CEO-Studie: Anpassungsfähigkeit zählt am meisten

Gruppe von Personen

72 Prozent rechnen mit Stillstand oder Rückschritt. 92 Prozent betonen die Notwendigkeit radikaler Anpassung. Der Mythos vom allwissenden CEO bröckelt: Führung muss lernen, sich vernetzen, Tempo machen – oder scheitern.

Die Welt der CEOs steht unter Dauerstress. Geopolitische Brüche, wirtschaftliche Turbulenzen, technologische Umwälzungen – die Krisen überlagern sich und erreichen eine neue Dimension. Stabilität ist selten, Unsicherheit der Normalfall. Die aktuelle globale CEO-Studie “The CEO Response” von Egon Zehnder, basierend auf den Antworten von 1.235 Vorstandsvorsitzenden weltweit zeigt: Führung steht an einem Wendepunkt.

Das Bild ist ernüchternd. Rund 72 Prozent der CEOs erwarten, dass die globale Wirtschaft stagniert oder sich verschlechtert. Die Hoffnung auf stetiges Wachstum schwindet. Märkte zerfallen, Lieferketten brechen, politische Risiken entziehen sich der Berechenbarkeit. Viele Führungskräfte sprechen offen von einem Verlust an Planbarkeit. Prognosen greifen zu kurz, Strategien veralten schneller denn je.

Anpassungsfähigkeit als Schlüsselkompetenz

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtDoch die Studie bleibt nicht bei der Diagnose. Sie zeigt auch einen Wandel – leise, aber deutlich. An der Spitze der Unternehmen wächst eine neue Haltung. Die CEOs wirken weniger defensiv, weniger ideologisch, weniger dogmatisch. Stattdessen treten sie nüchterner, lernbereiter und selbstkritischer auf. 92 Prozent der Befragten sind überzeugt: Um in dieser Zeit zu bestehen, müssen sie und ihre Organisationen ein bisher unerreichtes Maß an Anpassungsfähigkeit entwickeln.

Anpassungsfähigkeit wird vom „Soft Skill“ zur strategischen Kernkompetenz. Für 59 Prozent der CEOs ist sie bereits heute der wichtigste Erfolgsfaktor – wichtiger als Innovation, Beziehungen oder Macht. Die Botschaft ist klar: Wer nicht schnell lernt, verliert. Wer nicht umlernen kann, wird irrelevant.

Reaktionsfähigkeit entscheidet über das Überleben

Diese Verschiebung zeigt sich auch in den Prioritäten. Mehr als die Hälfte der CEOs investiert gezielt in Innovation. 44 Prozent setzen auf Künstliche Intelligenz – nicht als Selbstzweck, sondern als Hebel für Geschwindigkeit, Skalierung und neue Geschäftsmodelle. 42 Prozent fördern Weiterbildung und Talententwicklung. Im Fokus steht nicht Effizienz, sondern Zukunftsfähigkeit.

Es geht weniger um technische Perfektion als um Beweglichkeit. Viele CEOs berichten, dass Transformation nichts Neues sei – neu sei das Tempo. Entscheidungen müssen trotz unvollständiger Informationen fallen. Führung wird situativ, iterativ, experimentell. Fünfjahrespläne verlieren an Bedeutung, während kurzfristige Reaktionsfähigkeit über das Überleben entscheidet.

Abschied vom Mythos des allwissenden CEOs

Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für Verantwortung über das eigene Unternehmen hinaus. 97 Prozent der Befragten sehen Möglichkeiten, zur globalen Prosperität beizutragen – innerhalb ihrer Organisationen oder darüber hinaus. Vier von zehn CEOs betrachten es als Pflicht, sich aktiv für gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität einzusetzen. Dabei betonen sie Wirkung statt Symbolik: Unternehmen sollen durch ihr Handeln, ihre Lieferketten, ihre Beschäftigungspolitik und ihre Innovationskraft Einfluss nehmen – nicht durch politische Gesten.

Der tiefere Wandel zeigt sich im Selbstverständnis der Führung. Die Studie dokumentiert den Abschied vom Mythos des allwissenden CEOs. Stattdessen etabliert sich ein neues Leitbild: der CEO als Lernender. Als jemand, der zuhört, Perspektiven integriert und Widersprüche aushält. 51 Prozent der Befragten nennen eine Kultur der Neugier und Offenheit als wichtigste Fähigkeit, um mit der heutigen Komplexität umzugehen. Nicht Kontrolle, sondern Erkenntnis wird zur Führungsaufgabe.


Mehr zum Thema:


Führung wird kollektiver und vernetzter

Diese Haltung verändert auch die Machtstrukturen. CEOs stützen sich stärker auf ihre Führungsteams und den Austausch mit anderen CEOs. Klassische Gremien wie Aufsichtsräte spielen eine geringere Rolle bei der Einordnung der Dynamik. Führung wird kollektiver, dialogischer, vernetzter.

Die Studie zeichnet kein Bild der Resignation, sondern eines stillen Realismus. Die CEOs wissen, dass sie die großen geopolitischen Kräfte nicht steuern können. Sie wissen auch, dass Prognosen oft trügen. Doch sie können ihre Organisation gestalten – ihre Kultur, ihre Lernfähigkeit, ihre Reaktionsgeschwindigkeit.

Adaptive Prinzipien statt starrer Strategien

Die Lösung liegt nicht darin, Unsicherheit zu beseitigen, sondern sie produktiv zu machen. Erfolgreiche Unternehmen entwickeln keine perfekten Antworten, sondern Systeme, die bessere Fragen stellen. Sie investieren nicht nur in Technologie, sondern in Menschen, die mit Ambiguität umgehen können. Sie ersetzen starre Strategien durch adaptive Prinzipien. Und sie begreifen Führung nicht mehr als Position, sondern als fortlaufender Entwicklungsprozess.

Der Wandel ist längst im Gange. Nicht laut, nicht spektakulär – aber tiefgreifend. Wer ihn erkennt, gewinnt Handlungsspielraum. Wer ihn ignoriert, verliert Zeit. In einer Welt permanenter Umbrüche wird Anpassungsfähigkeit zur entscheidenden Ressource. Nicht als Reaktion auf die Krise, sondern als neues Fundament unternehmerischer Stärke. Oder anders gesagt: Die Zukunft gehört nicht den Stärksten, sondern denen, die sich am schnellsten verändern.

Wir sind der Wandel-Newsletter

Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.