Eine neue Studie belegt: Wettbewerbsfähigkeit genügt nicht. Nur wenn Unternehmen Resilienz und Nachhaltigkeit in den Kern ihres Geschäfts rücken, können sie Krisen in strategische Chancen verwandeln.
Die deutsche Wirtschaft steht unter Dauerstress: Insolvenzen nehmen zu, Energiepreise schwanken, Lieferketten brechen, politische Rahmenbedingungen bleiben unberechenbar. Begriffe wie Deindustrialisierung und Polykrise prägen die Debatte. Viele Unternehmen reagieren defensiv: Sie senken Kosten, verschieben Investitionen, stoppen Nachhaltigkeitsprogramme. Doch genau das birgt Gefahr.
Die Studie “Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz trotz Krise” der Bertelsmann Stiftung zeigt klar: Wer jetzt auf Rückzug setzt, verspielt die Zukunft. Wettbewerbsfähigkeit allein genügt nicht mehr. Auch isolierte Nachhaltigkeitsansätze greifen zu kurz. Erst das Zusammenspiel von Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit entscheidet, welche Geschäftsmodelle die Krisen von heute überstehen – und die Märkte von morgen gestalten.
Was erfolgreiche Unternehmen anders machen
Die Studie basiert auf einer Befragung von 500 Unternehmen der deutschen Realwirtschaft. Die Ergebnisse widersprechen der Krisenrhetorik: Über 90 Prozent der Unternehmen haben ihre Wertschöpfung in den letzten zehn Jahren verändert. Rund 60 Prozent taten dies mit Nachhaltigkeit als zentralem Treiber. Transformation ist längst Realität – aber ungleich verteilt.
Die Autor:innen messen erstmals den Reifegrad nachhaltiger Geschäftsmodelltransformation (NGMT). Dieser kombiniert zwei Faktoren: die Fähigkeit, Geschäftsmodelle zu verändern, und die strategische Verankerung von Nachhaltigkeit. Der Durchschnittswert liegt bei 0,38 auf einer Skala von 0 bis 1. Das zeigt Fortschritte – und ungenutzte Potenziale.
Besonders aufschlussreich ist die Typologie:
– Adaptoren (über 60 Prozent) passen Prozesse an, optimieren Produkte und reagieren auf äußeren Druck.
– Innovatoren (15 Prozent) entwickeln neue Angebote, erschließen Geschäftsfelder und denken Nachhaltigkeit systematisch.
– Transformatoren (1,2 Prozent) verändern ihre gesamte Wertschöpfungslogik.
Der entscheidende Befund: Je stärker Unternehmen ihr Geschäftsmodell transformieren, desto tiefer verankern sie Nachhaltigkeit – und umgekehrt. Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor, sondern ein Verstärker der Wettbewerbsfähigkeit.
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Die Dreifach-Dividende strategisch nutzen
Die Studie entwirft ein neues Zielbild: die Dreifach-Dividende aus Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit. Sie entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch gezielte Fähigkeiten im Kern des Geschäftsmodells.
Vier Faktoren machen den Unterschied:
- Stakeholdermanagement: Unternehmen mit hohem Reifegrad binden systematisch Anspruchsgruppen ein – nicht nur Kund:innen und Eigentümer:innen, sondern auch Mitarbeitende, Banken, Investor:innen, die Zivilgesellschaft und junge Generationen. Das stärkt Legitimität, sichert Ressourcen und erhöht die Anpassungsfähigkeit in Krisen.
- Lern- und Veränderungsbereitschaft: Reife Unternehmen nutzen Regulierung und gesellschaftliche Erwartungen als Innovationsquelle. Sie wehren Nachhaltigkeitsanforderungen nicht ab, sondern übersetzen sie in neue Geschäftslogiken.
- Konstruktive Perspektiven: Transformatoren sehen Dekarbonisierung, nachhaltige Finanzmärkte und Kreislaufwirtschaft nicht als Risiko, sondern als Chance. Diese Haltung entscheidet, ob Unternehmen blockieren oder gestalten.
- Innovationskraft: Unternehmen mit hoher Innovationsintensität – etwa bei neuen Dienstleistungen, digitalen Lösungen oder zirkulären Wertschöpfungsketten –erreichen deutlich höhere Reifegrade. Nachhaltigkeit wirkt dabei als strategischer Beschleuniger, nicht als moralischer Zusatz.
Die Studie zeigt: Unternehmen, die diese vier Fähigkeiten entwickeln, liegen im NGMT-Reifegrad um bis zu 0,54 Punkte höher – ein Vorsprung von bis zu drei Reifegradstufen.
Transformation ist Überlebensstrategie
Die Botschaft der Studie ist eindeutig: Es gibt kein Zurück. Nachhaltigkeitsbemühungen zu bremsen wäre ein teurer Fehler. Die Krise ist kein Hindernis für Transformation, sondern ihr stärkster Antrieb.
Resiliente Unternehmen reagieren nicht nur auf Schocks – sie nutzen sie als Wendepunkte. Sie entwickeln Geschäftsmodelle, die auch unter veränderten politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen tragfähig bleiben. Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht trotz Nachhaltigkeit, sondern durch sie.
Wer heute sein Geschäftsmodell weiterentwickelt, sichert die Resilienz von morgen. Genau das ist der Wandel, den die deutsche Wirtschaft jetzt braucht.

