast rundherum scannen sowie sich ihr farblich perfekt anpassen. Dabei dient der Farbwechsel eines Chamäleons nicht nur der Tarnung, er ist vielmehr ein Einfügen in die Umgebung. Denn Chamäleons passen ihr Äußeres gemäß ihrer Stimmung an.

Charakterliche Facetten der Mitarbeiter kennen

Ein Chamäleon symbolisiert also essentielle Führungskompetenzen wie Durchblick, Weitblick und Kennerblick. Das heißt, eine Führungskraft muss den Durchblick haben – und nicht jedes kleinste Detail im Blick haben. Vielmehr muss sie die Gesamtsicht auf Team und laufende Projekte haben. Geht es dabei um die Verfolgung von Zielen und Visionen, ist ein Weitblick wichtig. Denn der Blick auf das Hier und Jetzt sowie auf das, was hinter uns liegt, reicht nicht aus, um auch zukünftig erfolgreich zu sein.

Und weil Artgenossen an der Farbe eines Chamäleons die Stimmung des Tieres erkennen können, wissen sie jederzeit, wie sie ihren Artgenossen zu nehmen haben: Bei Angst und Unterlegenheit färbt es sich schwarz; Stress lässt es heller aussehen. So, wie Chamäleons ihre Emotionen untereinander erkennen, sollten auch Führungskräfte sehen können, wo ihre Mitarbeitenden emotional stehen. Denn nur wenn sie die charakterlichen Facetten näher betrachten und die Motive ihrer Beschäftigten kennen, können sie angepasst kommunizieren und agieren:

Etappe 1: Unterschiede wahrnehmen und wertschätzen
Der Banker Alfred Herrhausen vertrat die Meinung: „Nur, wer sich selbst führen kann, kann auch andere führen.“ Dem stimme ich zu, ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Damit eine Führungskraft sich authentisch an seine Teammitglieder anpassen kann, muss sie zunächst wahrnehmen, dass sie sich zum Teil grundlegend von ihren Beschäftigten unterscheidet. Dabei ist das eine aber nicht schlechter als das andere. Denn gegenseitige Wertschätzung basiert auf einer sogenannten Ich-Projektionsfreiheit. Deshalb sollte ich meine eigenen Werte und Motive für mein Handeln nicht automatisch auf andere übertragen. Wie sonst könnte ich mit meinen Mitarbeitenden auf der menschlichen Beziehungsebene authentisch und empathisch kommunizieren?

Jeder mit seinen ihm eigenen Stärken

Die erste Schritt auf dem Weg zur Chamäleon-Führungskraft ist daher, immer erst sich selbst zu überprüfen und wahrzunehmen sowie zu akzeptieren, dass Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Persönlichkeiten haben. Eben jeder mit seinen ihm eigenen Stärken.

Etappe 2: Die entscheidenden Persönlichkeitsmerkmale identifizieren
Führungsarbeit ist Beziehungsarbeit. Ich muss meine Mitarbeitenden kennen, um sie zu Höchstleistungen motivieren zu können. Was den einen jedoch antreibt, kann den anderen in ein Burnout jagen. Wo aber fängt man eigentlich an? Denn jede Persönlichkeit ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Einen guten Einstieg in die Motivationstypologie bieten die fünf Motivationstypen von Prof. Dr. Werner Corell, die ich für meine Chamäleon-Methode in Tiere verwandelt habe:

  1. Der Löwe, der König der Tierwelt, zeigt seinen Status mit seinem Auftreten. Stets gut gekleidet stolziert er erhaben durchs Büro. Ganz klar: Er möchte wahrgenommen werden und zu jeder Zeit sein Revier und sein Rudel selbstbewusst dominieren. Dabei lässt sein großes Ego aber noch genug Raum für unerschütterlichen Optimismus. Außerdem bringt er richtig PS auf die Straße und sorgt so dafür, dass auch alle anderen wissen: Er hat alles im Griff.
  2. Der Elefant will auf keinen Fall auffallen. Und obwohl er durch Größe und Erfahrung im Grunde viel Raum einnehmen sollte, hält er sich bewusst so klein wie eine Maus. Was er weiß, und das ist eine Menge, teilt er gerne und jederzeit. Und weil er Veränderungen nicht leiden kann und auf keinen Fall seine altbewährte Komfortzone verlassen will, wehrt er sich mit Händen und Füßen gegen jegliche Veränderungen.
  3. Das Zebra ist „everybody‘s darling“. Es liebt das Team und lebt nach dem Motto: „Einer für alle und alle für einen.“ Auch schlichtet es jeden Streit. Denn nichts ist ihm wichtiger als Harmonie. Ein geborener Diplomat, ausgestattet mit allen nötigen Softskills. Nicht selten verliert es sich dabei jedoch in ausgiebigen Gesprächen mit den Kollegen und hält sie so von der Arbeit ab.
  4. Den Kranich begeistert nichts mehr als Zucht und Ordnung. Dabei kennt er Regeln und Prozesse in- und auswendig und bemerkt jede Anomalie sofort. Gilt es jedoch, Aufgaben mal nicht gemäß Prozess zu erledigen, bremst er alle aus. Denn so etwas löst seiner Ansicht nach ein Chaos aus, das er auf den Tod nicht leiden kann.
  5. Der schwarze Jaguar kommt in der Natur, wie auch im Büro, sehr selten vor. Die wenigen, die ich kenne, sind richtig gute Führungskräfte mit positiver, lässiger Ausstrahlung und Charisma. Sie sind empathisch, zielstrebig, entscheidungsfreudig und wollen jeden Tag ein bisschen besser sein als gestern. Kein Wunder, dass ihre Beschäftigten ihnen ganz von selbst folgen.

Wer jetzt anfängt, seine Teammitglieder gedanklich zu sortieren, ist ein großes Stück vorangekommen und kann demnächst Aufgaben entsprechend der Persönlichkeit seiner Mitarbeitenden delegieren. Für die Erstellung einer Vorstandspräsentation über die laufenden Projekte beispielsweise können Führungskräfte ihren Büro-Zoo entsprechend motivieren: Beim Löwen sollten sie betonen, dass sie sehr schätzen, wie er sich in die Denkweise des Topmanagements versetzen kann. Auch sollten sie ihm die Chance geben, seinen Namen auf die Präsentation zu setzen. Beim Elefanten ist es sinnvoll zu betonen, dass die Präsentation so überzeugen muss, damit die Projekte wie gewohnt weiterlaufen können – denn niemand scheut Veränderungen so sehr wie er. Der Kranich ist perfekt für Aufgaben, bei denen es auf Genauigkeit ankommt. Muss es jedoch schnell gehen und eventuell auch an den üblichen Prozessen vorbei, ist er schlecht für dieses Projektteam. Der schwarze Jaguar wiederum passt hier perfekt ins Team. Damit er die Aufgabe allerdings auch motiviert erledigt, müssen Führungskräfte ihm alle Freiheiten geben und ihn einfach manchen lassen.


Paul Weißhaar

Als internationaler Projektleiter bei Airbus setzte Paul Weißhaar mit multifunktionalen Teams komplexe Change-Projekte um. Bei der Airbus Leadership University unterstützte er Führungskräfte in Teambuilding und Mitarbeitermotivation. Seit 2020 vermittelt er als Unternehmensberater die Chamäleon-Methode, die auch als Buch Die Chamäleon Methode: Angepasst führen – authentisch bleiben im Montagshappen Verlag erschienen ist.


Etappe 3: Die Motivstrukturanalyse (MSA®) als wichtiger Baustein der Chamäleon-Methode
Diese Tiertypologie stößt allerdings schnell an ihre Grenzen, denn wir haben Anteile aller Tiere in uns. Das für mich wirkungsvollste Tool, um meine unterschiedlichsten Facetten, aber auch die der Menschen, mit denen ich arbeite, kennenzulernen und sie motivationsorientiert zu führen, ist die Motivstrukturanalyse (MSA®). Demnach sind die 18 Grundmotive Wissen, Prinzipientreue, Macht, Status, Ordnung, materielle Sicherheit, Freiheit, Beziehung, Hilfe/Fürsorge, Familie, Idealismus, Anerkennung, Wettkampf, Risiko, Sinnlichkeit, Essen, Spiritualität und körperliche Aktivität unsere inneren Antreiber, die einen maßgeblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen, unsere Kommunikation, unsere Projektionen und unser Verhalten haben. Die MSA-Auswertung zeigt dabei die gegenüberliegenden Eigenschaften der 18 Grundmotive, die jedem Menschen innewohnen, die aber unterschiedlich ausgeprägt sind. Jedem Motiv mit dem Ausschlag in die eine Richtung steht ein Motiv mit der gegensätzlichen Ausprägung gegenüber.

Sehr risikofreudigen Menschen beispielsweise stehen sehr risikobewusste gegenüber. Ersterer liebt neue Herausforderungen und würde eher in einem Boreout enden statt unter Druck und Stress zu leiden. Letzterer braucht ein ruhiges Umfeld, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Erst wenn wir anerkennen, dass diese Ausprägungen so individuell sind wie ein Fingerabdruck, und dabei keine Auswertung besser oder schlechter ist als die andere, erhalten wir den ich-projektionsfreien Blick auf unser Gegenüber. Und können so unseren Beschäftigten genügend Freiraum geben, ihren eigenen Weg zu den gewünschten Ergebnissen zu gehen.

Als Führungskraft wird man nicht geboren

Etappe 4: Das Team einbeziehen
Wer die Chamäleon-Methode erfolgreich einsetzen möchte, muss sein Team einbeziehen. Denn hier geht es nicht darum, seine Mitarbeitenden zu manipulieren, sondern gemeinsam mit ihnen die besten Ergebnisse zu erzielen. Eine Reflexion der eigenen Motive im gesamten Team führt deshalb auch zu gegenseitiger Empathie und Wertschätzung – statt zur Bewertung untereinander. Auch verbessert es die Qualität der Zusammenarbeit merklich. Denn Führungskraft und Team erkennen die Stärken und Schwächen im Miteinander und können diese ausbalancieren.

Etappe 5: Anwenden, anwenden, anwenden
Als Führungskraft wird man nicht geboren – auch wenn sich dieses Bild lange in der Managementdenke gehalten hat. Und obwohl die Chamäleon-Methode in der Theorie eher simpel erscheint, fordert sie in der Praxis viel Einsatz und Eigeninitiative. Daher ist es sinnvoll, zunächst in Gesprächen mit Menschen gegensätzlicher Motivationsausprägung zu überprüfen, welche Stärken mit diesen Ausprägungen einhergehen – und unseren Fokus darauf legen. Weil der Mensch dazu neigt, alles, was anders ist, abzulehnen, dürfen wir die eigenen Motivationen nicht aus dem Blick verlieren. Denn eine Weiterentwicklung erfolgt nur, wenn wir die Komfortzone der eigenen Grundmotive verlassen und das Gegensätzliche nicht nur akzeptieren, sondern auch wertschätzen.

Diese Art der Führung ist allerdings eine niemals endende Reise. Sie wird Ihnen aber fast immer gefallen, denn sie bereichert Ihre Arbeit enorm.

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