Warum Dominanz Unternehmen lähmt – und Resonanz sie stärkt

Wolkenkratzer von unten

Dominanz zerstört oft still und unbemerkt: Brigitte Witzer erklärt, wie veraltete Machtstrukturen die Wirtschaft ausbremsen – und wie Führung mit Autorität, Präsenz und Resonanz den Weg in die Zukunft ebnet.

Die Wirtschaft krankt nicht an mangelnder Effizienz, sondern an einem überholten Machtverständnis. Dominanz prägt weiterhin Entscheidungen, Karrieren und Unternehmenskulturen – oft unsichtbar, aber wirksam. Brigitte Witzer analysiert in „Das Ende der Dominanz“ diese verdeckte Ordnung und zeigt, warum sie nicht nur menschlich problematisch, sondern auch ökonomisch schädlich ist. Ihr Buch erzählt von lähmender Macht – und von tragender Autorität.

Die stille Gewalt der Dominanz

Die Managementberaterin beginnt dort, wo Dominanz selten hinterfragt wird: im Alltag großer Organisationen. Ein Townhall-Meeting in einem DAX-Konzern. Der CEO spricht locker über Restrukturierungen. Fragen sind erlaubt, bleiben aber oberflächlich. Nach dem Ende herrscht Frust. Die Fäuste bleiben in den Taschen, der Satz „Ändern kann man da sowieso nichts“ wird zum Leitmotiv. Dominanz wirkt hier nicht laut, sondern resignativ. Sie fördert Anpassung statt Verantwortung, Schweigen statt Mitdenken.

Diese Form der Macht ist kein Zufall, sondern System. Witzer beschreibt Hierarchien, Rangordnungen und Monokulturen als Stützen traditioneller Autorität. Ob Vorstandsetagen, die von homogener Männlichkeit geprägt sind, oder Organisationen, die Entscheidungen modern inszenieren, aber klassisch durchsetzen: Dominanz bleibt bestehen, obwohl New Work, Agilität und Sinnorientierung längst propagiert werden.

Dominanz wird entpersonalisiert – und dadurch unangreifbar

Irrtümer und Mythen rund ums ArbeitsrechtBesonders stark wirkt Dominanz, wenn sie verdeckt bleibt. Manipulation ersetzt klare Ansagen, Machtspiele verdrängen Verantwortung. Das Drama-Dreieck aus Täter, Opfer und Retter wird zum Ritual in Kaffeeküchen und Gremien. Es erzeugt Bewegung, aber keine Lösungen. Gestaltungsmacht entsteht nicht – nur die Illusion von Bedeutung.

Hinzu kommt eine zweite Ebene: die Dominanz der Strukturen. Technologie, Zahlen und Algorithmen bestimmen das Denken. Witzer zeigt eindrücklich, wie Technikgläubigkeit menschliche Kreativität verdrängt und Organisationen dem Messbaren mehr vertrauen als dem Sinnvollen. So wird Dominanz entpersonalisiert – und dadurch unangreifbar.

Die Entdeckung einer anderen Macht

Der Wendepunkt im Buch ist praktisch, nicht theoretisch. Witzer unterscheidet, mit Hanna Arendt, zwischen „Macht über“ und „Macht für“. Diese Differenz verändert alles. Macht über andere basiert auf Kontrolle, Drohung und Status. Macht für etwas entsteht aus Verantwortung, Präsenz und Legitimation.

Diese Erkenntnis ist für Witzer biografisch prägend. Sie beschreibt ihre Ernüchterung über Vorstandsgremien, in denen höfliche Gespräche Machtinteressen verschleiern und Zahlen wichtiger sind als Folgen. Die Befreiung kommt mit der Einsicht. Nicht sie verweigert Macht – sie sucht eine andere Form davon.

Der stärkste Moment des Buches ist eine Szene aus dem Jahr 1992. Witzer begleitet Michail Gorbatschow durch eine Großdruckerei. Der Mann, der Weltgeschichte prägte, zeigt Präsenz, wendet sich jedem Arbeiter zu, hört zu, nimmt sich Zeit. Seine Autorität entsteht nicht aus Dominanz, sondern aus Resonanz. Hier wird greifbar, was Witzer theoretisch entwickelt: Höchster Status schließt Augenhöhe nicht aus – er ermöglicht sie.

Diese Erfahrung wirkt wie ein Gegenbild zur gängigen Führungslogik. Sie zeigt: Autorität braucht weder Überwältigung noch Manipulation. Sie entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen.


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Führung durch Resonanz statt Dominanz

Aus dieser Erfahrung entwickelt Witzer ein klares Führungsverständnis. Die Zukunft liegt nicht in der Abschaffung von Hierarchien, sondern in ihrer Transformation. Augenhöhe bedeutet nicht Gleichmacherei oder endlose Diskussionen. Sie bedeutet legitime Autorität ohne Gewalt, klare Verantwortung ohne Übergriff.

Führung auf Augenhöhe bindet Mitarbeitende ein, statt sie zu überfahren. Sie schafft Räume für Verantwortung, statt Entscheidungen zu delegieren und Kontrolle zu verschärfen. Sie setzt Grenzen offen, statt sie durch Machtspiele zu sichern.

Witzer zeigt, dass Dominanz kurzfristig Zeit spart, langfristig aber Energie zerstört. Sie reduziert Komplexität auf Befehle und erzeugt funktionale, aber leblos-abgearbeitete Aufgaben. Resonanz hingegen weckt Neugier, Präsenz und Persönlichkeit. Sie macht Menschen wirksam – und Organisationen lernfähig.

Wirtschaftlicher Erfolg in komplexen Zeiten braucht soziale Intelligenz

Witzer bleibt realistisch. Dominanz ist evolutionär verankert. Angriffsreflexe lassen sich nicht abschaffen, nur reflektieren. Führung erfordert Bewusstsein. Projektionen, Statussicherung und Verlustängste müssen erkannt werden, um handlungsfähig zu bleiben.

Am Ende steht kein utopisches Ideal, sondern ein nüchterner Befund: Wirtschaftlicher Erfolg in komplexen Zeiten braucht soziale Intelligenz. Unternehmen, die weiter auf Dominanz setzen, verlieren nicht nur Talente, sondern auch ihre Zukunftsfähigkeit.

„Das Ende der Dominanz“ ist kein Appell zur Nettigkeit, sondern ein Plädoyer für Wirksamkeit. Für eine Autorität, die nicht niederdrückt, sondern aufrichtet. Für eine Wirtschaft, die versteht: Resonanz gewinnt Meisterschaften.

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.