Always-on: Der Stress kommt nicht von den Geräten

Mann sitzt mit Laptop am Tisch

Wir greifen ständig zum Smartphone und halten das für normal. Eine Studie der IU zeigt, warum genau diese Normalisierung zum Risiko für Arbeit, Gesundheit und Beziehungen wird.

Deutschland ist online, bevor der Tag beginnt. 75,1 Prozent greifen innerhalb von 30 Minuten nach dem Aufwachen zu Smartphone, Tablet, Laptop oder Smartwatch. 36,2 Prozent tun es sofort. Abends sieht es ähnlich aus: 73,8 Prozent nutzen digitale Geräte in der letzten halben Stunde vor dem Einschlafen, 40,4 Prozent direkt davor. Bei den 16- bis 30-Jährigen liegen die Zahlen noch höher: 86,9 Prozent morgens, 86,3 Prozent abends.

Die IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland“ zeigt, dass dies kein Randphänomen ist. Sie beschreibt eine Gesellschaft in permanenter Empfangsbereitschaft. 81 Prozent der Befragten schauen mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihre Geräte – oft ohne Benachrichtigung. 47,1 Prozent tun es dreimal oder häufiger. Bei den 16- bis 30-Jährigen prüfen 90,6 Prozent mindestens ein- bis zweimal pro Stunde, 68,1 Prozent sogar dreimal oder öfter.

Das Smartphone: Vom Werkzeug zum Taktgeber

Im Fokus Mentale Gesundheit

Die Studie trennt klar zwischen Technik und Belastung. Digitaler Stress entsteht nicht durch Geräte allein, sondern durch ständige Anforderungen, die als unkontrollierbar empfunden werden oder Erholung verhindern. IU-Professorin Stefanie Andre beschreibt dies als permanenten mentalen Aktivierungszustand. Der Tag verliert klare Übergänge: Aufwachen, Arbeiten, Essen, Gespräche, Freizeit, Schlaf – digitale Reize begleiten alles.

Besonders deutlich wird das bei der Parallelnutzung. 62,8 Prozent greifen beim Essen, im Gespräch oder beim Fernsehen zum Smartphone. Bei den 16- bis 30-Jährigen sind es 73,1 Prozent. Digitale Ablenkung zerstückelt Momente, die eigentlich Konzentration oder Nähe erfordern.

Langeweile wird zur Routine

Die Studie zeigt eine Kluft zwischen Selbstbild und Verhalten. Fast drei Viertel der Befragten prüfen Apps und Nachrichten aus Gewohnheit, ohne Anlass. Wirtschaftspsychologe Timo Kortsch erklärt dies mit dem Gewohnheitskreislauf: Auslöser wie Langeweile oder Leerlauf führen zur Routine – dem Griff zum Smartphone. Die Belohnung: ein kurzer Reiz, eine Nachricht, ein soziales Signal. Das Gehirn lernt: Prüfen lohnt sich.

Gleichzeitig glauben viele, die Kontrolle zu haben. Die Studie zeigt keine klassische Geschichte vom Kontrollverlust, sondern etwas Subtileres: Normalisierung. Wer ständig erreichbar ist, empfindet das irgendwann als normal. Genau hier liegt die Gefahr.


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Erreichbarkeit erzeugt Druck

Die Belastung hat viele Quellen. 42,2 Prozent der Berufstätigen fühlen sich ständig erreichbar, 32,9 Prozent sogar außerhalb der Arbeitszeit verpflichtet. Über die Hälfte glaubt, das Umfeld erwarte schnelle Antworten. Familie, Beruf und Freunde erzeugen den größten Druck.

Anzeige GehaltstrainingErreichbarkeit bringt Tempo, schadet aber der Konzentration. Unternehmen fordern Reaktionsfähigkeit, Kunden und Teams erwarten Schnelligkeit. Doch die Studie zeigt: Ständige Verfügbarkeit führt nicht nur zu Überlastung, sondern auch zu schleichender Aktivierung. 44,2 Prozent fühlen sich gedanklich ständig „auf Empfang“. 46,3 Prozent sind angespannt, selbst wenn sie abschalten wollen. 51,7 Prozent haben Probleme, sich zu konzentrieren, wenn Geräte in der Nähe sind. 37,2 Prozent lassen sich leicht ablenken, 34,2 Prozent brauchen nach Unterbrechungen lange, um wieder in Aufgaben hineinzufinden.

Für Unternehmen ist das entscheidend. Erreichbarkeit verkürzt Reaktionszeiten, verlängert aber oft die Bearbeitungszeit. Die Studie liefert keine Produktivitätsrechnung, sondern einen grundlegenden Hinweis: Verfügbarkeit und fokussierte Leistung sind nicht dasselbe.

Die Studie fordert keine digitale Askese, sondern Resilienz

Auch Erschöpfung nimmt zu. 63,2 Prozent fühlten sich in den letzten vier Wochen emotional oder mental ausgelaugt, 32 Prozent sogar häufig oder täglich. Frauen berichten häufiger davon. Der Schlaf leidet ebenfalls: 31,9 Prozent hatten häufig oder täglich Ein- oder Durchschlafprobleme, weil sie zu viel nachdachten. Bei Frauen liegt der Anteil bei 38,6 Prozent, bei Männern bei 25 Prozent.

Chefsache – Entscheider im GesprächDie Studie zeigt weitere Muster: 56 Prozent wünschen sich mehr Offline-Zeit. Bei den 16- bis 30-Jährigen sind es 68,2 Prozent, bei den 31- bis 45-Jährigen 62,1 Prozent. Gleichzeitig fürchten 33,7 Prozent, offline etwas zu verpassen. Bei den unter 30-Jährigen betrifft das 47,1 Prozent. Der Wunsch nach Distanz kollidiert mit sozialen Normen, beruflicher Erreichbarkeit und der Angst, etwas zu verpassen.

Die Studie fordert keine digitale Abstinenz, sondern Resilienz – ein Zusammenspiel aus persönlichem Verhalten, klaren Routinen und Rahmenbedingungen. Viele handeln bereits: Sie schalten Push-Benachrichtigungen aus, nutzen den „Nicht stören“-Modus, lassen Geräte bewusst liegen oder nehmen Auszeiten. Mehr als die Hälfte der Befragten setzt solche Maßnahmen um; bei einer abgefragten Maßnahme liegt die Zustimmung bei 59 Prozent.

Digitaler Stress ist kein individuelles Versagen

Der größte Hebel liegt jedoch nicht beim Einzelnen. Kortsch fordert klare Regeln für Erreichbarkeit und Antwortzeiten in Unternehmen – nicht als Bürokratie, sondern um Druck zu mindern. Andre geht weiter: Erholung müsse strukturell verändert werden, nicht als Extra, sondern als fester Bestandteil des Alltags.

Die Zukunft des WissensDas ist die zentrale Botschaft der Studie. Digitaler Stress ist kein individuelles Versagen, sondern ein Problem von Organisation, Familie, Arbeit und Gesundheit. Wer ihn allein mit Selbstdisziplin lösen will, verkennt die Realität. Die meisten wissen, dass ihnen mehr Offline-Zeit guttun würde. Viele schaffen es nur nicht.

Der Wandel beginnt nicht mit der nächsten App. Er beginnt mit einer unbequemen Frage: Welche Art von Arbeit, Beziehung und Alltag entsteht, wenn niemand mehr wirklich unerreichbar sein darf?

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Sabine Hockling

Die Chefredakteurin Sabine Hockling hat WIR SIND DER WANDEL ins Leben gerufen. Die Wirtschaftsjournalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Veränderungen unserer Arbeitswelt. Als Autorin, Herausgeberin und Ghostwriterin veröffentlicht sie regelmäßig Sachbücher – seit 2023 in dem von ihr gegründeten DIE RATGEBER VERLAG.